Der Neue Merker

LINZ/Musiktheater des Landestheaters: EINE NACHT IN VENEDIG. Premiere

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„Eine Nacht in Venedig“ – in der Realität. Fotografiert von Helmut und Petra Huber

Linz: „Eine Nacht in Venedig“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 02. 12.2017

„Komische Operette“ in drei Akten von Friedrich Zell (recte Camillo Walzel) und Richard Genée nach dem Libretto von Eugène Cormon und Michel Florentin Carré zu Francois Auguste Gevaerts Opéra-comique „Le Château Trompette“, Musik von Johann Strauss d. J.; Textfassung von Karl Absenger und Joesi Prokopetz
In deutscher Sprache mit Übertiteln

War die „Fledermaus“ sofort ein großer Erfolg, war der neunten der 15 komplettierten Operetten des „Walzerkönigs“ 1883 zunächst etwas differenzierte Aufnahme beschieden: Berlin war Uraufführungsort geworden, weil Lilly Strauss ihren Gatten verlassen und zu Franz Steiner, dem Besitzer des Theaters an der Wien, an sich Strauss‘ musiktheatralische Heimat, gezogen war. Das Libretto ist sicher nicht das stärkste (z. B. wurde der Walzer von den „Herrlichen Frauen“ ursprünglich auf „Nachts sind die Katzen ja grau, da tönt es zärtlich Miau“ gesungen… und in Berlin verspottet, ansonsten wurde aber fleißig applaudiert). Allerdings war schon die Versöhnung mit der Leitung des Schikanederschen Hauses eingefädelt worden, und die dortige Premiere fand bereits 6 Tage nach der Uraufführung statt. Hier wurde, auch ein bissl mit einem auftrumpfenden Seitenblick zum „Brudervolk“ im Norden, das überarbeitete Werk, justament, lautstark bejubelt.

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Matthäus Schmidlechner, Fenja Lukas. © Sakher Almonem

Bei dieser Wiener Fassung blieb es allerdings nicht: die meistverwendete, von einer satten Orchestrierung gekennzeichnete, stammt von Erich Wolfgang Korngold, 1931. Der erfahrene Operettenspezialist Karl Absenger hatte für seine Inszenierung in Mörbisch 2015 eine eigene Text- und Handlungsfassung erstellt, zusammen mit dem Autor und Kabarettisten Josef „Joesi“ Prokopetz. Diese ist auch in seiner Linzer Inszenierung zu sehen. An Noten besorgte man sich die sozusagen zweite Urfassung, von der Wiener Erstaufführung vom 9. Oktober 1883, die eher schlank und nahe am Strauss’schen Tanzorchester besetzt ist. Von Korngolds Änderungen wurde das Schwipslied der Barbara (eigentlich die „Annen-Polka“ op. 117) beibehalten, und außerdem schaute der „Vergnügungszug“ (op. 281) zu einer speziellen Showeinlage am Markusplatz vorbei.

Absenger und Prokopetz haben die Handlung ins Heute verlegt – bei diesem Werk angesichts von Handlungsort und -jahreszeit keinerlei Enttäuschung aller, die prächtige Kostüme erwarten: Götz Lanzelot Fischer durfte sich da wirklich, von noblem Barock über Commedia dell’Arte bis zu Filmfiguren, austoben! Allerdings bleibt unverständlich, warum die Touristenscharen zur Karnevalszeit so sommerlich gekleidet sind. Die Kulisse (Walter Vogelweider) wird, angesichts des Zaubers dieser Stadt, ebensowenig Wünsche des Besuchers offen lassen, auch wenn der zweite Akt nicht in einem Palazzo, sondern an Bord eines Kreuzfahrtschiffes spielt. Dieses trägt den Namen der ursprünglichen Zentralfigur des Stückes, des Casanovajüngers Herzog von Urbino. Dessen Rolle übernimmt der Kapitän dieses Schiffes, sein Barbier Caramello wird zum Ersten Offizier. Die Senatoren verhandeln über die Problematik der Kreuzfahrtschiffe im Giudeccakanal, als sich das genannte Schiff auf wallenden Wassern zwischen die stimmungsvoll leicht impressionistisch dargestellten Häuser schiebt… und da dieses Schiff einer venezianischen Reederei gehört, müsse schon man auch den finanziellen Vorteil der Stadt ein bißchen im Auge behalten, sind sich Konservativ und Links/Grün rasch und in flotten Reimen einig – abgesehen davon, daß bald die Neubesetzung des Aufsichtsratspräsidenten der Reederei ansteht, was ja für einen Senator ein adäquater und lukrativer Karriereschritt wäre. Also: der ursprüngliche Sinn einer Operette als unterhaltungsträchtige Form der politischen Satire wurde von den Neutextern erfolgreich beachtet (dramaturgische Betreuung: Christoph Blitt)! Auch wurden einige Gesangstexte passend geändert, nicht unbedingt schlechter geschrieben als die originalen…

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Fenja Lukas, Thersa Grabner, Matthäus Schmidlechner. © Sakher Almonem

Absengers Regie nutzt die große Bühne bei den vielen Massenszenen gut aus, und läßt Chor und Statisten oft auch im Saal oder vor dem Orchester, auf der Passarelle, agieren. Bei kleinen Ensembles wirken die Darsteller freilich oft etwas einsam auf der großen Bühne, und die erste Hälfte des zweiten Aktes strotzt auch nicht von tempo. Dafür entschädigen die außerordentlich prächtigen Kostüme und witzige Ideen wie der akrobatische Auftritt einer Breakdancetruppe im dritten Akt, eben zum „Vergnügungszug“; daß dieser Tanzstil perfekt mit der 140 Jahre alten Musik zusammengeht, ist das Verdienst von Choreographin Christina Comtesse. Und für den als Zwischenaktsmusik vom 2. zum 3. Akt eingesetzten Hauptschlager „Ach wie so herrlich zu schaun“ leistet sich die Direktion immerhin (die) drei Tenöre! (der männlichen Hauptrollen)

Die Personenregie wirkt eher brav. Der Kapitän/Herzog (stimmlich gut Matthäus Schmidlechner) macht nicht (mehr) den Eindruck des großen Verführers – er gleicht Don Giovanni: ein Ruf wie Donnerhall, aber er bringt nichts mehr auf die Reihe; hier wird er schließlich selbst AR-Vorsitzender: in Hinblick auf seinen bisherigen Lebensstil ein eher unhappy end. Caramello (Richard Samek) ist deutlich umtriebiger und stellt auch einen Bilderbuchitaliener dar, die Stimme mit Schmelz, sicherer Höhe und einer passenden kleinen Dosis Schmalz.
Bartolomeo Delaqua, Finanzsenator, ist mit Geriebenheit Günter Rainer, der mitunter auch passabel singt. Auch Barbara, seine Frau, ist überwiegend eine Sprechrolle, hat aber mit ihrem Schwipslied eine sehr unterhaltsame Soubrettennummer, die Gotho Griesmeier mit roter Mähne à la Milva, Bravour und ansteckendem Spaß an der Sache absolviert.

 

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Ensemble. © Sakher Almonem

Koch/Wirt Pappacoda ist Mathias Frey mit Charme, Eleganz und einem sauberen, aber nicht sehr druckvollen Tenor. Fenja Lukas gibt eine quicklebendige Annina mit vorzüglicher Stimme; Theresa Grabner steht ihr als Ciboletta nicht nach. Die Senatorengattin Agricola, die auch mit „So ängstlich sind wir nicht“ einen Schlager präsentieren darf, wird von Christa Ratzenböck mit Humor und adäquater Stimme gegeben, ihre Standeskollegin Constantia (Ulrike Weixelbaumer) hat einen nur sehr kurzen Auftritt.
Die Sprechrollen der Senatoren Barbaruccio und Testaccio (Alfred Rauch und Erich Josef Langwiesner) sind kompetent besetzt, und in einem Prolog können wir uns an der Sprechkunst von Peter Matić erfreuen. Eine stumme Traumfigur (Bartolomiej Sawitzki), modelliert als schwarz-weißer Harlekin, (ent)führt das Publikum in die Zauberwelt der Serenissima.
In weiteren Rollen Philipp Meraner (Piselli), Ulf Bunde (Steward).

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Gotho Griesmeier. © Sakher Almonem

Der Chor des Landestheaters hat viel zu singen wie zu laufen; gelungene Einstudierung: Martin Zeller.
Das präzise Bruckner Orchester spielt seidig und elegant. Dirigent Marc Reibel ließ die Walzermelodien, bei eher vorsichtiger Lautstärke, tanzen und schweben und hatte die Koordination von Graben mit dem Bühnengeschehen gut im Griff; die Gesangsensembles funktionierten erstklassig.

Eine gediegene, an Schauwerten reiche Aufführung, der aber zur Perfektion der zündende Funken, der Sprizz zum Aperol, fehlte. Zufriedener Applaus für alle Beteiligten, mit Extraportionen für Herrn Samek und die Damen Lukas und Grabner.

Petra und Helmut Huber

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