Der Neue Merker

LINZ/Musiktheater: „CIRKOPOLIS“– Eröffnungsabend eines Sommergastspiels. „Eine atemberaubende Mischung aus Artistik, Theater und Tanz“ des Cirque Éloize, Montréal, Canada

Linz:„CIRKOPOLIS“– Eröffnungsabend eines Sommergastspiels am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 13. 07.2017

Eine atemberaubende Mischung aus Artistik, Theater und Tanz“ des Cirque Éloize, Montréal, Canada

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Copyright: Linzer Landestheater

In wenigen Ländern dieser Erde gibt es eine akademische Ausbildung für Zirkuskunst; Kanada gehört dazu; der „Cirque du Soleil“ ist das bekannteste Resultat dieser Ausbildung. Nach gemeinsamen Projekten ab 1991 gründeten 1993 Claudette Morin, Jeannot Painchaudund Daniel Cyr ihr eigenes Unternehmen, das eine Synthese aus Tanz, Theater und Artistik zum Ziel hat, im stillgelegten ursprünglichen Bahnhof von Montréal, der Dalhousie Station: Cirque Éloize. Dieser betreibt derzeit 3 shows: ID, Saloon und Cirkopolis.

Es gibt einen Handlungsrahmen: Beginn ist in einem nüchternen Büro, in dem ein überlasteter Sekretär mit der Papierflut kämpft. Die Szenerie erinnert etwas an Fritz Langs “Metropolis” und an Chaplins „Modern Times“, freilich jetzt, als Projektion,schön dreidimensional im Computer generiert und damit auch mit einer Spur von Scorseses „Hugo Cabret“ garniert. In riesigen Hallen und unter den Räderwerken laufen die vorerst grauen Kollegen des Schreibers herum, wobei dann rot gekleidete Frauen mehr und mehr Charme, Leben und Munterkeit ins Bild bringen. Zum Finale hin wird es vollends bunt, und die aufgetürmten, bis dahin unbewältigte Akten beginnen zu flattern wie Vögel und fliegen davon, während alle, befreit von Last und Bürokratie, in fröhlichem Chaos feiern.

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Copyright: Linzer Landestheater

Schon während das Publikum in den (ausverkauften) Saal strömt, wuseln zwei der Darsteller zwischen und über den Sitzreihen herum, balancieren auf Balustraden – und kassieren damit schon, bevor sich der Vorhang hebt, den ersten Applaus. Was dann anhebt, ist schlicht unglaublich: alleine schon, was man mit Schreibtischen und Bürosesseln bestimmungswidrig (?) anfangen kann. Alle 12 Tänzerakrobatenpantominenpräsentieren ein Massenjonglieren mit Keulen, Solistinnen und Solisten zeigen die Lyrik, die dem Cyr-Reifen innewohnen kann, und Atemberaubendes an verschiedenen Trapezvarianten. Was ein Paar an einer Vertikalstange vollführt, läßt einen um jeden einzelnen Knochen der beiden bangen – am erschreckendsten, als sich der Akrobat Kopf voran richtung Boden sausen läßt, um 10 cm vor dem Aufschlag abzustoppen. Eine Seilartistin verknotet sich in 5, 6 m Höhe in immer neuen Varianten in ihr Sportgerät, ein Quintett vollführt mit dem Rhönrad Dinge, die zum sofortigen Ausschluß aus einem ehrwürdigen Turnverein führen würden, und auch ein Kleiderständer kann zu akrobatisch-humoristischem Mißbrauchanregen. Das gute alte Kinderspielzeug Diabolo entzieht sich in den Händen von Herrn Urawa gänzlich der Schwerkraft. Zwischendurch und bis zum Finale mit stetiger Steigerung Bodenakrobatik, Menschentürme in allen Varianten und Sprünge mit dem Schleuderbrett.

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Die Ausführenden kommen aus vielen Ländern: Colin André-Hériaud (F), SeleneBallestreros-Minguer (Uruguay), Pauline Baud-Guillard (F), Ashley Carr (GB), AaronDewitt (USA), Jonathan Julien, Frédéric Lemieux-Cormier, Alexie Maheu (CAN), ArataUrawa (JAP), Jérémy Vitupier (F), Antonin Wicky und Nora Zoller (CH).

 

Natürlich wird alles mit (großteilseigener) Musik (Stéfan Boucher und Lucie Cauchon) untermalt und rhythmisiert – von traditionellem Jazz bis zu elektronischem House, aber auch Balladen und Chorstücke hört man; die Klänge kommen aus der Konserve – sicher nicht trivial, dies so glatt mit der Bühne zu synchronisieren.

Das Produktionsteam Jeannot Painchaud, Dave St-Pierre und Robert Massicotte hat zusammen mit dem Akrobatikberater Krzystof Soroczynski und den Ausstattern Liz Vandal, Nicolas Descôteaux und Alexis Laurence eine show auf die Bühne gebracht, die den Begriff „Zirkus“ gründlich sprengt; obwohl die akrobatischen Leistungen Weltspitze sind, brillieren die Akrobatinnen und Akrobaten aber genausoals Tänzer und Pantomimen.

Die 1½ Stunden gehen viel zu schnell vorbei, das Publikum ist rundum begeistert.

Das Programm ist noch bis 29. Juli in 19 Aufführungen zu sehen.

 

Petra und Helmut Huber

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