Der Neue Merker

LINZ/ Neues Schauspielhaus: DER STURM“– Wiedereröffnungspremiere am nunmehrigen Schauspielhaus des Landestheaters an der Promenade. Premiere

Linz:„DER STURM“– Wiedereröffnungspremiere am nunmehrigen Schauspielhaus des Landestheaters an der Promenade, 01. 04.2017

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Joachim Rathke, Christian Manuel Oliveira, Eva-Maria Aichner. Copyright: Christian Brachwitz

Romanze von William Shakespeare in der Übersetzung von Bernhard Klaus Tragelehn

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gibt es in Linz ein Theater in einem außen dem Stadtgraben angrenzenden Haus: nach Provisorien wurde 1788 – damals war ein gewisser Emanuel Schikaneder Leiter des Instituts – ein Theater in den heute noch in ihrem Rokoko-Ornat von 1773 existierenden Redoutensälen auf Initiative eines Achatz von Stiebareingerichtet. Ein Feuer im Jahre 1800 war Anlaß zu einer Neugestaltung des Viertels, im Zuge derer, im Anschluß an das BallhausrichtungSchloßberg, das „Landständische Theater“ errichtet wurde. 1803 konnte es eröffnet werden, Um- und Neubauten folgten.

Seit den frühen 1950ern befindet sich das Haus in öffentlicher Hand (Land OÖ, vorübergehend auch Stadt Linz). 1957 wurde durch Clemens Holzmeister eine gründliche Renovierung samt einem Anbau nochmals zum Berg hin, den „Kammerspielen“, vorgenommen. Diese beinhaltete ein gestalterisches Gesamtkonzept, das auch Details wie eigens entworfene Leuchtkörper oder die Aufstellung von Skulpturen umfaßte: ein Deckengemälde des Linzer Malers Fritz Fröhlich dominiert den Saal, in den Foyers wurden Werke von Gudrun Baudisch, Walter Ritter und Rudolf Kolbitsch integriert. Diese wurden in den folgenden Jahren teils wieder entfernt, aber eingelagert.

Als nun nach Auszug der Musiksparte eine Generalsanierung anstand, wurden nicht nur die Sitz-, Lüftungs- und Sicherheitsverhältnisse (und Arbeitsplätze hinter der Bühne!) verbessert, sondern auch die Holzmeistersche Gestaltung wieder weitestgehend hergestellt – ein ziemlicher Spagat zwischen Denkmalschutz und Theaterpraxis… Jedenfalls: die vom Meisterarchitekten gewollte 50er-Jahre Eleganz ist erfolgreich wieder hergestellt!Einige akustische Mängel des halbovalen Zuschauerraumes (Echos aus überraschenden Richtungen…) konnte man freilich nicht beseitigen. Daß sich die Fertigstellungwegen architektonischer und statikrelevanter Überraschungen gegenüber der ursprünglichen Planung nur um drei Monate verzögerte, ist angesichts notorischer Gegenbeispiele ohnedies ein Erfolg.

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Vasilij Sotke, Alexander Julian Meile. Copyright: Christian Brachwitz

Statt am 6. Jänner stand also am 1. April die Eröffnung nach dem Umbau an – in Anwesenheit des Bundespräsidenten, und als eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Landeshauptmannes und politischem Schirmherrn des Landestheaters, Josef Pühringer; Shakespeares Thematik des guten und weisen Herrschers vs. dem bösen Usurpator fiel durch die Verschiebung nun zufällig mit der Amtsübergabe zusammen – schließlich überspannt die Spielplanerstellung viel weitere Zeiträume als bei politischen Entscheidungen üblich sind, was man ja gerade wieder bei Pühringers per Indiskretion vorzeitig bekannt gewordenem Rücktritt sehen konnte. Amtsnachfolger Thomas Stelzer war jedenfalls auch im Publikum, wie auch der Bundespräsidentmit Gattin.

Schauspielchef Stephan Suschke hat das Stück schon vor 19 Jahren beim Berliner Ensemble inszeniert und sich diesen politisch und menschlich dauerhaft gültigen Klassiker zur Einweihung des neuen alten Landestheaters erneut vorgenommen. Seine Inszenierung fällt durchaus konventionell aus, in diesem Sinne gediegen, mit elaboraten Handlungsdetails und klaren menschlichen Differenzierungen. Weniger einsichtig ist, warum manchmal die Eindringlinge in Prosperos Reich aus Versenkungen im Boden, manchmal über den Bühnenrand auftreten, ohne einheitliche Begründung im Text oder der Figur selbst.

Tragelehns Übersetzung läßt den Figuren ihre sprachliche Einordnung – die Personen von Adel in teils gebundener, gewählter, „klassischer“ Sprache, das Volk in derber, aber dabei keineswegs plumper Diktion; Dramaturgie Andreas Erdmann.

Die Bühne (Momme Röhrbein) nimmt bezug auf das über 200-jährige Haus, indem ein Empire-Bühnenportal als Umrandung des Geschehens eingesetzt wird – oder ist es das Theater, auf dem Prospero seine Geschöpfe dirigiert?Die Bühne ist eine leere, schräge Fläche; der Hintergrund erweckt im Schwarz der Wandfarbe des Bühnenhauses den Eindruck eines grenzenlosen Raumes. Der titelgebende Sturm zu Beginn fällt als Projektion auf dem halbtransparenten Szenenvorhang optisch höchst imposant aus, und als Ferdinand und Miranda sich finden, wird eine Reihe von berühmten Hollywood-Küssen projiziert – das lenkt freilich etwas ab, denn man fragt sich dann natürlich auch, ob das gerade Greta Garbo war oder Rita Hayworth… Sehr überzeugend gräßlich und peinigend aber die Erscheinungen, mit der Prosperos usurpatorischer Bruder und seine Freunde durch Ariel verfolgt werden.

Die Kostüme von Angelika Rieck verweisen auf die Vergangenheit – die Renaissance stand offensichtlich Pate;Prospero beispielsweise trägt lange Zeit, bis zur Szene, in der er Miranda freigibt, einen majestätisch schwarzglitzernden Mantel, die Gruppe seiner Feinde ist ebenso standes- und epochegemäß (freilich auch zart stilisiert) gekleidet; die bösen Komiker Stephano und Trinculo erscheinen als verlotterte Matrosen. Caliban ist ein teils plüschiges Mi-Ma-Monsterchen und Ariel, der einige reichlich bedrohliche Szenen im Auftrag Prosperos gestaltet, kommt in hellem Anzug und (bisweilen) Sonnenbrille als geschäftiger Südländer daher.

Oskar Sala am Mixtur-Trautonium ist für Musik bzw. handlungsstützende soundclips (oder jedenfalls deren Großteil) verantwortlich: wie geht das? Der Schöpfer der bedrohlich schrillenden Vögel in Alfred Hichcocks gleichnamigem Thriller und einziger Virtuose des von ihm mitentwickelten frühen Synthesizers ist 2002 hochbetagt verstorben–doch hatte er die Klangeffekte für Suschkes Inszenierung am BE geschaffen, und diese Rarität wurde auch für die aktuelle Produktion verwendet.

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Jan Nikolaus Cerha, Julian Sigl, Björn Büchner. Copyright Christian Brachwitz

Alonso, König von Neapel, wird von Joachim Rathke als kühler Machtinhaber gegeben, den auch der vermeintliche Verlust seines Sohnes nicht über die Maßen bewegt. Der heißspornige Sebastian, Alonsos Bruder, ist Christian Manuel Oliveira, beweglich und mitunter bedrohlich.

Vasilij Sotke, Landestheaterstar seit vielen Jahren, gibt einen müden, aber immer noch dominanten Prospero, der die Szene freilich, als Akteur, wie selbstverständlich beherrscht. Antonio, dessen Bruder und unrechtmäßiger Herzog von Mailand, wird von Sebastian Hufschmidt als zynischer Intrigant gegeben. Eva-Maria Aichner ist als Gonsalo, das – meist vergebliche – Gewissen Alonsos, von fragiler Autorität.

Julian Sigl ist ein tragikomischer Caliban, der das Publikum berührt. Mit großer, oft burlesker Komik und Körperbeherrschung gibt Björn Büchner den Narren Trinculo, und Jan Nikolaus Cerha steht ihm als berauschter Stephano in nichts nach.

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Anna Rieser. Copyright: Christian Brachwitz

Eine jugendfrische Miranda an der Grenze zur Verantwortung des Erwachsenseins: Anna Rieser; ihr Ferdinand ist Clemens Berndorff, engagiert als Verunsicherter und Verliebter.

Luftgeist Ariel wird von Alexander Julian Meile mit – im insgesamt hörbar der Sprechkunst verpflichteten Ensemble – besonders deutlicher Artikulation und körperlicher Beweglichkeit dargestellt.

Zufriedener Applaus für leadingteam und Ensemble: ein würdiger Neubeginn im frisch renovierten alten Landestheater, nunmehr Schauspielhaus genannt – und auch historisch passend abgeschlossen durch eine Premierenfeier in den Redoutensälen, in denen das Linzer Landestheater geboren wurde!

Petra und Helmut Huber

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