Der Neue Merker

LINZ/ Musiktheater: DON GIOVANNI

Landestheater Linz Don Giovanni 10.4. 2017 (Premiere am 21.1.2017)

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Copyright: Thomas M. Jauk

Ob es tatsächlich die „Opern aller Opern“ ist, wie Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der mit seinen eigenen Opernwerken ziemlich erfolglos blieb, behauptete, mag dem Urteil der Nachgeborenen vorbehalten sein. Es sollte meiner Meinung nach nicht wie ein „ewig gültiges Urteil“ behandelt werden, zu verschieden sind die musikalischen Vorlieben heutiger Zuhörer und selbst verständlich auch Zuhörerinnen.

Unbestritten ist jedoch, dass Mozart Don Giovanni, in welcher Fassung auch immer, ein Meisterwerk darstellt.

Mit den Klängen der Höllenfahrt beginnt und endet der Linzer Don Giovanni in der Inszenierung von François de Carpentries. Die Ouvertüre wird, einer inzwischen Usus gewordenen Sitte im Musiktheater, bebildert. Don Giovanni wird zu Grabe getragen, winkt jedoch mit einer Hand aus dem Sarg heraus. Das Ende seiner Höllenfahrt ist gekommen. Durch Christi Kreuzestod hat dieser die Sünden der Menschheit (auch für die Zukunft) bereits vorweg auf sich genommen und so wird  – in der Lesart des Regisseurs – auch Don Giovanni Erlösung gewährt. Er entsteigt dem Grab und beginnt wieder von neuem. Zunächst tänzerisch galant, begnügt er sich offenbar mit dem Versuche, seine Opfer zu verführen, der jedoch zumeist scheitert, denn die während der Oper vorgeführten Damen entkommen oft im letzten Moment seinen Nachstellungen. Für Don Giovanni aber heißt das: Die Jagdsaison in Sevilla ist wieder eröffnet. Hüte sich jeder Rock vor diesem  Erotomanen und Libertin! Dabei scheint dieser spanische Lebemann nicht so vergnügt, sondern eher getrieben, das von ihm entworfene Bild eines Wüstlings perfekt zu erfüllen. In leisen, fast wehmütigen Rezitativen, die Martin Achrainer in der Titelrolle so ergreifend gestaltet, wird einem die Ambivalenz dieser tragischen Figur in ihrer charakterlichen Nähe zu ihrem Epigonen Giacomo Girolamo Casanova erst so richtig bewusst. Martin Achrainer hat diese Partie bereits 2008 gesungen und ist mit ihr und an ihr gewachsen. Neben ihm konnten sich gesanglich wie darstellerisch vor allem das Bauernpaar Masetto und Zerlina behaupten. Till von Orlowsky, der im Herbst 2016 an der Mailänder Scala als Papageno in Mozarts Zauberflöte zu erleben war, stattete auch den Masetto mit gut geführtem, weichen  Bariton aus. Ideal mit dem wunderbaren Sopran von Fenja Lukas als Zerlina. Nikolai Galkin sang einen textverständlichen Komtur mit resolutem Bass. Einem Edelmann geziemend versucht er den Verführer seiner Tochter im Duell mit dem Degen zu töten. Don Giovanni in die Enge getrieben findet aber in höchster Not nur mehr Gelegenheit, sein Pistoletto zu ziehen und den über ihn gebeugten Komtur auf diese Weise schnell und schmerzlos ins Jenseits zu befördern. Von Don Giovanni später zum Diner geladen, wird sein steinernes Abbild auf eine drei Zinnen aufweisende Mauer furchteinflößend projiziert. Beim Diner erscheint er dann in Begleitung von 12 dunklen Gestalten aus dem Jenseits, die an die Studien des britischen Malers Francis Bacon nach Velázquez‘ Porträt von Papst Innozenz X. erinnert, hier in einer Paraphrase auf das Letzte Abendmahl. Margareta Klobučar war eine imposante Donna Anna in weit ausladendem schwarzem Reifrock. Leider hörte sich ihr Sopran manchmal recht schrill an und wurde meiner Meinung nach auch etwas unausgewogen geführt. Gesanglich etwas enttäuschend für mich hörte sich Gotho Griesmeier als Donna Elvira an diesem Abend an. Ich vermute eine Erkältung, die sich besonders in den Spitzentönen unangenehm bemerkbar machte. Der moldawische Tenor Iurie Ciobanu, der 2006 den ersten Platz beim Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb belegte, sang den tollpatschigen Don Ottavio mit idealer Mozart-Stimme, die er freilich in der Prager Fassung nur in seiner einzigen Arie „Il mio tesoro intanto“ formvollendet zur Wirkung bringen durfte. Michael Wagner war als Diener Leporello ein berührender tragisch-komischer Gegenspieler seines Herrn mit ausgezeichnet geführtem, erdigem Bass.

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Copyright: Thomas M. Jauk

Regisseur François De Carpentries wusste in seiner Inszenierung die körperlichen Fähigkeiten seines durchwegs jungen Ensembles nahezu perfekt einzusetzen. Einen wichtigen Bestandteil seiner Inszenierung lieferte aber auch die Choreographie von Christina Comtesse. Gleich zu Beginn der Oper wird der dem Grab frisch entstiegene Don Giovanni von vier Furien der Hölle, die noch „zahm“ als Mond- und Sonnenmädchen erscheinen, umworben. Später erscheinen sie aber schon als schwarze schaurige Todesbotinnen. Vor dem Finale 1 erscheinen noch die drei Mascherette, Donna Elvira, Donna Anna und Don Ottavio. Alle drei in schwarzen Reifröcken mit aufgemaltem, weißem Skelett. Don Giovanni nähert sich gleich verführerisch einer von ihnen. Sein Opfer ist aber ausgerechnet Don Ottavio, der sich nicht zu wehren wagt… Weiters dient ein Grammophon in dieser Inszenierung noch dazu, um scheinbar alte Aufnahmen auf Schellacks abzuspielen, deren Originalklang das unsichtbare Bühnenorchester liefert. Wir hören also musikalische Zitate aus Vicente Martín y Solers „Una cosa rara“, Giuseppe Sartis „Fra i due litiganti il terzo gode“ und aus Mozarts vorangegangener Erfolgsoper „Le nozze di Figaro“. Bei dem moralisierenden Schlusssextett lässt der Regisseur dann Don Giovanni wieder aus der Hölle auferstehen und beim Schlussakkord mit einem teuflischen Gelächter abtreten. Zurück bleiben die erstarrten Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen des Libertins.

Die Belgierin Karine Van Hercke ersann die Bühnenausstattung und die Kostüme. Der Raum wird von ihr abstrakt gehalten. Eine riesige Kirchenrosette wird im Verlauf des ersten Aktes dann mit düsteren Videoanimationen von Aurélie Remy belebt. Der von Georg Leopold bestens einstudierte Chor des Landestheaters Linz trug maßgeblichen Anteil am Erfolg dieses Abends.  

Gespielt wurde die Prager Fassung in bewusstem Verzicht auf zwei Arien von Donna Elvira und Don Ottavio der späteren Wiener Fassung. Das Bruckner Orchester wurde dieses Mal von dem 1979 in Tokio geborenen  Takeshi Moriuchi geleitet, der einen eleganten, flotten Mozart ohne Stillstand präsentierte. Den Schlussapplaus konnte der Rezensent nur mehr aus dem Foyer lautstark vernehmen, da er zum letzten Zug nach Wien eilen musste! Es war jedenfalls ein höchstvergnüglicher, kurzweiliger Abend!

    Harald Lacina

 

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