Der Neue Merker

LINZ/ Musiktheater: DER GEBURTSTAG DER INFANTIN UND DIE KLEINE MEERJUNGFRAU. Tanztheater von Mei Hong Lin. Premiere

Premiere des Landestheaters Linz im Musiktheater am 15. Oktober 2016

Der Geburtstag der Infantin und Die kleine Meerjungfrau

Tanztheater von Mei Hong Lin nach The Birthday of the Infanta von Oscar Wilde und Den lille Havfrue von Hans Christian Andersen; Musik von Franz Schreker und Alexander von Zemlinsky

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Pavel Povraznik. Copyright: Tom Mesic

Die Meerjungfrau mit ihrer katastrophal endenden Liebe zu einem Menschen trägt Namen wie Undine oder Rusalka und war Inspirationsquelle von Eugene d’Albert bis Corvus Corax, von Gauguin über Munch bis zu Edvard Eriksen, der die bekannte Bronze im Hafen von Kopenhagen schuf. Und dazu kommen noch – bis heute – viele Referenzen im Schauspiel, in der Populärkultur und im Film, und nicht nur in der verharmlosten, verkitschten „Arielle“ aus den Disney-Studios. Das Thema der so tief ersehnten Veränderung, die aber einen schrecklichen Preis kostet (mit dem Fischschwanz gehen die Sprache und schließlich das Leben verloren), läßt sich schließlich auf viele ganz und gar nicht märchenhafte Entscheidungen in unserem Leben umlegen.

Alexander (von) Zemlinsky war 30, als er für eine Choreographie zu einer Hofmannsthal‘schen Bühnenfassung des Märchens die Musik verfaßte, welche aber nicht 1902 in dieser Form, sondern 1905 als Orchesterphantasie „Die Seejungfrau“ zur Uraufführung gelangte. Die Ballettchefin des Landestheaters holt hier also etwas auf die Bühne, was dort seit 114 Jahren heimisch sein sollte
Bei der Geschichte von Oscar Wilde, von Velásquez’ „Las Meninas“ inspiriert, handelt es sich um eine, nun ja, Parallelaktion zum Märchen von Andersen – auch hier stirbt die Hauptperson, ein häßlicher Zwerg, der einer Prinzessin zum Geburtstag geschenkt worden war, am Konflikt zwischen seinem Begehren und seiner Natur. Und an diesem Werk treffen sich auch die Komponisten des Abends: 1905 hatte Schreker eine Orchestersuite unter dem Titel der Erzählung herausgebracht, und die einaktige Oper „Der Zwerg“ von Zemlinsky wurde 1922 in Köln uraufgeführt; es heißt, diese Werkwahl Zemlinskys rühre vom seinerzeitigen hocherotischen Verhältnis zwischen dem Komponisten und seiner Schülerin Alma Schindler (die ihn freilich nur als „Carricatur“ sah und statt seiner den Hofoperndirektor heiratete).

Der Abend beginnt mit dem Zwerg, der glücklich und frei im Wald lebt – Pavel Povrazník mit atemberaubender Körperbeherrschung und Expressivität, charakterisiert durch unbekümmerte atonale Klänge. Er wird eingefangen und der Infantin (Chiung-Yao Chiu), unter einem bemerkenswert bunten Baum, als Geburtstagsgeschenk überreicht – die Musik wird wesentlich konservativer, fast lieblich (jedoch nicht operettenhaft-süß); sie ist jetzt interessanterweise in einem Idiom gehalten, wie es sich dann mindestens 30 Jahre später in anspruchsvolleren Musicals und Filmmusiken fand – z. B. in Richard Rogers‘ „On Your Toes“. Die beiden Musikstile ringen im Folgenden miteinander, mit dem Höhepunkt der Erkenntnis des Zwerges über sein schreckliches Äußeres, als er zum ersten Mal in seinem Leben sein Spiegelbild erblickt: hier zeigt die Verwendung von unterschiedlichen Tonarten in Melodieinstrumenten und Begleitung sein innerliches Zerbrechen. Die Infantin steht hier ohne viel Regung abseits – Wilde hatte ihr, als sie erfuhr, daß der Zwerg an gebrochenem Herzen gestorben war, in den Mund gelegt: „In Hinkunft werde ich zu meinem Geburtstag nur Gäste empfangen, die kein Herz haben“. Der tote Zwerg wird unter aufgetürmten höfisch korrekten Krinolinen begraben. Die Musik verebbt ins Nichts, die Spannung aber bleibt, bis der Vorhang geschlossen ist.

Zemlinskys Meerjungfrau hat mehr musikalischen Erzählfluß als Schrekers Geschichte vom unglücklicher Zwerg, deren Komposition Charakterisierungen betont: Sozusagen unvermeidlich steht am Beginn eine Reflexion der „Rheingold“-Klänge, im Weiteren ähnelt der Stil der zwischen Meer und Land changierende Musik dem der Strauss’schen „Alpensymphonie“. In jedem Fall, bei Schreker wie Zemlinsky, geradezu verführerische, magische Klänge, die Daniel Linton-France am Pult des groß besetzten Bruckner Orchesters in aller Vielschichtigkeit, Sanftheit wie Schroffheit, strahlend wie düster, spannungsreich und immer präzise und detailliert klingen und fließen läßt – wäre da nicht das faszinierende Bühnengeschehen gewesen, hätten wir zumindest ein höchstklassiges Konzert erlebt!
Die Geschichte der Meerjungfrau ist um einiges komplexer als die vom Zwerg (Dramaturgie Ira Goldbecher). Ballettchefin Mei Hong Lin besorgte auch hier Inszenierung und Choreografie und ließ, unterstützt von Dirk Hofacker (Bühne und Kostüme), Constantin Georgescu (Video) und Johann Hofbauer (Licht) eine abstrahierte, aber doch sehr nachdrückliche Unterwasserwelt entstehen; das Festland, an dem die Meerjungfrau scheitert, ist in erster Linie durch eine Schräge im Bühnenhintergrund charakterisiert.

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Andressa Miyazato, Valerio Iurato. Copyright: Tom Mesic

Andressa Miyazato legt als sozusagen amphibische Nixe eine tour de force hin, die einen zum atemlosen Staunen wie zu tiefem Mitgefühl bringt – etwa, wie sie die ersten Gehversuche auf ihren noch ungeschickten, dazu heftig schmerzenden Beinen unternimmt, wird von ihr mit rücksichtslosem Einsatz zwingend überzeugend und damit bewegend dargestellt. Die Hexe, die ihr die Umwandlung zum Menschen ermöglicht (eine sehr blutige Angelegenheit!), fasziniert nicht nur durch den kraftvoll-eleganten Bewegungsstil von Shang-Jen Yuan, sondern auch durch ein höchst originelles Kostüm, fernab aller Klischees. Wichtige und tänzerisch wie im Design der Figur kompetent dargestellte Begleiter der Meerjungfrau sind Schmerz (Valerio Iurato) und Stummheit (Jonatan Salgado Romero). Ihr Sehnsuchtsobjekt, der Prinz (der freilich nicht mit seinem Schiff unterzugehen droht wie bei Andersen, sondern einen Badeausflug bei ungeeigneten Wetterverhältnissen unternimmt) wird von Geoffroy Poplawski mit Eleganz dargestellt, ebenso wie seine schließlich – als Ende aller Hofffnungen der Titelgestalt – angetraute  Prinzessin von Kayla May Corbin.
In beiden Stücken bildeten, choreographisch zusätzlich betreut von Christina Comtesse, das furios und stilistisch einheitlich agierende Ensemble: Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Sakher Almonem, Ohad Caspi, Tura Gómez Coll, Yu-Teng Huang, Rutsuki Kanazawa, Gyeongjin Lee, Jasmine Melrose, Nuria Gimenez Villarroya und Chen-Lun Wang.

Begeisterter Applaus, der sich auch vom Saallicht nicht stoppen ließ, für Produktionsteam, Tänzerinnen und Tänzer wie die Musik – ein Abend, der nicht nur einfach Werbung für Tanztheater ist, sondern in seiner Faszination als Einstiegsdroge für dieses Metier dienen könnte!

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Premierenfeier: Das Tanzensemble und ein Großteil des Produktionsteams; namentlich Mei Hong Lin (in schwarzer Seide, halblinks), Pavel Povraznik (ca. Mitte, hellgraue Weste), Andressa Miyazato (halbrechts, rotbraunes Kleid und Tasche), hinter ihrer rechten Schulter Bühnen- und Kostümgestalter Dirk Hofacker (Brille, grünes Sakko). Foto: H & P Huber

Die nächsten Vorstellungen dieser Produktion gibt es erst ab 27. Oktober, da das Ensemble in der Zwischenzeit mit Glucks „Orfeo ed Euridice“, das im Februar Premiere hatte, in Südkorea gastiert.
Fotos © Tom Mesic

H & P Huber

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