Der Neue Merker

LINZ: DIE FRAU OHNE SCHATTEN – Premiere am Musiktheater des Landestheaters

Linz: „DIE FRAU OHNE SCHATTEN“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 30. 09.2017
Oper in drei Akten von Hugo von Hofmannsthal, Musik von Richard Strauss

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Heiko Börner (Kaiser), Brigitte Geller (Kaiserin). Copyright: Reinhard Winkler für Landestheater Linz

Bekanntlich ist dieses Werk einer der großen Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit eines Opernensembles; wie Wilhelm Sinkovicz 2014 formulierte: dieser Herausforderung stellt man sich quasi aus sportlichem Ehrgeiz. Immerhin ist die Oper noch in allem Luxus und aller Exklusivität des Opernbetriebes der letzten Jahre vor dem ersten Weltkrieg gedacht worden und traf nach ihrer Wiener Uraufführung 1919 auf die nüchterne Realität eines verarmten und verwüsteten Europa: sie konnte in Folge meist weder sänger- noch produktionsseits so, wie es Strauss vorgeschwebt war, aufgeführt werden. Mit 100 Orchestermitgliedern im Graben (die Glasharfe hat keinen Platz mehr und wird zugespielt) und einer in voller Breite (Portal 16 m) ausgenützten Bühne sollten diesmal die Wünsche der Autoren aber zu erfüllen sein – sicher besser als bei der ersten Landestheater-Inszenierung 1960, im viel kleineren Stammhaus an der Promenade.

Der sportliche Anspruch der Leitung des Linzer Landestheaters ist also hoch, und er hat auch eine diplomatische Seite: diese Aufführung läuft offiziell als Teil des Bruckner-Festes, mit dem die Beziehungen nicht immer reibungslos waren. Es wurde eine Reihe von Gästen (mit Verbleibsperspektive) für wichtige Rollen engagiert, und die Produktion ist auch der musiktheatralische Einstieg des neuen Landestheater-Opernchefs und Chefdirigenten des Bruckner Orchesters, Markus Poschner.

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Brigitte Geller (Kaiserin). Copyright: Reinhard Winkler für Landestheater

Die Inszenierung von Intendant Hermann Schneider setzt auf eine klare Erzählungslinie des komplexen Stoffes und schafft vorzügliche Transparenz von äußerer und innerer Handlung, auch dank schauspielerisch perfekt einstudierten Sängerinnen und Sängern. Der dritte Akt verliert gegenüber den anderen geringfügig, aber wird mittels leiser Ironie beim happy end schließlich auch gut abgerundet. Vorspiel (beginnend mit einer langen, aber spannenden stummen Szene der “weißen Gazelle“), erster und zweiter Akt sind prall an Dramatik und Spannung, und manche Szenen wie die von Kaiser und Falke bei der Falknerhütte oder das Finale des 2. Aktes machen atemlos; die Zeit vergeht schnell an diesem Abend. Dramaturgische Unterstützung: Christoph Blitt.

Bühne, Kostüme und Videodesign sind von Falko Herold, wie schon erwähnt, größtmöglich gedacht. Klein ist höchstens eine Art Duschkabine, in der der weinende Falke auftaucht. Die Drehbühne bewegt eine Wand von den Abmessungen des Bühnenportals als Grenze zwischen mythisch-kaiserlichem Reich und weltlicher Färberwelt – schon der erste Szenenwechsel ist überwältigend. Die „Färberseite“ erscheint gründlich versifft; wenn der Färber aber auch keinen Esel sein Eigen nennt, hat er doch einen elektrischen Hubstapler. Das Erdbeben am Ende des zweiten Aktes läßt zwar keinen Fluss ins Färberhaus einbrechen, aber die Zerstörung, die auf offener Bühne ohne Zuhilfenahme von Videoprojektionen abläuft, ist ziemlich gründlich. Der dritte Akt findet sozusagen im abgebrannten Färberland statt; die beiden Welten sind nun ineinander verschmolzen. Verfremdete Videos verweisen teils auf den 1. Weltkrieg, der ja die Entstehung des Werkes überschattete. Die Kostüme sind ebenfalls etwa in der Entstehungszeit zu lokalisieren, mit Ausnahme der allerletzten Szenen, die ins Heute reichen.

Der Kaiser ist Heiko Börner (a. G., in den letzten Jahren an deutschen Opernhäusern vor allem in Wagner-Rollen aktiv) – ein kraftvoller Tenor, der auch die eine oder andere Träne in der Stimme vorrätig hat, auch in Extremsituationen verläßlich ohne Forcieren auskommt.
Der Bote ist das nie enttäuschende Ensemblemitglied Michael Wagner, der mit kraftvollem schwarztimbrierten Baßbariton vorzüglich eine düstere Figur an der Grenze zum Todesengel charakterisiert; wird in Folgeaufführungen teils auch Barak singen. Letzterer war am Premierenabend Adam Kim (a. G., u. a in Stuttgart und Würzburg engagiert) – schöne, wenn auch meist nicht sehr druckvoll wirkende Stimme; hier wohl aber als enttäuschter Charakter, der aus seiner Schwäche heraus gegen seine Frau gewalttätig zu werden droht, richtig.

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Miina-Liisa Värelä (Färberin). Copyright: Reinhard Winkler für Landestheater

Die Sensation des Abends stellte aber das handlungsdominierende Damentrio dar, allen voran die Färbersfrau Miina-Liisa Värelä (a. G., bislang überwiegend in Savonlinna und Helsinki tätig, auch mit einigen Strauss-Rollen): schauspielerisch ein perfektes Vollweib mit aufregender Bühnenpräsenz und einer Prachtstimme, die auch bei höchster Anstrengung keine Schärfe kennt. Das Urteil von vielfach „FroSch“-Erfahrenen im Bekanntenkreis: die beste Färberin, die wir je erlebt haben! Auch über die Kaiserin von Brigitte Geller (a. G. von der Komischen Oper, Berlin) läßt sich fast ausschließlich das Beste sagen – allenfalls wäre in hohen Lagen bei ff-Stellen ein verstärktes Vibrato anzumerken, aber letztendlich war auch ihr Auftritt von höchster Klasse in Gesang und Spiel – z. B. auch aufgrund ihres perfekten Koloratureinschubes im Vorspiel („träum ich mich zurück in eines Vogels leichten Leib“).
Die mephistophelische Amme wurde von Katherine Lerner (neues Ensemblemitglied, ausgebildet in Chicago und einige Zeit dort an der Lyric Opera, z. B. Siébel in Gounods Faust) mit ähnlich prachtvoller Stimme wie die Färberin (wenn auch fachgemäß tiefer fundiert…) und elegant maliziöser Dominanz der Szenerie gegeben. Auch sie ein wahres Erlebnis!

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Katherine Lerner (Amme), Miina-Liisa Värelä (Färberin), Brigitte Geller (Kaiserin). Copyright: Norbert Artner/ Landesthater Linz

Die Färbersbrüder wurden als burleskes Trio stimmlich perfekt und darstellerisch vergnüglich schwarzhumorig von den Ensemblestützen Matthäus Schmidlechner, Martin Achrainer und Dominik Nekel interpretiert. Drei Dienerinnen (Margaret Jung Kim, Gabriele Salzbacher und Vaida Raginskytė) zählten ebenso zu den Stärken der Aufführung wie Svenja Isabella Kallweit als Stimme des Falken und Tempelhüter und Jessica Eccleston als Altstimme von oben; Mathias Frey (Erscheinung des Jünglings) blieb vergleichsweise blaß.

Wächter der Stadt: Ulf Bunde, Jochen Bohnen, Tomaz Kovacic, Joschko Donchev, Marius Mocan, Markus Schulz (aus dem Chor des Landestheaters Linz, Leitung Martin Zeller) – sängerisch tadellos, nur schuldlos mit Nebengeräuschen versehen: es hat sich wohl ein Defekt in der Übertragungselektronik eingeschlichen, die Herren sangen nicht auf der Bühne. Ebenso hervorragend der Kinder- und Jugendchor des Landestheaters (Ursula Wincor), namentlich beim harmonisch so komplexen Gesang der Fischlein in der Pfanne. Der Kinderchor war auch der arbeitsrechtliche Grund für einen früheren Beginn der Vorstellung (um 18:30).

Das Bruckner Orchester lieferte einen perfekten Abend: auch bei genauem Zuhören war, außer einem etwas verwackelten Violinsolo im 3. Akt, keinerlei „Patzer“ auszumachen, hingegen prachtvolles Blech, seidige Streicher und präzisestes Schlagwerk (beim Beginn schon so wichtig…) – es herrschte höchste Präzision! Markus Poschners Einstieg am Landestheater hätte überzeugender nicht ausfallen können: er kontrollierte den gewaltigen Dynamikumfang des riesigen Orchesters perfekt, auch in Relation zu den Gesangsrollen (die mit ihrer Stimmacht freilich dem Dirigenten viel Spielraum ließen), hielt den ganzen Abend Spannung und Koordination mit Bühne und den Nebenräumen für die Zuspielungen und ließ die riesige Farbvarianz des Meisters der Orchestrierung in allen Schattierungen leuchten.

Der tosende Beifall des ausverkauften und auch in den Pausen nicht ausgedünnten Auditoriums (der sich bei der Premierenfeier ungebrochen fortsetzte) zeigte für Bühnen-, Graben und Produktionspersonal: das war eine Frau wahrhaftig ohne „Schatten“, eine Aufführung von Weltklasse!! Der künstlerische Anspruch hat also mit dem sportlichen absolut mitgehalten… oder auch: äquivalent zu einem Marathon mit nur wenigen Minuten über zwei Stunden!

Petra und Helmut Huber

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Bild von der Premierenfeier (FOS10): v. li. Geller, Nekel, Achrainer, Schmidlechner, Värelä, Frey, Börner, Kallweit, Lerner, Kim, Eccleston, Wagner, Blitt, Herold, Johann Hofbauer (Licht), Frank Suttheimer (Technikchef), Schneider, Susanne Pauzenberger (Inspizienz). Foto: P&H Huber)

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