LINZ: Brucknerhaus: „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“ – Konzertante Aufführung zum 70. Geburtstag von KS Kurt Rydl

by ac | 11. Oktober 2017 13:03

Linz: „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“ – Konzertante Aufführung zum 70. Geburtstag von KS Kurt Rydl, Brucknerhaus Großer Saal, 10. 10.2017

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Schlussapplaus: Copyright: Petra und Helmut Huber

Der gebürtige Wiener Kurt Rydl fand sein erstes Fixengagement am Linzer Landestheater, bevor er über Stuttgart und Wien seine Weltkarriere startete. Diese frühen Siebziger in der OÖ Landeshauptstadt waren wohl eine Zeit, an die er sich gerne zurück erinnert, denn er ist immer wieder hierher zurück gekommen, sei es ans Landestheater (zuletzt als Gast-„Ochs“ im neuen Musiktheater), sei es zu vielfältigen Aufführungen im eleganten Konzerthaus am Donauufer.

Sein Repertoire ist riesig, die Vielfalt seiner Auftritte legendär, und mitunter hieß es, er sei der Sänger mit dem größten Bonusmeilenkonto – von Wien nach Amsterdam, dann nach New York, zwischendurch Salzburg, Bayreuth, dann Glyndebourne, Hamburg, Rom, Mailand, Los Angeles – oft innerhalb eines Monats. Mit 30 schon den Siegfried-Fafner, übrigens hier im Brucknerhaus. Kann das die Stimme fast 50 Jahre lang aushalten, noch dazu, wenn Rydl seinen Schwerpunkt im gewichtigen deutschen Fach hat? Eine Lieblingsrolle, in der er mit seinem großen komischen Talent brillieren kann, gehört aber nicht zu dieser Abteilung, und mit dieser, der des Haremswächter Osmin, hat er sich zu einer Feier seines Geburtstages in seiner beruflichen Geburtsstadt eingestellt.

Es spielte das Bruckner Orchester unter Fabio Mastrangelo (gebürtig aus Bari, derzeit hauptsächlich in seiner Heimatstadt, St. Petersburg und Moskau tätig). Die schnell und perlend angelegte Ouverture erklang – nach einer gesprochenen Einleitung aus Giovanni Boccaccios Roman „Filocolo“ – präzise, und über Orchester und Dirigat läßt sich auch im Weiteren nur das Beste sagen: elegant, spannungsreich, einfach hervorragender Mozart, mit den „Janitscharenstücken“ als Glanzlichtern. Der Dirigent mußte zudem einen Blickwinkel von über 270° abdecken, weil die Sängerinnen und Sänger großteils hinter seinem Rücken agierten – auch das gelang fast durchwegs präzisest, ebenso die Balance von Orchester und Gesang.

Die gesprochenen Szenen und die Rolle des Bassa fielen weg; an deren statt hörten wir vorzüglich ausgesuchte Texte: Boccaccios erwähnter Roman, erschienen 1336, enthält eine Handlung, die, 400 Jahre vor dem Leipziger C. F. Bretzner (1781) und J. G. Stefanies mit Mozart im Jahr darauf erstelltem Libretto im Grunde genau die Handlung der „Entführung“ vorzeichnet(!). Eine weitere Quelle der Zwischentexte waren Briefe von Mary Wortley Montagu (1689 – 1762), die, damals ungewöhnlich, ihren Gatten, Gesandter der britischen Krone an der Hohen Pforte, nach Istanbul begleitet hatte – und in denen es eine bemerkenswerte Referenz auf den Filocolo gibt. Zum Finale wurde Lessings „Nathan“ zitiert, quasi als Verstärkung der humanistischen Aussage der Oper. All dies wurde von der jungen Linzer Schauspielerin Miriam Fussenegger gelesen – nein: interpretiert, mitgelebt, und das in bester Bühnensprache! Leider fehlen im Programmheft Angaben zur dramaturgischen Einrichtung.

Der Isländer Benedikt Kristjánsson, von der Erscheinung ganz romantischer junger Herr im Frack, sang Belmonte mit sehr schlank-lyrischer, „weißer“, gleichwohl tragfähiger Stimme, und die teuflischen Koloraturen der Baumeister-Arie absolvierte er mit Bravour. Seine Konstanze war die ebenso junge Russin Daria Terekhova – eine hervorragende Stimme, erinnert an Anna Netrebko im selben Alter: zwar sehr fein definierter Sporan, aber mit saftigem Fundament, auch samtig, dabei mit exzellent definierten Koloraturen und vor allem einer emotionellen Expressivität, die die Martern-Arie zum Erlebnis werden ließ. Nicht umsonst wurde nach dieser, mitten im 2. Akt, die Pause der Aufführung eingelegt – da hatte das, leider sehr überschaubare, Publikum was zu schwärmen!

Ilia Staple war eine komödiantisch muntere Blonde, auch sie mit ihrer schlank-beweglichen, dabei wunderbar runden Stimme eine perfekte Wahl für diese Rolle. Ihr Kollege vom Landestheater-Opernstudio, Xiaoke Hu war ein schauspielerisch ebenso brillanter Pedrillo; stimmlich entwickelt er sich sehr schön, und daß er dem Star des Abends beim Bacchus-Duett ohne zu forcieren Paroli bieten konnte, will schon einiges heißen!

All diese vier waren in den Ensemblestellen, namentlich dem Quartett zu Ende des zweiten Aktes, wunderbar aufeinander eingestimmt, und sangen außerdem recht wortdeutlich.

Der Jubilar freilich war trotz dieser sehr feinen Leistungen seiner Bühnenpartner unbestritten die dominante Erscheinung des Abends. Was Kurt Rydl an Ausdruck, saalfüllender schwarztimbrierter Stimmgewalt, Registerumfang und vis comica vom Stapel ließ war schlicht atemberaubend. Ein „muß das denn noch sein?“ wie bei manchen seiner Kollegen kommt da gar nicht erst in den Sinn. Er hat seinen Geburtstag (naja, mit zwei Tagen Verspätung) äußerst würdig – was bei ihm jedenfalls eine gute Portion Humor einschließt! – und natürlich mit einer perfekt ausgesuchten Rolle begangen. Und, weil wir ja den fast unmittelbaren Vergleich haben: Herr Rydl bewegt sich bisweilen in ähnlicher Geschwindigkeit und Munterkeit über die Bühne wie der unwesentlich ältere Mick Jagger; die Siebziger sind auch nicht mehr das, was sie einst waren!!

Auch wenn wohl keine 40 % der Sitze verkauft waren, gab es doch sehr lautstarken, dazu langen und begeisterter Applaus für alle, natürlich mit Betonung auf den Jubilar; diesem „ad multos annos“, von denen er noch etliche in voller Pracht und Leistungsfähigkeit seiner gar nicht müden Stimme der Bühne wird widmen können!

Petra und Helmut Huber

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