Der Neue Merker

LINDA WATSON: „Ich liebe Herausforderungen!“

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Foto Website Wiener Staatsoper

LINDA WATSON

„Ich liebe Herausforderungen!“

Linda Watson hat in den letzten Wochen viel geflucht: Das Russisch der Babulenka ist ihr „verdammt“ schwer gefallen. Aber letztendlich hat sie sich doch überreden lassen, die kleine Rolle in Prokofieffs Oper „Der Spieler“ zu übernehmen. Auch, weil sie in die richtige Richtung zielt…

Das Gespräch führte Renate Wagner

Frau Watson, wir kennen Sie als eine der ganz großen Wagner- und Strauss-Sängerinnen unserer Tage, die Königin der Monster-Partien à la Brünnhilde, Isolde, Elektra. Wie kommt es, dass wir Sie in der ersten Staatsopern-Premiere der Saison in einer verhältnismäßig kleinen Rolle im russischen Fach erleben werden?

Ja, wie kommt es? Das fragen mich meine Freunde, das frage ich mich auch, das habe ich Dominique Meyer gefragt. Ich hatte nämlich einen Vertrag für die Herodias diesen Herbst an der Wiener Staatsoper, und ich habe mich sehr auf die Rolle gefreut. Ich habe einst als dramatischer Mezzosopran begonnen und möchte mich langsam, Schritt für Schritt, wieder dorthin bewegen – da wartet ja auch ein großartiges Repertoire. Dass ich 2019 hier die Ortrud singen werde, steht schon fest, an die Klytämnestra denke ich, mit der ich meine Elektra ablöse, so wie ich vor ein paar Monaten in Hamburg von der Färberin zur Amme gewechselt bin… Und weil die Wiener „Salome“ eine so wunderschöne Inszenierung ist, habe ich mich besonders auf die Herodias gefreut!

Die ist es aber nun doch nicht geworden?

Nein, Dominique Meyer kam mit der Idee, ich sollte die Babulenka in „Der Spieler“ singen, Simone Young wünsche sich mich so sehr in der Rolle. „Ich kann das nicht“, habe ich zu Simone gesagt. Sie sah mich nur an und sagte: „Geh, bitte!!!“ Und die Partie ist ja nicht wirklich groß, acht Minuten die erste Szene, ungefähr fünf die zweite. Und doch – für mich ist es wie ein Wahnsinn. Ich singe seit Jahr und Tag Deutsch, vor zwei Jahren habe ich die Turandot ins Repertoire genommen, das sind Sprachen, die man meistern kann. Aber Russisch? Man muss es lernen wie ein Papagei, aber die haben das bessere Gedächtnis dafür. Der erste Klavierauszug, den man mir gegeben hat, war noch in kyrillischer Sprache, dann in lateinischen Buchstaben, schließlich phonetisch – aber Deutsch-phonetisch! Und obwohl ich schon ewig in Wien lebe, ist Englisch immer noch meine erste Sprache, und da ist die phonetische Umschreibung des Russischen wieder anders! Kurz – ich habe die Elektra einst in sechs Wochen gelernt, mit der Babulenka raufe ich seit sechs Monaten. Unsere Korrepetitoren an der Staatsoper, die für russische Opern zuständig sind und mich mit wunderbarer Geduld und Ruhe ertragen und durch die Rolle geführt haben, können bestätigen, wie ich geflucht habe. 

Und wieso haben Sie sich wirklich darauf eingelassen?

Ich liebe Herausforderungen! Und dieser Prokofieff ist wirklich ganz anders als alles, was ich bisher gesungen habe. Und es ist eine skurrile Charakterpartie, so etwas habe ich eigentlich noch nie gespielt. Na ja, eigentlich auch keine Nebenrollen bisher – das hat schon Placido Domingo zu mir gesagt: „Linda, sing nie Nebenrollen!“ Aber in diesem Fall genieße ich sehr, was man mir darstellerisch abverlangt.

Ihr erster Auftritt ist ja gespenstisch…

Ja, ich werde wie eine Otto-Dix-Figur auf der Bühne stehen. Sie kommt aus dem Spital, ich trage unter dem Pelzmantel noch mein Nachthemd, habe eine wilde Perücke und bin ganz verrückt vor Lebenslust. Und dann wird mir schnell klar, dass niemand sich darüber freut, dass ich da bin, dass  jeder nur auf meinen Tod gewartet hat, um mein Geld zu erben – mit Ausnahme von vielleicht der Polina. Und das macht mich dann so böse, dass ich hingehe und das ganze Geld verspiele. Und vorher werde ich wirklich wütend und ordinär, weil ich es mir ja dank meines  Reichtums erlauben kann, mich zu benehmen, wie ich will, auch wenn ich nicht adelig bin. Das hat auch etwas Komödiantisches.

Babulenkas zweite Szene ist ja dann ganz anders?

Ja, in dieser Inszenierung verändert sich die Figur so drastisch, wie es nur möglich ist. Nun bin ich arm, der Nerz ist weg, die Perücke ist weg, ich stehe fast mit Glatze im Nachthemd da – das hat sich Regisseurin Karoline Gruber sehr überzeugend ausgedacht. Ich habe zu ihr gesagt: Solange es so richtig dramatisch und schräg ist, mache ich das gerne. Ich gehe bei jeder Figur auch sehr vom Text aus… inzwischen verstehe ich ja schon, was ich singe. Mein Gott, letztendlich war die Babulenka ein Gehirntraining, das schadet ja nicht.

Für Wagner-Fans ist die Idee aber beängstigend, dass Sie sich von Ihren großen Rollen zurückziehen wollen! Haben Sie nicht einmal gesagt, Sie seien ein Wagner-Freak, und wenn Sie ihn nicht singen könnten, dann wollten Sie überhaupt nicht singen?

Na, es geht ja nicht so schnell. 2018 werde ich in Düsseldorf im neuen „Ring“ von Dietrich W. Hilsdorf und Axel Kober die Brünnhilde singen, das sind für mich drei Premieren im Lauf des Jahres.

Ich denke wohl, wenige Sängerinnen haben mehr Erfahrung mit Brünnhilde als Sie. Wie war das eigentlich, damals am Teatro Colon in Buenos Aires, alle Brünnhilden an einem Tag zu singen?

Ich hatte zugesagt, weil ich mich auf die Zusammenarbeit mit Katharina Wagner gefreut habe, aber sie hat abgesagt, und glücklicherweise hat Valentina Carrasco dann tolle Arbeit geleistet. Was soll ich sagen – natürlich war der „Ring“ auf weniger als die Hälfte heruntergekürzt, aber was am wenigsten gekürzt war, war meine Rolle: alle drei Brünnhilden am Stück, na, meine armen Stimmbänder. Dann zwei Tage Pause und das Ganze noch einmal. Das war sicher eine der verrücktesten Sachen, die ich je gemacht habe. Aber wenn ich an persönliche große „Ring“-Erfahrungen denke, dann gehört der Wiener „Ring“ unter Christian Thielemann für mich ganz vorne dazu. Wir haben uns damals auf der Bühne gefühlt wie mit Elektrizität geladen.

Man kann wohl sagen, dass nach Ihren Anfängen in Aachen und Leipzig Ihr erstes Auftreten in Bayreuth Ihrer Weltkarriere den entscheidenden Anstoß gegeben hat – das war die Kundry 1998 unter Giuseppe Sinopoli.

Ja, aber ich muss auch sagen, wie wichtig Wolfgang Wagner für mich war, der diesen „Parsifal“ inszeniert hat. Was ich bei ihm über das ganze Werk im besonderen und über Kundry im speziellen gelernt habe, hat mich mein ganzes Leben mit Erfahrung für diese Rolle ausgestattet. Er konnte grenzenlos von den Werken seines Großvaters erzählen, man kam aus dem Lernen nicht heraus. Er hat mir auch geraten, nie mehr als eine große Rolle pro Jahr neu einzustudieren… Als ich ihn schon gut kannte, habe ich ihm später erzählt, dass ich schon als 18jährige einmal in Bayreuth war, keine Karte bekam, so lange herumschlich, bis ich eine leere Loge fand und mich hineingesetzt habe. Er lachte und sagte mir, das war die Loge von Cosima Wagner, die immer leer geblieben ist!

Sie sind ja Bayreuth so verbunden, dass Sie dort sogar von der Rampe singen…?

Ja, das war ganz komisch. Die einzige große Rolle, die mir dort noch gefehlt hat, war die Isolde. Und dann konnte Evelyn Herlitzius die „Tristan“-Generalprobe nicht singen – sie stand auf der Bühne und spielte, und ich, in letzter Minute herbeigerast, stand auf der Seite und sang die Rolle. Das macht man natürlich, wenn man einer Institution so verbunden ist wie ich  Bayreuth. Das erinnert mich daran, dass ich auch an der Wiener Staatsoper einen diesbezüglichen Spitznamen habe – „die Feuerwehr“. Schließlich bin ich kürzlich sowohl als Marschallin wie als Elektra in kürzester Zeit eingesprungen.

Womit wir ja schon in Wien wären – diese Stadt spielt ja schon eine besondere Rolle in Ihrem Leben.

Ich bin früh mit einem Rotary-Stipendium hierher gekommen und habe schon in meinen Studienjahren in winzigen Rollen an der Staatsoper gesungen – wobei es sehr schön war, in „A Quiet Place“ mit Leonard Bernstein zusammen zu arbeiten. 1997 habe ich dann, noch als Mezzo, mit der Venus hier „richtig“ debutiert. Ich habe dann längere Zeit in Deutschland gelebt, bin zum Beispiel Düsseldorf sehr verbunden, und es begann ja auch das Reisen zwischen den Opernhäusern und den Kontinenten. Aber seit 2005 lebe ich in Wien, ich habe eine Wohnung in der Josefstadt, einen Freundeskreis und genieße, wenn ich hier bin, die Stadt und die Umgebung. Mich kann man beim Spazierengehen am Kahlenberg treffen… Und für uns Sänger ist es so schön, dass man dem Publikum wirklich etwas bedeutet. Neulich war ich beim Sting-Konzert, da sollte man doch wirklich nicht erwarten, unbedingt Opernbesuchern zu begegnen. Und da winken mir ein paar junge Leute zu: „Frau Watson, Frau Watson, wir sind solche Fans von Ihnen!“

Sie unterrichten jetzt an der Wiener Musikuniversität. Einmal haben Sie in einem Interview erzählt, wie schwer man es als junger Sänger hat, richtige Entscheidungen zu treffen. Wie sehr kann man den Studenten dabei helfen?. Und – was muss man tun, um Ihr Schüler zu werden? Kann da jeder kommen, der beschließt, bei einer der besten Wagner-Sängerinnen der Welt zu lernen?

Also, man muss mir schon vorsingen und mich überzeugen, um mein Schüler zu werden. Man kann den Schülern mit Technischem und Interpretatorischem beistehen. Aber man darf die jungen Sänger auch nicht zu sehr an der Hand nehmen, denn es kommt der Moment, da treten sie ins Leben, und dann müssen sie ihre Entscheidungen allein treffen.  

Noch einmal zurück zu dem langsamen Fachwechsel, den Sie vor haben – die „Turandot“ 2015 liegt aber nicht auf dieser Linie?

Nein, ich hätte nicht gedacht, dass dieser Ausflug ins italienische Fach, das ich nur in meinen frühen Anfängerjahren gesungen habe, mir die höchste dramatische Rolle bescheren würde – die Turandot liegt nämlich höher als jede Wagner-Heroine. Aber man muss rechtzeitig den Kurs steuern – bei Wagner ist eine starke Mittellage das Wichtigste, und glücklicherweise kann ich von dieser sowohl in die Höhe wie in die Tiefe… hören Sie sich nur meine Sprechstimme an. Allerdings war es schon ein Wahnsinn, in der „Frau ohne Schatten“ jetzt die Amme zu singen. Man kann sich nicht einbilden, man kennt eine Rolle, weil man als Färberin auf der Bühne gestanden ist – erst, wenn man sie abliefert, weiß man, was sie alles verlangt! Und weil man mir sagt, ich sei eine Spezialistin für starke Frauen – was da noch in der Opernliteratur von Strauss oder auch Janacek wartet, das fällt ja in die für mich so wichtige Kategorie der „Herausforderungen“!

Wir freuen uns auf Ihre Babulenka – und auf noch viele Wagner-Rollen…! Danke für das Gespräch. 

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