Der Neue Merker

LINA

FilmPlakat  Lina~1

Filmstart: 10. März 2017
LINA
Österreich  /  2016 
Drehbuch und Regie: Walter Wehmeyer
Mit: Sarah Born, Johannes Schüchner, Benjamin Muth, Michaela Ehrenstein, Gerhard Rühmkorf u.a.

Man nannte sie „Silberne Dame“, Dichter wie Peter Altenberg und Franz Theodor Csokor lagen ihr wohl nicht nur metaphorisch zu Füßen, und Adolf Loos, als Architekt eine der bekanntesten Persönlichkeiten des künstlerischen Wien um 1900, bestand darauf, sie zu heiraten: Jene „Kaffeesiederstochter“ Lina, die noch den unromantischen Familiennamen „Obertimpfler“ trug und als eines der schönsten Mädchen von Wien galt: Das sprach sich in diesen Kreisen, den Kaffeehaus- und Gesellschaftskreisen, herum.

Dass man Lina Loos (1882-1950) heute keinesfalls mehr wahrnehmen würde, hätte sie nicht Adolf Loos geheiratet – das war wohl die Tragödie einer jungen Frau, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben führen wollte. Nach der Ehe mit Loos – der „Moderne“ mit den altmodischen Lebensformen – , in der sie sich eingeschlossen fühlte, hat sie sich als Schauspielerin und Autorin versucht, aber trotz aller Bemühungen, ihren eigenen künstlerischen Nachruhm zu sichern, ist das wohl nicht gelungen.

Wenn nun Walter Wehmeyer nach zahlreichen Dokumentarfilmen hier (zusammen mit fünf weiteren Autoren/innen) einen Spielfilm über Lina vorlegt, muss er sich natürlich auf die Jahre mit Loos beziehen, nicht das glanzlose Danach, das sie danach zwischen Städten, Kontinenten und einer zweitrangigen Karriere als Schauspielerin, Journalistin und Schriftstellerin hin- und herwarf.

Als Rahmenhandlung wird die noch junge Lina gezeigt, die „am Land“ (offenbar in ihrem Haus in Sievering) ihre Erinnerungen an ihre Ehe niederschreibt. Es beginnt im Kaffeehaus, wie auch anders, wo man neben dem historischen, Lina bewundernden Peter Altenberg noch eine fiktive Dame der Gesellschaft eingefügt hat, die gelegentlich auftaucht.

Foto Lina sie

Adolf Loos sieht Lina, die hier intelligent, von erlesenem Geschmack erscheint, ungeschliffenes Material, „so jung und unerfahren“, ideal für einen Lebemann (von dem die Nachwelt weiß, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat). Die zentralen Sätze der Epoche („Ornament ist Verbrechen“) werden eingefügt, man hält sich ja weitgehend an die wahre Geschichte.

Die zeigt nach kurzer Werbung eine schlechte Ehe, wo der „freie, moderne Mensch“ von Loos zwar postuliert wird, aber nicht für seine Frau vorgesehen ist. Ein dauernd abwesender, von seiner Arbeit okkupierter Ehemann, Geldsorgen – und ein Verehrer.

Die Geschichte mit Heinz Lang ist historisch, der junge Mann liebte Lina und bekannte es, Loos war nicht amused, hat die Gattin unter Psychoterror-Druck gesetzt, damit sie Lang nicht folgte, vielleicht hat Peter Altenberg, der ewige, gewissenlose Schwätzer, tatsächlich „Bring Dich um“ gesagt – in Schnitzlers Stück „Das Wort“ wird die Geschichte konzentrierter erzählt als hier (oder der Realität), Tatsache ist, dass Heinz Lang sich erschoß, vermutlich tatsächlich aus vergeblicher Liebe zu Lina Loos…

Das ist dann auch das Ende des Films, wo viel herumpsychologisiert wird (nicht unwahrscheinlich im Wien des Sigmund Freud), die Personen uns immer expressis verbis wissen lassen, wie es ihnen geht, was nicht der Künstlichkeit entbehrt. Wenn dann beim Heurigen „Das Glück is a Vogerl“ angestimmt wird, dann wird es schon arg mit der Kino-Unnatur…

Und Lina selbst, die von der Südtiroler Schauspielerin Sarah Born ein hübsches, manchmal leeres, manchmal entschlossenes Gesicht erhält, kommt hier nicht so recht als jene Kämpferin heraus, die sie wohl gewesen sein muss. Auch der Loos des Johannes Schüchner wirkt eher harmlos und wenig konturiert, einzig der unglückliche Heinz Lang des Benjamin Muth versprüht einige Intensität. Gerhard Rühmkorf als Altenberg und Michaela Ehrenstein als fiktive Baronin ergänzen, alle braver, als man sich die Originale vorstellt. Es war eine wilde Zeit.

Das soll zweifellos ein Film für Lina Loos sein. Aber es wirkt wie eine zarte Bleistiftzeichnung, wenn man ihr doch mindestens ein Gemälde hätte widmen sollen…

Renate Wagner

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