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LILLY JORSTAD – Auf der Bühne fühle ich mich zuhause!

Lilly Jørstad: Auf der Bühne fühle ich mich zuhause!

 

Zur Staatsopern-Premiere „Falstaff“ von Giuseppe Verdi
(November 2016 / Renate Publig)

 

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Foto © A.Roshchepkin

Geboren wurde die norwegische Mezzosopranistin Lilly Jørstad im russischen Astrachan, wo sie im Alter von 16 Jahren am Konservatorium ihrer Heimatstadt ihre ersten Gesangsstunden erhielt. Weitere Studien führten sie nach Norwegen und Italien, bis sie 2012 beim Rossini-Festival in Pesaro debütierte. Von dort konnte sie ihre Karriere erfolgreich fortsetzen. Dabei entwickelte sich die Rosina in Rossinis Barbier von Sevilla zu einer ihrer wichtigsten Partien, mit der sie unter anderem 2015 an der Mailänder Scala debütierte, in dieser Partie war sie darüber hinaus beim Teatro Argentina in Rom, beim Bergen International Festival und an der Nordnorsk Opera hören.

 

Frau Jørstad, ursprünglich hätten Sie als Meg Page in der Neuproduktion von Verdis Falstaff Ihr Hausdebüt an der Wiener Staatsoper geben sollen. Doch Sie zogen Ihren ersten Auftritt vor, indem Sie als Rosina einsprangen!

Die Nachricht, dass ich einspringen sollte, erhielt ich einen Tag vor der Aufführung, wir probten bereits Falstaff. Dennoch sagte ich zu, weil Rosina eine meiner Lieblingsrollen ist, Rossini ist im Augenblick für meine Stimme ideal! Doch ich erfuhr erst zehn Minuten vor der Aufführung, wer meine Gesangspartner waren.Antonino Siragusa als Almaviva war wie ein Traum, denn ich hatte diesen hervorragenden Tenor bereits in Pesaro gehört.

 

Doch diese Partien, Rosina und Meg Page, unterscheiden sich gesanglich gewaltig?

In dieser Umstellung bestand die Schwierigkeit. Für die Rosina führte ich die Stimme so schlank und flexibel wie möglich, um die Koloraturen sauber gestalten zu können, durfte sie aber nicht zu „leicht“ werden zu lassen, denn für Verdi ist natürlich eine „schwerere“ Stimme unabdingbar.

 

Nachdem Sie derart ins kalte Wasser gesprungen sind, können Sie nun gelassener an die Falstaff-Aufführungen herangehen?

Als Rosina einzuspringen war Magie, doch auch Adrenalin pur, und ich kann mich kaum noch an etwas erinnern an diesem Abend. Es war so aufregend, die Bühne zu betreten – und im nächsten Augenblick war schon alles vorbei.

Im Moment fühle ich mich tatsächlich etwas gelassener, was die Falstaff-Premiere betrifft!

 

Wie laufen die Proben?

Die Probenarbeit ist sehr intensiv, doch etwas Besonders, denn sowohl Zubin Mehta als auch David McVicar sind für mich Götter. Die Arbeit bereichert mich sowohl als Sängerin als auch als Schauspielerin.

 

Falstaff wird als Komödie bezeichnet – teilen Sie diese Meinung? Und wie sehen Sie Ihre Rolle der Meg Page?

Dieses Werk ist das einzige von Verdi, das als Opera buffa bezeichnet wird. Doch in Wahrheit handelt es sich um eine Tragikomödie, denn Falstaff ist ein tragischer „Held“, mit dem sich alle ihren Spaß erlauben. Sie wollen ihm eine Lektion erteilen, und natürlich ist Falstaff ein zwiespältiger Charakter. Ihn derart dem Gespött aller auszuliefern, ist jedoch nicht sehr menschlich. Es fällt mir nicht leicht, diese Rolle auf die Bühne zu stellen! Was hier abläuft, hat nichts von dem Geplänkel zwischen Rosina und Bartolo zu tun. Dem wird wohl ebenfalls ein Streich gespielt, aber das ist Familie, wo man sich schon mal gegenseitig ärgert. In Falstaff erhält das eine andere Dimension, besonders in der Musik, die zwar viel Frisches und Heiteres bietet, „Frizzante und Spumante“, da hört man den Einfluss von Rossini. Doch mit einem Mal verändert sich die Musik und wird düster, fast furchteinflößend.

Falstaff ist eine besonders intensive Oper, in der das Publikum keinen Augenblick entspannen kann!

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Foto © A.Roshchepkin

Wenn Sie eine neue Rolle einstudieren, arbeiten Sie mit Klavier. Wie fühlt sich die erste Orchesterprobe an?

Das kommt aufs Werk an, auf die Orchestrierung, aber auch auf das Opernhaus. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Klänge; Bin ich die Akustik eines Hauses und die Orchestergröße – wie bei Rossini – gewöhnt und setzt der erwartete Orchestersound ein, ist das ein erhebender Moment. Der Klang fühlt sich „richtig“ an.

 

Und jetzt bei den Falstaff-Proben?

Durch Aufnahmen war ich mir natürlich der opulenten Orchestrierung Falstaffs bewusst. Doch als ich im Orchestersaal erstmals das komplette Orchester vor Augen hatte, boten allein die Anzahl der Bläser ein beängstigendes Bild. Mir schoss sofort durch den Kopf ‚Und die soll ich alle mit meiner Stimme übertönen?‘ Doch dann schob ich die Zweifel zur Seite und fokussierte mich auf die Technik, darauf bedacht, das Stimmvolumen natürlich zu erzeugen und nicht zu forcieren. In dem großen Probenraum, der durch die vielen Musiker jedoch plötzlich sehr eng erscheint, braucht es eine Portion Mut und Selbstvertrauen!

 

Verändert sich das Gefühl auf der Bühne?

Ja, auf der Bühne ist es tatsächlich anders, dadurch, dass das Orchester im Graben positioniert ist und die Akustik der Staatsoper die Sänger unterstützt. Auf der Bühne fühle ich mich zuhause!

Natürlich spüre ich den Adrenalinschub, wenn die Vorstellung beginnt, ich kann diese Energie aber sehr gut für mich nützen, sie gibt mir zusätzliche Kraft.

 

Sie studierten in Ihrer Heimatstadt Astrachen in Russland, in Norwegen und in Italien, in Florenz sowie in Mailand an der Accademia Teatro alla Scala. Welche hat Sie am meisten beeinflusst?

Das Studium in Russland schaffte zunächst eine gute Basis, das Problem lag darin, dass mich meine Lehrerin mich als Sopran einstufte. Sie gab mir Butterfly, Traviata und Tatjana zum Einstudieren, ein völlig falsches Fach für mich, meine Stimme konnte sich nicht richtig entfalten.

Ich ging für drei Monate nach Italien, wo mein Lehrer mein richtiges Stimmfach feststelle. Doch wenn ich Gesang zu meinem Beruf machen wollte, müsse ich meinen kompletten Zugang zum Gesang umstellen. Also kam ich nach Norwegen an die Universität von Tromsø. Danach beschloss ich, in Italien zu studieren, für mein Fach die ideale Ausbildung. Ich lernte nicht nur über die Musik an sich, sondern Musiktheorie, Musikästhetik, Philosophie. Aber vor allem erfuhr ich erstmals, wie ich auf meine Stimme aufpassen konnte.

 

Nachdem Sie so lange Zeit in Ländern mit derart unterschiedlichen Sprachen verbracht haben, in welcher Sprache denken bzw. träumen Sie?

Tatsächlich in einer Mischung aus Italienisch, Russisch und Norwegisch. Die Sprache im Traum ist stark verbunden mit dem Traumthema. Wenn ich von meiner Kindheit träume, dann in Russisch, wenn von den jetzigen Freunden, dann in Norwegisch.

 

Durch Ihren Stimmtypus steht Ihnen eine große Bandbreite an Rollen zur Auswahl. Welche Komponisten bevorzugen Sie, und welche Charaktere stellen Sie am liebsten auf die Bühne?

Ich wurde in Russland geboren und ich lebe in Norwegen … im Allgemeinen bin ich eine sehr optimistische Person, aber seit meiner Kindheit faszinieren mich die ernsten Rollen. Ich bin noch zu jung, um dramatischere Partien zu singen, das wäre noch nicht richtig. Meine Lieblingskomponisten sind Händel, Mozart, Donizetti, Bellini und Rossini – das passt auch für meine Stimme am besten. Bei Verdi ist Meg Page für mich das Limit, seine berühmten Partien für Mezzosopran erfordern eine wesentlich dramatischere Stimme. Wenn ich mich in diese Richtung mit einer gesunden Stimme und ohne Forcieren entwickeln möchte, muss ich die Stimme langsam darauf vorbereiten.

 

Spielen Sie gerne Hosenrollen?

Den Cherubino von Mozart mag ich zwar musikalisch, doch genau genommen bin ich für diese Partien zu feminin. Ich tanze sehr gerne, da fällt es mir schwer, diese Bewegungen abzulegen, besonders die der Hände! Es erfordert eine hohe Konzentration, die aufkosten der musikalischen Interpretation. Außerdem wirkt es sehr aufgesetzt und steif – was für Cherubino noch passen kann, nicht aber für Romeo.

 

Von welche Rollen träumen Sie in Ihrer Zukunft?

Oh, meine Wunschliste ist sehr lange: Händels Cleopatra und die Desdemona in Rossinis Otello. Diese Partie ist absolut für meine Stimme komponiert, und ich liebe Shakespeare! Früher träumte ich davon, Verdis Desdemona zu singen, aber meine Stimme hat sich nicht ganz in diese Richtung entwickelt (lacht). Dann in der Zukunft vielleicht Semiramide. Koloraturen fallen mir leicht, und die Tessitur ist ideal für mich. Natürlich singe ich gerne die Cenerentola., meine Stimme machte in verschiedene Richtungen große Fortschritte, als ich diese Rolle einstudierte.

 

Und Ihre langfristigen Pläne?

Natürlich träume ich davon, die Carmen zu singen. Sie ist so eine besondere Figur! Carmen ist polygam, sie schert sich nicht um Konventionen, das ist ein sehr modernes Rollenbild, überhaupt für die Zeit, in der das Werk entstanden ist!

 

Wie können Sie entspannen, welchen Hobbies gehen Sie nach?

Ich liebe Wellness-Center: Schwimmen, Massage, Sauna – in Norwegen gibt es einige wunderbare Center! Ich tanze sehr gern, schon mein ganzes Leben. Und ich male, wofür ich leider zu wenig Zeit habe. Ich kann dadurch sehr gut meine Energien, positive wie negative kanalisieren, das ist sehr reinigend!

Außerdem liebe ich Tiere, ich selbst habe einen Zwergspitz namens Bacio, der beste Hund der Welt, der bei meiner Familie in Norwegen lebt.

Natürlich sind mir meine Freunde sehr wichtig. Außerdem lese ich sehr gerne, italienische und russische Literatur, oder französische Lyrik des 19. Jahrhunderts – die finde ich sehr bewegend.

 

Frau Jørstad, vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für die Falstaff-Aufführungen!

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