Der Neue Merker

LEIPZIG: BACHFEST im 1000jährigen Leipzig vom 12.-21.6.2015

Leipzig/Bachfest vom 12.-21. Juni im 1000jährigen Leipzig, 16.06.2015

Leipzig begeht in diesem Jahr seinen 1000. Geburtstag und verdankt das einer Notiz des Chronisten Thietmar von Merseburg über den Tod des Bischofs Eido von Meißen am 20.12.1015 „in urbe lipzi“ (in der Stadt Leipzig). Diese schriftliche Ersterwähnung ist der Anlass ganzjährig zu feiern.  

 Bach in Bronze vor der Thomaskirche, Foto Ursula Wiegand
Bach in Bronze vor der Thomaskirche, Foto Ursula Wiegand

 „So herrlich stehst du, liebe Stadt!“ lautet passend dazu das diesjährige Bachfest-Motto, ist aber keine heutige PR-Floskel, sondern eine Zeile aus der Kantate „Preise, Jerusalem, den Herrn“, die Bach Ende August 1723 für den Festgottesdienst zur Wahl des Stadtrates komponiert hatte. Mit mehr als 100 Veranstaltungen an über 30 Orten ist das diesjährige Bachfest Leipzig vom 12. bis 21. Juni entsprechend festlich gestimmt.  

 Haußmanns Bachporträt von 1748 zurück in Leipzig. Foto Ursula Wiegand
Haußmanns Bachporträt von 1748 zurück in Leipzig. Foto Ursula Wiegand

 Erwartet werden rd. 75.000 Besucher, und auf die wiederum wartet nun in der Schatzkammer des Bach-Archivs eine außergewöhnliche Überraschung: Johann Sebastians besterhaltenes Porträt, gemalt 1748 von Elias Gottlob Haussmann. Nach 265 Jahren ist es nun nach Leipzig zurückgekehrt. Der großherzige amerikanische Bach-Experte  und -Verehrer hat es dem Bach-Archiv Leipzig vererbt. Beim feierlichen Eröffnungskonzert am 12. Juni – diesmal in der 850 Jahre alten Nikolaikirche – wurde es enthüllt. Es ähnelt dem Bach-Bild im Alten Rathaus, das jedoch durch Restaurierungsfehler arg glitten hat.

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Enthüllung des Bachporträts in der Nikolaikirche, Foto Gert Mothes

 Die Rückkehr nach Leipzig gleicht einem Wunder, hat das Gemälde doch eine Odyssee hinter sich: Zunächst erbte es Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel, nach dessen Tod wurde es im Nachlassverzeichnis erwähnt. Ab dem frühen 19. Jahrhundert war es im Besitz der jüdischen Familie Jenke in Breslau. Der Urgroßvater des späteren Bild-Besitzers Walter Jenke soll es dort bei einem Trödler gekauft haben. Walter Jenke emigrierte 1936 nach England und gab das Porträt während der Kriegsjahre in die Obhut der Familie Gardiner in Dorset.

Dort hing es im Treppenaufgang, etwa in Augenhöhe des kleinen John Eliot Gardiner. Täglich kam er daran vorbei, hat sich anfangs, wie er einräumt, vor dem strengen Thomaskantor-Blick fast gefürchtet, der so gar nicht zu den freudvollen Motetten zu passen schien, die der Junge gerade auswendig lernte. Erst später entdeckte Gardiner Bachs andere Seite, die untere sinnliche Gesichtshälfte mit den vollen Lippen des Genießers, der Wein, Bier und gutes Essen liebte. Und als Vater von 22 Kindern auch anderes. Nach mehr als 60 Jahren kann Gardiner, Vorstandmitglied des Bach-Archivs, wieder Johann Sebastians Gesicht betrachten.

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Barbara Scheide bei der Übergabe des Bachbildes, Foto Gert Mothes

 Walter Jenke hat das Bach-Bild später verkauft. Der Bach-Forscher und  -Sammler Dr. William H. Scheide aus Princeton/New Jersey erwarb es 1952 auf einer Auktion. Im Vorjahr, als Hundertjähriger, vermachte er das Bild im Wert von 2,5 Millionen Euro dem Bach-Archiv Leipzig. Für Bach-Fans ist es ohnehin von unschätzbarem Wert.

Die Familie des am 14. November 2014 Verstorbenen ist zum diesjährigen Bachfest Leipzig angereist. Judith Scheide, seine Witwe, übergibt das Bild während des Eröffnungskonzerts. „Bach ist nun wieder zu Hause,“ freut sie sich.

Der Vater habe Herrn Bach in der Früh stets einen guten Morgen und abends eine gute Nacht gewünscht, erwähnt seine Tochter Barbara Scheide. Für sie wird es ein Abschied unter Tränen und für alle Besucher dieses Eröffnungskonzertes ein ebenso emotionales und großartiges Erlebnis.

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Gotthold Schwarz dirigiert das Eröffnungskonzert, Foto Gert Mothes

 Den musikalischen Rahmen gestaltet der erfahrene Gotthold Schwarz, der als Interims-Thomaskantor anstelle von Prof. Georg Christoph Biller fungiert. Biller, der sich 22 Jahre lang mit seinen Thomanern hohe Verdienste um die Bachpflege weit über Leipzig hinaus erworben hat und auch eine treibende Kraft bei der Entwicklung des Campus „forum thomanum“ gewesen ist, musste aus Krankheitsgründen sein Amt aufgeben. Am 17. Juni ist er mit einem Festakt in der Thomaskirche und mit stehenden Ovationen verabschiedet worden.

Zurück zum Eröffnungskonzert am 12.06. Temperamentvoll führt Gotthold Schwarz den Thomanerchor Leipzig, das Ensemble Thios Omilos und das erstmals mitagierende Händelfestspielorchester Halle zu einer beeindruckenden Gesamtleistung. Glänzend auch die Solisten Ute Selbig (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Patrick Grahl (!,Tenor) und Jochen Kupfer (Bariton). Zuvor schon hatte Stefan Kießling an der Riesenorgel anhand von Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge d-Moll, BWV 903, mit gewaltigen Steigerungen den Weg gewiesen.

Auch eine Uraufführung ist zu vernehmen: die Choralkantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Günter Neubert (geb. 1936), eine interessante und hörenswerte Verbindung von leicht abgewandelten Luther-Chorälen mit zeitgenössischen Klängen. Gerade bei den modernen Varianten beweisen Britta Schwarz und Jochen Kupfer erneut ihr Können. Den krönenden Abschluss bildet Mendelssohns Werk „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ op. 42, MWV A 15.

 Gewandhaussaal vor Konzertbeginn, Foto Ursula Wiegand
Gewandhaussaal vor Konzertbeginn, Foto Ursula Wiegand

 „Grosses Concert“ dann abends im Gewandhaus. Zweimal „Stabat mater“ steht auf dem Programm, einmal von Verdi  – noch ergänzt durch sein „Te Deum“, zum anderen von Rossini. Der junge Dirigent Michele Mariotti wirft sich förmlich in diese üppigen  italienischen Klangwelten.

Marias Schmerzen unter ihrem am Kreuz sterbenden Sohn haben Verdi und Rossini erstaunlicherweise in lichtes Dur gekleidet und wie Opern komponiert. Entsprechend volumig und klangmächtig werden sie vom Gewandhausorchester und dem MDR-Rundfunkchor (einstudiert von Philipp Altmann) dargeboten. Auch an der Solistenriege mit Maria Agresta (Sopran), Sarah Connolly (Mezzo), Michael Schade (Tenor) und Dmitry Belosselsky (Bass) wurde nicht gespart. Erst zuletzt geht der alt gewordene Rossini, von Depressionen und Todesfurcht geplagt, deutlich ins (selbstmitleidsvolle) Moll.

Mit „Rund um Bach – gusto italiano“ zieht am 13.06. Gewandhausorganist Michael Schönheit die Zuhörer in den Bann. Von Johann Gottfried Walther über Johann Ludwig Krebs bis zu Johann Sebastian Bach erstreckt sich das Programm und zeigt, dass sich auch Bach von dem damals modischen italienischen Musikstil inspirieren ließ. Doch was macht er daraus! Sein Werk „Toccata, Adagio und Fuge C-Dur“ BWV 564 überragt alles zuvor Gebotene.

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Peter Neumann dirigiert Bachs Leipziger Kantaten, Foto Gert Mothes

 Am Abend in der überfüllten Thomaskirche sind dann „Leipziger Kantaten Bachs“ unter der Stabführung von Peter Neumann, Bach-Medaillen-Träger 2015, zu vernehmen. Sichtlich engagiert animiert er den Kölner Kammerchor und das Collegium Cartusianum. Letztere legen sich ebenfalls ins Zeug, doch der samtene Klang ihrer historischen Instrumente, die einmal intensiv nachgestimmt werden müssen, hat es in der akustisch schwierigen Thomaskirche nicht leicht. Auch die Solisten Hanna Zumsande (Sopran), Elvira Bill (Mezzo), Manuel König (Tenor) und Tobias Berndt (Bass) müssen sich mühen.  Erst die Pfingstkantate „O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe“ BWV 34 bringt das Feuer des Heiligen Geistes näher. Großer Schlussbeifall.

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Deutsche und Chinesen singen gemeinsam, Foto Gert Mothes

 Wie sich die Thomaskirche musikalisch ganz fabelhaft füllen lässt, beweist am 14.06. die Deutsch-Chinesische Chorakademie „Bach für uns“. Die vielen jungen Menschen mit ihren klaren, gut trainierten Stimmen – das ist die wahre Wonne. Die Chinesen hatten sich vor der Thomaskirche nochmals eingesungen, und Hermann Max hat sie alle bestens im Griff: den Chor des Instituts des Zentralkonservatoriums Beijing, den Gewandhausjugendchor und das fitte Mendelssohn Kammerorchester Leipzig.

Überzeugend hier auch die Solisten Gesine Adler (Sopran), Susanne Langner (Alt), Tobias Hunger (Tenor) und Diogo Mendes (Bass). Die Chinesen bringen das Stück „Wind“ von Zhon Juan und das bearbeitete Volkslied „Riding on a Mule“. Ein heftiger Maultierritt muss das gewesen sein, und er wird zur  Glanzleistung des vierstimmigen Chores.

Gemeinsam und auf Deutsch singen sie mit den Leipzigern Werke von Mendelssohn, Haydn, Johann Hermann Schein und schließlich Bachs „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten“ BWV 214, komponiert zum Geburtstag der sächsischen Königin/Kurfürstin Maria Josepha. Bei den ersten Takten horchen alle auf. Es ist das „Jauchzet frohlocket“, der Jubelstart des späteren Weihnachtsoratoriums (BWV 248). Bachs Jubel, dargeboten mit jugendlicher Begeisterung, durchdringt die gesamte Thomaskirche und wird mit heftigem Applaus quittiert.

 Pianistin Jin Tang, Foto Ursula Wiegand
Pianistin Jin Tang, Foto Ursula Wiegand

 Eine weitere Chinesin hatte schon am 13.06. imponiert: die Pianistin Jin Tang, die u.a. am Mozarteum Salzburg studiert hat und inzwischen international unterwegs ist. Für mich wird sie zur Schwester von Lang Lang, kennt wie er keine technischen Probleme, ist aber eine Künstlerin ohne jedes Getue. In der Kuppelhalle der Commerzbank spielt sie Bachs Werke genau so versiert und ausdrucksvoll wie die enorm schwierigen Stücke junger chinesischer Komponisten. Bravo!

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Bachfest-Gottesdienst auf dem Markt, Foto Ursula Wiegand

 Viel Lob verdienen auch die musikalisch gekonnt gerahmten Gottesdienste der Leipziger Kirchen sowie die Veranstaltungen auf dem Markt unter dem Stichwort „Bachmosphäre“. Der Openair-Gottesdienst mit Gotthold Schwarz und dem Thomanerchor am Sonntag, dem 14. Juni, findet ebensolchen Publikumsandrang wie die abendlichen Jazz-Konzerte.

 Tine Thing Helseth bei BACHmosphäre, Foto Ursula Wiegand
Tine Thing Helseth bei BACHmosphäre, Foto Ursula Wiegand

 Hierzu hat man echte Könner eingeladen, u.a. die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth, die Bach ebenso gekonnt spielt wie eigene Stücke mit ihrem Quintett.

Dankenswerterweise werden die großen Konzerte ebenfalls live und in perfekter Technik auf dem Markt übertragen, auch das Konzert in der Nikolaikirche am Abend des 14. Juni. Sir John Eliot Gardiner dirigiert Sterbemusiken, so Bachs „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“ BWV 198 und Mozarts „Requiem d-Moll“ KV 618, gefolgt von seinem „Ave verum corpus“, KV 618.

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Sir John Eliot Gardiner dirigiert Bach und Mozart, Foto Gert Mothes

 Gemeinsam mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists wird dieses Konzert zur Sternstunde. Mit Herz und Verstand verfolgen Gardiner und die Seinen die musikalischen Linien, veranschaulichen jeden Vers und zeigen sauf, wie nahe sich Bach und Mozart in den Sterbemusiken sind. Mit dem Einbau mehrerer Fugen in sein Requiem hat Wolfgang Amadeus seine Verehrung für Johann Sebastian Bach deutlich kundgetan.

Insgesamt wirkt dieses wunderbare Konzert wie Musik von einem anderen Stern – für die in der Nikolaikirche und die draußen unter dem echten Sternenhimmel. Im Gotteshaus schließlich Ovationen und begeistertes Getrampel! Ein unvergesslicher Schlusspunkt meiner drei, voll ausgefüllten Leipziger Bachfest-Tage.  

Ursula Wiegand

 Ein Vorprogramm für das Bachfest 2016 vom 10.-19. Juni ist bereits gedruckt. Unter dem Motto „Geheimnisse der Harmonie“ warten erneut viele Highlights auf die Musikliebhaber. Der Kartenverkauf beginnt am 15. Oktober. www.bachfestleipzig.de .

 

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