KREFELD: LOHENGRIN. Premiere

by ac | 16. April 2017 14:35

KREFELD: LOHENGRIN

Premiere am 15. April 2017

Am Premierenende wahrer Begeisterungstaumel. Man meinte förmlich zu spüren, dass die Besucher das Wagner-Defizit der jüngeren Vergangenheit am Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach durchlitten haben müssen. Dabei hat es vor gut dreißig Jahren am Haus sogar den kompletten “Ring“ gegeben (in der sogar vom „Spiegel“ aufmerksam beäugten Inszenierung John Dews). Jetzt also „Lohengrin“, voll aus dem Ensemble besetzt. Dies gilt auch für die Titelpartie, welche nach dem Gast Peter Wedd auch Michael Siemon in Folgevorstellungen verkörpern wird. Eine ganze Reihe ergänzender Veranstaltungen zeigt überdies, mit welchem Ehrgeiz die Theaterleitung die wohl „romantischste“ Wagner-Oper auf den Spielplan gesetzt hat. Hoher Respekt!

Sieht man von einigen Fehlern im 3. Akt ab, spielten die NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKER einen dramatisch aufgepeitschten, blutvollen Wagner, sorgten aber auch für sphärische Klangoasen. GMD MIHKEL KÜTSON dirigierte mit Feuer und Flamme. Der verstärkte Chor (Einstudierung: MARIA BENYUMOVA) zeigte sich auf einer exorbitanten Qualitätshöhe.

Dass, wie bereits erwähnt, nach Ensemblemöglichkeiten besetzt worden ist, führt u.a. dazu, dass die „erste Lyrische“ des Hauses, Sophie Witte, gelegentlich eine der Brautjungfern singt (in der Premiere war dies nicht der Fall), dass ein Nummer-eins-Tenor wie Kairschan Scholdybajew einen brabantischen Edlen übernimmt und sich Andrew Nolen und RAFAEL BRUCK einen ebensolchen mit dem Heerrufer teilen (Bruck in der Premiere ganz exzellent). Dem König verleiht MATTHIAS WIPPICH mit seinem höhenstarken Bass autoritative Züge. JOHANNES SCHWÄRSKY gibt einen rundum bühnenfüllenden, emotional starken Telramund mit baritonaler Cholerik. Als Ortrud erlebt man EVA MARIA GÜNSCHMANN. Prinzipiell ist die einst von einer Astrid Varnay oder Christa Ludwig ideal verkörperte Partie für ihren Zwischenfach-Mezzo eine Nummer zu groß. Es fehlt der vokale „Biss“, der fanatische Rausch (etwa bei „Entweihte Götter“). Dennoch besitzt die Rollengestaltung der Sängerin mit ihrem Plus an Weiblichkeit große Dringlichkeit. IZABELA MATULA gibt mit ihrer jugendlich-dramatischen, in der Höhe regelrecht lodernden Stimme der Elsa höchste Inbrunst mit. Man könnte fast geneigt sein, in ihr eine kommende Ortrud zu sehen.

In der Titelpartie: PETER WEDD. Der britische Tenor absolviert(e) Auftritte an vielen Bühnen Englands. Nach anfänglichen lyrischen Partien hat er sich inzwischen zum dramatischen Repertoire vorgearbeitet, welches auch das Wagner-Fach umfasst. Seinen ersten Lohengrin sang er 2013 an der Welsh National Opera; inzwischen hat er sich sogar den Tristan erobert. In Krefeld beweist er immer noch hohe vokale Geschmeidigkeit, bietet aber auch enorme tenorale Muskelkraft. Angenehm schlanke Erscheinung, impulsive Darstellung. Womit, bewusst verzögert, zum szenischen Teil der Aufführung gekommen sei.

Über den Regisseur ROBERT LEHMEIER ist viel Positives zu lesen, so hinsichtlich engagierter Operninitiativen in Südafrika. Sein Krefelder „Lohengrin“ wirkt freilich nur maßvoll inspiriert, was – das sollte wirklich nicht untergehen – vom Premierenpublikum offensichtlich anders empfunden wurde. Freilich: mit Jubel vermag man nicht wirklich zu argumentieren. Wie so häufig gibt es viele konzeptionelle Worte im Programmheft, auf der Bühne sieht man hingegen eine eher vage Interpretation.

Der erste Akt überzeugt. TOM MUSCHs Bühnenbild zeigt einen Parlamentssaal, wo in Anwesenheit eines ganzen Journalistenheeres politisch offenkundig Bedeutsames diskutiert wird. Weiterhin gib es den „Fall Elsa“. Tatverdacht: Brudermord. Dabei hatten ganz zu Beginn Elsa und ihr Gottfried, beide blumenbekränzt, in geschwisterlicher Harmonie vor dem Vorhang gestanden und sich zum sphärischen A-Dur der Geigen holdselig angelächelt. Danach sieht man, was wirklich geschah, nämlich Ortruds Entführung des Knaben, ihr Umlegen eines zauberischen „Kettleins“. Wieder einmal muss Musik bebildern, was jeder Besucher aus dem Opernführer eigentlich kennen dürfte. Noch später erscheint hinter einem rückwärtigen Vorhang ein nackter Lohengrin. Erotische Wunschvorstellung Elsas? Nun ja, so wie sie ihren Auftritt im „Parlament“ kokett hinlegt, scheint das nicht ganz ausgeschlossen. Und das geblümte Kleid von INGEBORG BERNERTH hat wohl auch tiefere Bedeutung, selbst wenn man darob nicht gänzlich schlau wird. Auch der eigentliche Auftritt des Gralsritters, ziemlich sportiv übrigens und ohne Schwan (die Menge spielt lediglich mit Federn), lässt Sinnfragen offen. Dass der gleißend gepanzerte Lohengrin (mit Blumenkranz) auf die politisch so coole, aber sich offenbar nach Wundern sehnende Menschenmenge narkotische Wirkung ausübt, teilt sich immerhin mit.

Im zweiten Akt tut sich szenisch dann aber nur wenig, vielfach sogar einfach Unsägliches. Lehmeier konzentriert sich, um wirkliche Ideen verlegen, vor allem auf das Drapieren einer Riesenschleppe für Elsa, womit das Quartett der Brautjungfern in eifriger Bewegung gehalten wird. Der (gekürzte) Brautchor im dritten Akt wiederum ist ein starres Bild, welches der bereits erwähnte Hintergrundsvorhang frei gibt. Die Damen tragen Kalaschnikows in den Händen. Ein mühevoller, lächeln machender Versuch, fatalen Zeitgeist kritisch in den Mythenstoff zu infiltrieren.

Zum Finale (wiederum im „Parlament“) rappelt sich die Inszenierung dann allerdings noch einmal auf. Die Gralserzählung wird zu einem zärtlich-verzweifelten Beieinander von Lohengrin und Elsa. Der kleine Gottfried, Hoffnungsträger für Brabant, tritt in einem Kampfanzug auf und bedroht die Anwesenden mit einer Flinte. Und Ortrud, in schwarzer Witwenkleidung ihren getöteten Gatten lügnerisch betrauernd, setzt sich in Führerpositur. König Heinrich hat wohl ausgedient. Was wird wohl aus diesem Lande werden? Lohengrin vermag nichts anderes zu tun, als sich davon zu schleichen. Das sind in der Tat starke (und ausbaufähig zu denkende) Momente, aber sie trösten über vorherige Regiedefizite nicht hinweg.

Christoph Zimmermann

 

Source URL: http://der-neue-merker.eu/krefeld-lohengrin-premiere