Der Neue Merker

KOPENHAGEN/ Schauspielhaus: HORISONTEN . Premiere

Kopenhagen/ Schauspielhaus: “HORISONTEN”,  Premiere am 11.09.2015

Den eigenen Horizont zu erweitern, ist immer von Vorteil, und dazu eignet sich “Wonderful Copenhagen” vortrefflich. Also nicht nur in der gemütlichen Altstadt herumstreifen. Denn Neues entsteht dort allenthalben, darunter auch Highlights zeitgenössischer Architektur.

Kopenhagen, die Dänische Nationaloper
Kopenhagen, die Königliche Nationaloper, Foto: Ursula Wiegand

Die Vorreiterin der Moderne auf dem Kultursektor war die Dänische Nationaloper auf der Insel Holmen, geplant von Architekt Henning Larsen. In der Rekordbauzeit von rd. 3 ½ Jahren wurde das spektakuläre Gebäude fertig und am 15. Januar 2005 eröffnet.

Seit 2011 besitzt die Oper mit dem Königlichen Schauspielhaus (Skuespilhuset) ein Pendant jenseits des Wassers, nahe der Besucherattraktion Nyhavn. Es ist ein eher flacher, kantiger Bau mit schimmernden Glaswänden, entworfen von Lundgaard & Tranberg Architekten. Das Gebäude, dessen Stockwerke (ähnlich wie bei der Oper) unter die Wasseroberfläche reichen, schließt an die alten Hafenbauten an, ohne mit eigener Höhe aufzutrumpfen.

Skuespilhuset,  Kopenhagens Schauspielhaus
Skuespilhuset, Kopenhagens Schauspielhaus, Foto: Ursula Wiegand

Seine strenge Schönheit spricht für sich, zeigt sich aber erst beim Näherkommen und am besten vom Wasser her. Das ist leicht zu bewerkstelligen, shuttelt doch der Wasserbus 993 ständig zwischen der Oper und dem Schauspielhaus hin und her. Mit seinen 1.000 Plätzen dient das Schauspielhaus als Zentrum für dramatische Kunst. Hier findet das eher Ungewöhnliche seinen Platz und auch sein Publikum.

Bei meinem kurzen Kopenhagen-Aufenthalt hat die Oper „nur“ ein Konzert im Programm. Solches kann ich auch in Berlin hören und wähle stattdessen die Premiere „Horisonten“ im Schauspielhaus. Allerdings kann ich nicht Dänisch und daher nicht mitlachen, wenn sich alle anderen im ausverkauften Saal bei den Dialogen oft köstlich amüsieren. Also konzentriere ich mich aufs Schauen und mache mir meine eigenen Gedanken.

Mitten im Leben sind wir, aber sind wir uns dessen bewusst? Diese Frage stellt jedenfalls Regisseurin Catherine Poher, fünfmalige Gewinnerin des renommierten dänischen Kunstpreises „Reumert Award“. Zusammen mit Thomas Eisenhardt setzt sie ihre Idee auch choreographisch in die Tat um und zeigt uns eine mal schöne, mal grausame Welt. Sie will uns das Sehen und Fühlen (wieder) lehren.

22 Damen und Herren vom klassischen Ballett und Theater bis zur Moderne, Zirkusartisten und Opernsänger gestalten einen ebenso turbulenten wie nachdenklich machenden Abend. Menschen wie du und ich in Alltagskleidung (Kostüme: Rikke Juellund). In vier kurzen Akten (Dauer insgesamt 1 Std. 40 Minuten) zeigen sie das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, seinen skurrilen Wendungen, seinen Abstürzen und der Wiedergewinnung von Mut und Mitmenschlichkeit. Das alles jedoch locker und ohne erhobenen Zeigefinger.

Das Stück beginnt mit Diskutieren und Hin- und Herlaufen, bis die Regisseurin auf der Bühne (Stine Schrøder Jensen) alle in einer langen Reihe aufgestellt hat. Einer (Johannes Lilleøre) wird offensichtlich von Insekten (bösen Fantasien?) gepeinigt und entledigt sich nach jedem Schlag auf die Quälgeister des betreffenden Kleidungsstücks.

Zuletzt steht er nackend und schutzlos zwischen den anderen, die von ihm überhaupt keine Notiz nehmen. Ein anderer (Didier Oberlé), der von den übrigen augenscheinlich gemieden wird, fällt einfach zu Boden und stürzt sich später artistisch ganz von der Bühne. Und zwei Menschen tanzen einen eher verzweifelten Pas de deux.

Gudrun Bojesen, Ole Birger Hansen in Horisonten, Foto Natasha Ryvad
Gudrun Bojesen, Ole Birger Hansen in Horisonten, Foto: Natasha Ryvad

Bald bricht das Chaos aus, und alle springen nacheinander wie die Lemminge in den Abgrund. Bis auf die Familie mit dem Töchterchen, die an den Bühnenrand geflüchtet ist. Da hilft nur noch Johann Sebastian Bach und sein „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ (BWV 721), eindrucksvoll auf deutsch gesungen von Andreas Landin.

Hat Gott sich wirklich erbarmt? Im nächsten Akt sind alle wieder da, putzmunter und springlebendig.

Didier Oberlé und  Jenny Ecke in  Horisonten, Foto Natasha Ryvad
Didier Oberlé und  Jenny Ecke in Horisonten, Foto Natasha Ryvad

Sie haben sich wieder gern und feiern fröhlich eine Art Sommerfest. Einer (Samuel Gustavsson) trägt nun eine große haarige Tiermaske, vor der sich die Kinder, anders als die Erwachsenen, keineswegs fürchten. Freundlich nehmen sie das „Untier“ bei der Hand. Fremdes akzeptieren, so wie es Kinder tun – das soll wohl die Botschaft sein.

Und nicht nur die ist angekommen, die gesamte Aufführung findet begeisterte Zustimmung. Mit heftigen Jubel werden alle Schauspielenden und Tanzenden bedacht, ebenso Jens Bjørnkjær,  Komponist und musikalischer Leiter der Königlichen Kapelle. Kräftiger Applaus gilt auch dem Regieteam. Die Horizont-Erweiterung ist allseits gelungen.

Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen bis 10.10. 2015. Tickets (95 kr.-295 kr) beim Box-Office des Königlichen Theaters unter billet@kglteater.dk , Tel. +45 33 69 69 69
Adresse: Sankt Annæ Plads 36, 1250 København K

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