Der Neue Merker

KÖLN: IL TRITTICO

Köln – „IL TRITTICO“ – 24.05.2013

 Der Kölner Oper ist mit Puccinis Dreiteiler ein packender Abend gelungen. Dabei ist eine kontinuierliche Steigerung zu beobachten. „Il tabarro“ verläuft im wesentlichen im konventionellen Rahmen. Allerdings ist das Bühnenbild von Dieter Richter in doppelter Hinsicht ärgerlich. Die Handlung spielt sich auf zwei Ebenen ab, wobei der untere Bereich offensichtlich das Unterdeck von Micheles Kahn sein soll, wäh-rend die eigentliche Handlungsebene das Oberdeck ist. Das hat aber zur Folge, dass zum einen akustische Irritationen entstehen und zum anderen aus dem vorderen Teil des Parketts die handelnden Figuren zum Teil nicht voll einsehbar sind. Neue Regieideen hat Sabine Hartmannshenn nicht entwickelt. Selbst der krause Schluss, in dem Giorgetta eigentlich ihren Gatten abstechen will, versehentlich aber ihren Geliebten trifft, ist nicht gerade ein Highlight. Im Gegenteil: Hiermit wird die grandio-se Dramaturgie des Librettos geradewegs torpediert. Das Stück heißt nicht umsonst „Der Mantel“. Kulminationspunkt des Stückes ist es, dass im Finale Giorgetta in jenem Mantel, der zuvor die Liebe zu ihrem Gatten charakterisiert hat, die Leiche ihres Liebhabers vorfindet. Nichts davon in Köln. Der Mantel spielt bei Hartmannshenn überhaupt keine Rolle, und dass Giorgetta jemanden umbringt, geht schon gar nicht. Ein Regisseur hat die Aufgabe, ein Stück umzusetzen, aber nicht seine eigenen Handlungstränge statt der vorgegebenen einzufügen.

Gesungen wurde indes hervorragend. Scott Hendricks, in Köln schon aus früheren Engagements gut bekannt, besitzt einen kernigen Heldenbariton, mit dem er den robusten Charakter des Kahnführers glaubhaft zu machen versteht. Hector Sandoval ist ein bewährter Spintotenor, der auch schon Otello gesungen hat. Mit dem Luigi hat er keinerlei vokale Probleme. Giorgetta war ASNIK GRIGORIAN, eine Litauerin von attraktiver Erscheinung, die allerdings gelegentliche Schärfen in Passagen über Mezzoforte produzierte. Eine vitale Frugola war Dalia Schaechter.

 Der zweite Teil des Abends spielt auf einer sogar drei Etagen umfassenden Bühne. Der „Keller“ spielt allerdings keine wesentliche Rolle. Die „Galerie“ dient als eine Art Beobachtungsposten. Beides wäre entbehrlich gewesen und stört eigentlich mehr, als es dramaturgisch nützt. Die eigentliche Handlungsebene ist die mittlere und damit dieselbe wie bereits im ersten Teil des Abends. Dort treiben die in flammendes Rot gekleideten Novizinnen ihr Unwesen, prassen, saufen, vögeln nach Lust und Laune, während die in Schwarz gekleideten etablierten Nonnen vor sich hinfrömmeln. Suor Angelica gibt die Amerikanerin Jacquelyn Wagner mit herrlich aufblühenden Höhen und intensivster Darstellung, mit der sie so machen im Publikum zu Tränen gerührt haben dürfte. Dabei stört das „Brimborium“ um sie herum, welches Regisseurin Eva-Maria Höckmayr hinzugedacht hat, kaum. So spurtet die Jungfrau Maria über die Bühne, erscheinen die Eltern von Angelica, tritt auch ihr Sohn auf – alles als visionäre Erscheinungen der Hauptfigur zu deuten -, aber im Libretto nicht vorgesehen. Aus der unübersehbaren Zahl von Mitwirkenden ist noch Dalia Schaechter als Fürstin mit eisiger Ausstrahlung zu erwähnen. Sie ist gewissermaßen ein Urgestein des Kölner Ensembles und in der Lage, jede ihr anvertraute Rolle zu einem Ereignis zu machen.

Der dritte Teil des Abends war der absolute Höhepunkt, wobei die „göttliche Komödie“ von Dante Aligheri wohl auch die gelungenste Librettovorlage für alle Teile des Abends hergibt. Gabriele Rech war die dritte Regisseurin des Abends und hinterließ ein absolut überzeugendes Ergebnis. Sie sprühte vor Einfällen, charakterisierte meisterhaft die in unsere Zeit verlegten Figuren, führte perfekt Personenregie und schuf damit einen grandiosen Ausklang des Abends. Allerdings standen ihr auch mit Scott Hendricks, einem souverän agierenden Schicchi, und mit Jeongki Cho, einem herrliche Tenorkantilänen verströmenden Rinuccio, zwei exzellente Darsteller zur Verfügung. Besonders hervorzuheben ist allerdings Gloria Rehm, die Zerbinetta-Entdeckung der Kölner Oper, eine 28-jährige Sopranistin mit frischem jugendlichen Material, die zudem extrem sexy im Lederkleid mit Tatoo auftreten und die 18jährige Göre verkörpern durfte. Auch in diesem Stück ist die Zahl der Mitwirkenden schier unübersehbar. Sämtliche Inhaber der überwiegend als große Partien zu qualifizierenden Rollen überzeugten stimmlich und darstellerisch einschränkungslos, so Dalia Schaechter als Zita, John Heuzenroeder als Gherardo, Aoife Misekelly als Nella, Matias Tosi als Beppo, Ulrich Hielscher als Simone, Christopher Bolduc als Marco, Romina Boscolo als Ciesca, Bodo Schwanbeck als Spinelloccio und Werner Sindemann als Notaio. Besonderes Lob verdient auch Benedikt Lucks als Gherardino, ein schätzungsweise zehn- bis zwölfjähriger Junge, der es verstand, sich wie ein Profi in die Handlungsabläufe einzufügen und dazu ausersehen war, durch alle möglichen kindischen Manöver die Erwachsenen zu verunsichern, bis er von seinem Vater gehörig versohlt wird.

 Am Pult des Gürzenich Orchesters waltete Will Humburg mit der von ihm gewohnten Sicherheit. Puccinis Musik zu interpretieren macht regelmäßig auch dem Orchester Spaß. Das war deutlich zu spüren. Das gilt nicht minder für den von Andrew Ollivant einstudierten Chor. Bleibt noch zu erwähnen, dass auch die Kostüme drei verschiedenen Damen anvertraut waren. Im ersten Teil war es Susana Mendoza, im zweiten Teil Julia Rösler und im dritten Teil Sandra Meurer, welche durchweg handwerklich ausgezeichnete und situationsangemessene Ausstattungen beisteuerten. Bleibt zusammenzufassen, dass die Kölner Produktion einen Besuch auswärtiger Opernfreunde wert ist.

Klaus Ulrich Groth

 

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