Der Neue Merker

KÖLN/ Staatenhaus: TANNHÄUSER. Neuinszenierung

KÖLN Staatenhaus Tannhäuser

KÖLN Staatenhaus Tannhäuser: Szene aus dem Venusberg mit Statistin (stehend) und David Pomeroy (Tannhäuser (sitzend). Copyright: Oper Köln

KÖLN/Staatenhaus: TANNHÄUSER

Premiere am 24. September 2017, 2. Vorstellung am 30. September 2017

Nach dem ersten „Tannhäuser“-Aufzug plante der Rezensent seine Besprechung mit einem ironisch abgewandelten „Ariadne“-Zitat zu beginnen: „Ist der Regisseur wahnsinnig, ich muss unbedingt mit der Opernintendantin sprechen.“ Ein Treffen mit Birgit Meyer ergab sich tatsächlich in der zweiten Pause, wo der ungehobelte Kritiker nicht zu unterdrücken vermochte, was er an Erregung bereits jetzt auf der Zunge trug.

Die Tatsache, dass die zweite Vorstellung gesehen wurde, ermöglichte es, einen Blick auf vorhandene Premierenberichte zu werfen. Nicht etwa, um nach Erklärungshilfen zu suchen, sondern um zu prüfen, ob die persönliche Ablehnung der Inszenierung durch positive Meinungen vielleicht zu modifizieren sei. Die lokalen Tageszeitungen berichteten ausgesprochen freundlich. Es gab dann noch einen „gemischten“ Befund und einen weiteren mit deutlichem Negativtrend. Hinter diesen muss die vorliegende Rezension leider einen ganz dicken Punkt machen.

Zu seiner bildnerischen Konzeption äußerst sich DARKO PETROVIC in einem umfänglichen Programmheftartikel. Das derzeitige Opernhaus-Provisorium “Staatenhaus“ bedeutet für ihn keine Einschränkung von Ideen, eher Stimulans, er arbeitet kreativ mit dem Raum von Saal 1. Anders als bei zurückliegenden Produktionen, wo lange vorher konzipierte Ausstattungen an die neuen Provisoriumsverhältnisse angepasst werden mussten, kann Petrovic den Raum in all seinen Spezifika erfassen, zu welchen auch seine enorme Breite gehört. Er umkleidet die Bühne mit einem leuchtenden Portalbau, in dessen abgesenkter Mitte das GÜRZENICH-ORCHESTER sitzt, überwölbt von einer baustellenartigen Treppenlandschaft. Petrovic: „Das szenische Geschehen wirkt in den ‚Graben‘ hinein, ist auch bildlich untrennbar mit dem Klangkörper verbunden – fahrbare (Licht)-Säulen durchpflügen in besonderen Momenten das Reich der Musik.“ Mit Verlaub: „besondere Momente“ sind nicht erkennbar, jedenfalls nicht für den tumben Rezensenten. Er registriert nur reichlich konsterniert das auf ihn sinnlos wirkende, eifrige Hin und Her dieser Wände.

PATRICK KINMONTH, längst vom Ausstatter zum Regisseur aufgestiegen (in Köln debütierte er in dieser Funktion mit „Butterfly“, zuletzt sah man erneut seine ansprechende Inszenierung von Schrekers „Die Gezeichneten“), verzichtet diesmal auf eigene Bebilderung, konzentriert sich auf die Regie, welche aber eher ein „Gewollt“ als ein „Gelungen“ bilanzieren lässt. Das Schema Heilige/Hure, in Wagners Oper durch Elisabeth/Venus verkörpert, liegt so sehr auf der Hand, dass sich eine inszenatorische Holzhammermethode eigentlich verbieten sollte. Kinmonth jedoch lässt die beiden Damen samt der hinzu addierten Heiligen Maria permanent und penetrant auf der Szene herumgeistern, dass man gelangweilt und auch genervt wird (jedenfalls der unduldsame Rezensent). Irgendwann weiß man doch, was Sache ist, aber Kinmonth stellt im Wartburg-Bild alle drei Frauen auch noch mit bedeutungsvollen Gebärden hintereinander, um die heterogene weibliche Dreifaltigkeit zu unterstreichen. Und seine Chorführung ist geradezu unsäglich. Für einen „Nabucco“ in Verona mag das vielleicht reichen, nicht aber für ein psychologisch durchzogenes Musikdrama. Und alle Pilger und Minnesänger im Frack (Kostüme: ANNINA VON PFUEL). Man wird angesichts dieses Interpretationsspuks seiner Sinne fast nicht mehr Herr.

Gerechterweise sei mit positivem Zungenschlag auf einige aufschlussreiche Details hingewiesen. Am Ende des Sängerkrieges macht sich Venus, welche auch zu den „Festgästen“ gehört, an Wolfram heran. Dieser „Abendstern“-Lyriker, welcher Bilder von der angebeteten Elisabeth malt, ist kein Heiliger, durchaus ansprechbar für Körperlichkeit und Erotik, was er allerdings verdrängt. Dieser Moment dauert freilich zu lange, um leise Wirkung zu machen. Zu Beginn des dritten Aufzugs (die vom Dirigenten FRANCOIS-XAVIER ROTH bei seinem ersten Kölner Wagner-Dirigat gewählte Dresdner Fassung wird am Vorspiel des Finalbildes besonders deutlich) „verpaaren“ sich die Heilige Maria und Venus für einen kurzen Moment. Als konzeptioneller Akzent irgendwann zu Beginn der Aufführung wäre das durchaus sinnvoll gewesen, aber jetzt wirkt diese Szene nur noch als xter Ideenaufguss. Nichts Weiteres zu all diesen Fragwürdigkeiten.

Einen unbedingt zu erwähnenden, emotional beeindruckenden Moment gibt aber doch noch. Im dritten Aufzug will Wolfram auf die todesbereite Elisabeth zugehen. Die Heilige Maria hält ihn zurück, und Wolfram sinkt auf einen Stuhl. Was MILJENKO TURK in der Folge (auch während Tannhäusers Rom-Erzählung) alleine durch seine Sitzhaltung ausdrückt, ist ungeheuerlich und überwiegt bei weitem leichte Einwände gegen seinen in dieser Partie etwas zu hellen Bariton mit seinem leicht spröden Belcantofluss. An erfülltem Ausdruck lässt es der Sängerdarsteller indes nicht fehlen. Diese Szene macht wirklich feuchte Augen. Hinzu kommt, dass Roth dem Gürzenich-Orchester speziell in diesem Akt sublimste Pianissimi und Klanggeheimnisse entlockt, welche den Zuhörer förmlich auf die Stuhlkante zwingen und die Banalitäten der Regie vorübergehend vergessen machen.

Noch vor den Einzelsängern ist der mächtig erweiterte CHOR DER OPER KÖLN zu preisen (Einstudierung: ANDREW OLLIVANT). Wie alleine der Pilgergesang im ersten Aufzug durch dynamische Differenziertheit und Raumfülle geprägt wird, ist nachgerade mirakulös. Auch die weiteren Chorszenen bestechen durch vokale Disziplin und Geschmeidigkeit.

Nachdem DAVID POMEROY als Florestan vor einiger Zeit einen eher ungünstigen Eindruck hinterließ, wirkt er als Tannhäuser rollenstringent und konditionsstark, ohne dass man bei seinem Rollenporträt gleich von Überwältigung sprechen könnte. DALIA SCHAECHTER ist über die Venus sängerisch mittlerweile hinaus, und ihre wie immer starke Bühnenpräsenz wird einem dermaßen aufs Auge gedrückt, dass sie im Verlaufe des Abends an Wirkung verliert. KARL-HEINZ LEHNER, der sich als Landgraf mehrmals eine Zigarette anzünden muss (!), singt seine Partie mit markanter und attraktiver Dunkelfarbe. KRISTIANE KAISER hat sich zu Beginn auf dem Treppenarreal über dem Orchester mehrfach zu übergeben. Von einer „Norne“ unter den Zuschauern wurde dem Rezensenten eine mögliche Interpretation zugeflüstert: Elisabeth ist schwanger. Aber die Stimme der Sopranistin klingt frisch, im Höhenforte freilich mit leicht störendem Vibrato. MARIA ISABEL SEGARRA ist der Hirt, bei Kinmonth ohne ersichtlichen Grund eine Hirtin. Sie kommt, singt und geht wieder ab. So etwas nennt man wohl Rollenprofil. Die weiteren Minnesänger: DINO LÜTHY aus dem Opernstudio (als Walter günstig hervorstechend), LUCAS SINGER (Biterof), John Heuzenroeder (Heinrich) und YORCK FELIX SPEER (Reinmar).

Fazit: musikalisch in vieler Hinsicht bestechend, inszenatorisch ein wahres Unglück.

Christoph Zimmermann

Diese Seite drucken