Der Neue Merker

KÖLN/ Staatenhaus: DAS RHEINGOLD – für Kinder

KÖLN/Staatenhaus: Das Rheingold (für Kinder)

Premiere am 5. November, besuchte Zweitvorstellung am 8.11.2017

Für Wagner-Fans können Aufführungen seiner Werke nie ausgedehnt genug sein, anderen machen die „himmlischen Längen“ indes Schwierigkeiten. Für den „Ring an einem Abend“ von und mit Loriot war allerdings nicht der Wille zu zeitlicher Reduktion ausschlaggebend, sondern die ironisch gewürzte Erzählweise Vicco von Bülows. Rein musikalische Beweggründe ließen wiederum instrumentale Arrangements entstehen. Die Version von Lorin Maazel erschien vor einiger Zeit auf CD mit der Staatskapelle Weimar unter Hansjörg Albrecht, welcher seinerseits den „Ring“ für Orgel eingerichtet hat.

Die Absicht der Kölner Kinderoper ist es offenkundig, ein adoleszentes Publikum, welches bereits seit vielen Jahren kontinuierlich mit Musiktheater konfrontiert wird, jetzt auch einmal mit einem besonders anspruchsvollen Opus bekannt zu machen. Von Wagner eignet sich der „Ring“ nicht zuletzt deswegen, weil die Handlung märchenhafte Züge besitzt und der Neugierde des Kinderauges viel zu bieten vermag.

Eine Aufführung von kaum mehr als einer Stunde bedingt allerdings Eingriffe ins Werk. Bei dem original zweieinhalbstündigen „Rheingold“ ist solch ein Vorgehen sicher noch relativ leicht, bei den Folgewerken (sie werden in den kommenden Jahren produziert und zuletzt als Zyklus gezeigt) dürften sich die Schwierigkeiten mehren. Aber Dirigent RAINER MÜHLBACH und Regisseurin BRIGITTA GILLESSEN beweisen bei „Rheingold“ eine so sichere Hand, dass man auf die kommenden „Wie’s“ schon sehr gespannt sein darf.

Beim rund zwanzigköpfigen Gürzenich-Orchester dominieren die Bläser ein wenig, die Harfe scheint etwas ausgiebiger beschäftigt als in der Originalpartitur, und der (Mit?)Arrangeur STEFAN BEHRISCH nimmt bei der Verwandlungsszene des Alberich noch ein Marimbaphon hinzu. Unter der kundigen und souverän steuernden Hand von Mühlbach gerät der Wagner-Klang machtvoll und farbig. Vom Handlungspersonal sind Froh, Donner und Mime ausgespart; Flosshilde und Fricka werden von einer Sängerin verkörpert (JUDITH THIELSEN mit enorm gewachsener und gerundeter Stimme). Da Wotans Gattin bis zuletzt auf der Bühne anwesend ist (sie übernimmt übrigens Frohs „Zur Burg führt die Brücke“) kommt das finale Terzett der Rheintöchter von Konserve aus dem Off, ebenso Erdas Warnung (vokal etwas unruhig: JING YANG).

Die Bühne von CHRISTOF CREMER zeigt eine gewellte Landschaft, deren Grasgrün von silbernen Linien durchschlängelt wird. Die Weltesche ist bereits mit blutiger Speernarbe zu sehen und wird die Szene vermutlich auch in der Folge bestimmen. Im Hintergrund die Andeutung eines Gebäudes, welches mit mobilen Großbuchstaben aus Walhall ausgegeben wird. Ein längliches Sichtfenster ermöglicht Schattenspiele (Wotans Vertragsunterzeichnung) und gibt zuletzt den Blick frei auf eine Party der Götter. Das Wasserbecken im Vordergrund dient den Spielen der Rheintöchter, ist also gerechtfertigter als jenes in Benjamin Schads „Traviata“. Alberich gleitet zur Freude der kindlichen Zuschauer in dem Nass gehörig aus, auch sein Niesen amüsiert die Kleinen.

Den Augen bieten auch die Stilmix-Kostüme Cremers Etliches. Wie viel von den gesungenen Texten (im Detail mitunter modifiziert) tatsächlich verstanden wird und ob die Übertitel den jungen Zuschauern die Erfassung des Geschehens helfen, wäre bei Gelegenheit einmal zu erfragen. Einige Szenen werden als Sprechdialog geboten. Auch hier wüsste man gerne um den Erfolg der Maßnahme.

Brigitta Gillessen liefert eine lebendige Inszenierung, optisch abwechslungsreich, ohne tote Momente. Eindrucksvoll die szenische Verwandlung zu Nibelheim: eine Grasmatte wird aufgeklappt, und in goldenen Lettern ist das Wort “Macht“ zu lesen, dessen Bedeutung Kinder aber wohl noch nicht zu erfassen imstande sind – oder doch? Aus dem Loch kriechen Wotan und Loge, später erscheinen hier drei geknechtete Nibelungen (die Darstellerinnen der Rheintöchter) und bearbeiten ihre Mini-Ambosse (deren Klang im Orchester lautstark zu hören ist). Einige Regieakzente werden wohl vor allem Wagner-Kenner würdigen: Freias deutliche Sympathie für Fasolt oder auch der nochmalige, drohende Auftritt Alberichs im Finalbild.

Als Wotan brilliert INSIK CHOI mit ebenso wohllautendem wie machtvollen Bariton, sein Fachkollege HOEUP CHOI vom Opernstudio (verwandt?) lässt als Alberich mit seiner Kraftstimme gleichfalls aufhorchen. DINO LÜTHYs spielwendiger Loge (als Drahtzieher des Geschehens schon gleich zu Anfang auf der Bühne) erfreut mit wandlungsreichem (für diese Partie nur um Nuancen zu weichen) Tenor außerordentlich. Auch er, MARIA ISABEL SEGARRA (schönstimmige Freia) und die wirbeligen Rheintöchter (bislang noch ungenannt MARIA KUBLIASHVILI, SARA JO BENOOT) gehören dem Opernstudio an. Stimmig besetzt sind die Riesen: NIROSLAV STRICEVIC und LUCAS SINGER.

Christoph Zimmermann

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