Der Neue Merker

KÖLN / Philharmonie: JOLANTHE – konzertant

KÖLN: JOLANTHE – Konzertante Aufführung am 19.10.2014

 In den vergangenen Jahren haben das GÜRZENICH-ORCHESTER und sein Ehrendirigent DMITRIJ KITAJENKO die Sinfonien Peter Tschaikowskys in der Philharmonie geboten und gleichzeitig auf CD eingespielt. Dem waren vergleichbare Projekte mit Werken von Dmitri Schostakowitsch und Serge Prokofjew vorausgegangen, demnächst wird Serge Rachmaninow in Angriff genommen. Was im Einzelnen die Gründe waren, dem Tschaikowsky-Zyklus jetzt noch „Jolanthe“ folgen zu lassen, ist nicht bekannt. Triftig wäre natürlich die Überlegung, dass die letzte Tschaikowsky-Oper eine nur bescheidene Rezeptionsgeschichte vorzuweisen hat (bei relativ üppiger Diskografie), „Werbung“ also von Bedeutung ist. Die hätten dann freilich andere Randwerke wie „Leibwächter“, „Pantöffelchen“, „Jungfrau von Orléans“, „Mazeppa“ und „Zauberin“ ebenfalls verdient.

 Tschaikowsky war von dem Jolanthe-Sujet, welches ihm durch das Drama „König Renés Tochter“ des dänischen Dichters Henrik Hertz bekannt wurde, sofort gefesselt. Das Schicksal der jungen Frau, welche von der ihr zunächst nicht bewussten Blindheit durch Willensstärke (und aufgrund einer übergroßen Liebe) geheilt wird, hat fraglos etwas Anrührendes. Aber die romantische Einkleidung ist für heutigen Geschmack kaum noch goutierbar, was zwangsläufig die Frage nach sich zieht, wie dieses Werk auf der Bühne zu verwirklichen wäre. Peter Ustinov ist das Wagnis 1993 in Chemnitz eingegangen (den Reaktionen von damals wäre nachzugehen). In jüngster Zeit machten Aufführungen mit Anna Netrebko (szenisch und konzertant) von sich reden. Dennoch war für Köln Skepsis angebracht, wo doch gerade beim Schauspiel Kleists nicht weniger heikles „Käthchen von Heilbronn“ in den Sand gesetzt wurde.

 Ein Kompromissmittel bei der Oper sind konzertante Aufführungen, welche der Fantasie der Zuhörer viel Freiraum lassen, anstatt sie mit (möglicherweise zweifelhafter) Visualisierung zu belästigen. Die beiden Aufführungen in der Kölner Philharmonie (gehört wurde die zweite Vorstellung) wurde zwischendurch und auch am Ende mit Beifall förmlich zugedeckt. Das ist zum einen der Ausdruckskraft von Tschaikowskys Musik zuzuschreiben, welche einem gängigen Verdikt, „Jolanthe“ sei die schwächste Oper Tschaikowskys, nachdrücklich widerspricht. Vielmehr beeindrucken die ungemein farbige Orchestersprache wie auch die arios blühenden Gesangsparts.

 Obwohl Russland-„Spezialist“ Dimitrij Kitajenko souverän alle Verästelungen des Werkes klanglich umsetzte, sind die Sängerleistungen in besonderem Maße hervorzuheben. Es scheint keineswegs unbillig zu behaupten, dass durchgehend die besten nur denkbaren Künstler aufgeboten wurden. Über die weiblichen Randpartien (DALIA SCHAECHTER, JUSTYNA SAMBORSKA, MARTA WRYK) ist freilich kaum zu befinden, agieren sie akustisch doch weitgehend im Abseits. Aber JOHN HEUZENROEDER (Alméric) und MARC-OLIVIER OETTERLI (Bertrand) fielen sehr günstig auf. VLADISLAV SULIMSKY wurde mit seinem viril tönenden Bariton der Rolle des Arztes Ibn-Hakia fraglos besser gerecht als wie es von seinem erkrankten Kollegen Samuel Youn zu erwarten gewesen wäre.

 In der Titelpartie bezwang OLESYA GOLOVNEVA (am 2. Aufführungsabend nach dem 17.10.) mit ihrem klaren, auch in der Höhe leuchtend ausschwingenden Sopran. Die Sängerin kommt vom Koloraturfach her (in Köln Konstanze und Violetta), Partien wie Natascha („Krieg und Frieden“) und Tatjana (beide ebenfalls Köln) markieren jedoch ihre jetzt stärkere Verwurzelung im jugendlich dramatischen Bereich. Aber die Jungmädchenhaftigkeit Jolanthes vermochte sie mit ihrem emphatischen Gesang noch immer überzeugend zu verkörpern. ANDREI BONDARENKO war in Köln ihr Partner als Eugen Onegin, eine seiner zentralen Partien. Seinen füllig strömenden Bariton lieh er jetzt dem burgundischen Herzog Robert, welcher bereit ist, die ihm von Jugend auf als Gattin zugewiesene Jolanthe zu ehelichen, obwohl er sich anderweitige gebunden fühlt. Aber der Konflikt löst sich auf. Jolanthe bekommt ihren Godefroy de Vaudémont, welcher sie aus Verkrampfungen erlöst, ihr die Blindheit bewusst macht und sie damit einer Heilung zuführt. DMYTRO POPOV besitzt verschwenderisches Tenormaterial von dezent baritonaler Färbung, mit viel Strahl in der Höhe und der Fähigkeit zu wirkungsvollem Affektausdruck. Höhenpiani wären freilich verbesserbar. Zum „Sieger“ des Abends wurde ALEXANDER VINOGRADOV (König René) erkoren. Sein Bass ist von einer autoritativen Timbrierung sondergleichen gekennzeichnet, welche das Publikum nachgerade narkotisch in Bann zog. Einfach hinreißend.

 Christoph Zimmermann

PS.: Die konzertanten Aufführungen wurden mitgeschnitten und werden 2015 bei Oehms classics auf CD erscheinen

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