Der Neue Merker

KÖLN/ Palladium: MUSIK von Michael Langemann. Uraufführung

KÖLN: MUSIK (von Michael Langemann) Premiere am 7.Dezember
(Uraufführung in der Ausweichspielstätte „Palladium“)


Gloria Rehm
Die Kölner Opernintendantin Birgit Meyer (in früheren Jahren Dramaturgin an der Wiener Volksoper) hat vor kurzem rechtens darauf hingewiesen, dass die Domstadt von jeher eine Plattform für zeitgenössische Musik gewesen ist. In den fünfziger Jahren dominierte das Elektronische Studio des WDR, aktuelle Pflege betreibt u.a. das 8-Brücken-Festival. Dazwischen liegt die ereignishafte Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ (1965). So war es naheliegend, sich in die Arbeit des Fonds Experimentelles Musiktheater NRW einzuklinken.

 Das Uraufführungs-Ergebnis ist „Musik“, eine Multimedia-Produktion nach Frank Wedekind. Das frühe Stück des gesellschaftkritischen Dramatikers liegt über 100 Jahre zurück. Eine entlegene Stoffwahl somit? Die junge Schriftstellerin (und in Köln auch Regisseurin) HELENE HEGEMANN räumt ein, vom Original nur wenige Sätze beibehalten zu haben. Das „Sittengemälde“ selber findet sie „extrem chauvinistisch und verlabert“. Die Autorin nimmt erkennbar kein Blatt vor den Mund. Und sie hatte auch coole Antworten parat, als man in ihrem Roman „Axolotl Roadkill“ nicht gekennzeichnete Zitate nachwies. Schützenhilfe kam aber inzwischen sogar von Seiten der der Literaturkritik.

 Warum also nicht auch Wedekind als Zitatenpool benutzen? Aber bei Helene Hegemann ist von Klara („Hühnerwadel“, welch ein ironischer Nachname!), Karikatur einer angehenden Opernheroine, nicht viel übrig geblieben. Auch in der Lächerlichkeit einer Figur sind Abgründe des Tragischen verankert. Bei Helene Hegemann werden sie aber neutralisiert, heruntergefahren, finden am ehesten noch Ausdruck im (filmischen) Finale. Hier trauert Klara um ihr Kind, Frucht einer neuerlichen Affaire mit ihrem Musikprofessor Josef. Das neu entstandene Musiktheater-Stück, von vielen Sprechpassagen durchsetzt, und die (prinzipiell souveräne) Inszenierung der Autorin machen nicht ganz klar, ob bei der Protagonisten wirklich Trauer angebracht ist. Es sei, man wertet alleine die vokal und darstellerisch gloriose Leistung von GLORIA REHM, welche ihren Weg durch das Opernstudio machte. Die junge Sopranistin besitzt überdies eine starke körperliche Präsenz, welche auch Video-Großaufnahmen standhält. Ein Besetzungsglücksfall.

 Die anderen Darsteller müssen da zwangsläufig etwas zurückstehen. Der Bariton HENRYK BÖHM hat als Klaras Objekt der Begierde, als Musikprofessor Josef also, nicht ganz die erforderliche maskuline Ausstrahlung, ist sängerisch jedoch untadelig. Seine Frau Else, welche die Liaison zu einer Dreiecksgeschichte ergänzt, gibt die Schauspielerin JUDITH ROSMAIR wie ein Laufsteg-Model – ein reichlich uninteressanter Charakter. Persönlichkeitsstark hingegen die Auftritte der Mezzosopranistin DALIA SCHAECHTER, welche Klaras Mutter gibt. Nebenpartien sind mit JOHN HEUZENROEDER (Franz) und LUCAS SINGER (Arzt) ansprechend besetzt.

 Die ausdrucksstarke, mit Pop-Elementen arbeitende, dennoch mitunter etwas retrospektiv anmutende (deswegen aber sehr sympathische) Musik Michael Langemanns wirkt zum theatralischen, von Videos nachgerade zugematschten Geschehen als einigermaßen fremdartiger Kontrast. Das GÜRZENICH-ORCHESTER unter dem wachsamen WALTER KOBÉRA, Leiter der Neuen Oper Wien, zeigt sich dem Stil gewachsen.

 Christoph Zimmermann

 

 

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