KÖLN/ Staatenhaus: DIE GEZEICHNETEN von Franz Schreker. Wiederaufnahme. Besucht wurde die dritte Vorstellung

by ac | 13. Juli 2017 06:27

KÖLN/ Staatenhaus: DIE GEZEICHNETEN

Wiederaufnahme am 2. Juli, besuchte Vorstellung am 12. Juli 2017

Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ scheinen wieder etwas in die Diskussion zu kommen. Eben erst bot München eine Neuproduktion, in Bälde wird die Komische Oper Berlin nachziehen. Wirklich etabliert ist der einstige Erfolgskomponist deswegen aber noch nicht. So freut man sich sehr darüber, dass die Oper Köln ihre Inszenierung von 2013 für fünf Aufführungen zum Saisonfinale wiederaufgenommen hat. Der positive Reaktion des Publikums (erlebt in der 3. Vorstellung) tut umso wohler, als das Haus wegen der allbekannten Sanierungs-Misere (auf welche auch an dieser Stelle verschiedentlich hingewiesen wurde) in seinen Planungen immer wieder zurückgeworfen wird und auch sein überregionales Renommee darunter leidet.

In der Spielstätte von 2013, dem Palladium, war das Bühnenbild von PATRICK KINMONTH mittig platziert, die Zuschauertribünen beidseitig aufgebaut. Im Staatenhaus gibt es wieder den Guckkastenblick, was aber keinen Nachteil bedeutet. Das GÜRZENICH-ORCHESTER spielt ohne akustische Einbußen auf erhöhtem Podest im Hintergrund, was Gelegenheit gibt, das gestisch ungemein alerte Dirigat von STEFAN SOLTESZ in Augenschein zu nehmen. Nicht zuletzt erfahren im Umgang mit den Partituren eines Richard Strauss (in Köln 2015 „Arabella“, in seiner langen Essener GMD-Zeit Diverses, darunter die sagenhafte „Frau ohne Schatten“ bei seinem Abschied vom Aalto), hat der Dirigent natürlich auch das angemessene „Feeling“ für die rauschhaft-narkotische Musik Schrekers. Von den Klängen fühlt man sich in Köln regelrecht eingesogen. Der Premierendirigent Markus Stenz sprach nicht von ungefähr von Schrekers “Psychologie in Tönen“, die „wahnsinnig dicht an dem Text und Subtext der Personen“ siedelt. Die Sinnlichkeit der Musik korrespondiert mit der Sinnlichkeit des Sujets.

In Alviano Salvago pulsiert es erotisch, nur vermag er, ein hässlicher, verkrüppelter Mensch,  sein Begehren nicht auszuleben. anders als seine „Freunde“, die für ihre Ausschweifungen sogar sein „Elysium“ missbrauchen, einen Hort von Reinheit, von idealen Gefühlen. Alviano übergibt es daraufhin zum Schutze der Öffentlichkeit. Und dann erfährt er  durch die schöne Malerin Carlotta eine Leidenschaft, der er zunächst zögerlich, schließlich jedoch mit lodernder Heftigkeit nachgibt. Allerdings missversteht er Carlottas euphorische Äußerungen ihm gegenüber, welche primär eine künstlerische Erwartungshaltung spiegeln. An dieser Wahrheit zerbricht er, umso mehr, als er erkennen muss, dass Carlotta dem Sexualprotz Tamare hörig ist. Die Morde an den beiden und Selbsttötung bilden das Ende der makabren Oper. Während des langen Orchestervorspiels wird dieser letale Ausgang optisch bereits vorweg genommen und legt sich wie ein Schatten über das kommende Geschehen.

Patrick Kinmonth hat früher exklusiv als Ausstatter gearbeitet. Bei der Schreker-Oper stammt der Raumentwurf (zwei hoch gelagerte Wohnungen inmitten von Zivilisationsschrott) ebenfalls von ihm wie auch die zwischen Gegenwart und Renaissance immer wieder changierenden Kostüme. Doch längst ist er ins Regiefach gewechselt, 2008 beginnend mit einer „Butterfly“ in Köln. Hier brachte er auch Detlev Glanerts „Solaris“ heraus und wird in der kommenden Saison für „Tannhäuser“ verantwortlich sein.

Die Inszenierung der „Gezeichneten“ stammt, wie bereits erwähnt, aus dem Jahre 2013. Ihr optischer Reichtum ist enorm und so vielschichtig, dass eine Beschreibung und Bewertung ins Uferlose führen würde. Kinmonth gelingt ohnehin etwas Besonderes. Es gibt bei ihm Bilderfindungen, hinter deren Sinntiefe man nicht unbedingt auf Anhieb kommt. Anderswo würde man kritisch, vielleicht sogar verstimmt nach dem „warum“ fragen. Die Ideen von Kinmonth nimmt man hingegen einfach an, lässt sie widerstandslos auf sich wirken, nicht zuletzt im personalüppigen dritten Akt, welcher mit vollem Chor und einer Fülle von Statisten aufwartet.

Auch bei den Sängern muss ein pars pro toto genügen. Nachdrücklich zu erwähnen sind unter den kleineren Partien allerdings das exzellente „Buffo“paar Martuccia/Pietro (ADRIANA BASTIDAS GAMBOA/MICHAEL PFLUMM) sowie der aus dem Opernstudio stammende MATTHIAS HOFFMANN (Paolo Calvi). OLIVER ZWARG verkörperte den Herzog Adorno bereits in der Premiere und imponiert jetzt wieder mit seinem ausladenden Bariton. Als Carlotta ist ANNA GABLER in jeder Hinsicht hinreißend, BO SKOVHUS als Tamare nicht weniger. Die ganz große Überraschung kommt indes von MARCO JENTZSCH. Er wird physiognomisch nicht als Missgestalt präsentiert, sondern erspielt sich die außenseiterische Leidensfigur durch intensive Körperhaltung und Mimik. Gesanglich bietet er höchste Expressivität, ohne Kantabilität aufzugeben.

Der führenden Kölner Tageszeitung beliebte es übrigens, die Schreker-Aufführungen zu ignorieren.

Christoph Zimmermann

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