Der Neue Merker

KÖLN: OBERON: (konzertante Aufführung) Premiere am 11. März 2017

KÖLN: OBERON:  (konzertante Aufführung) Premiere am 11. März 2017

Sechzig Jahre (neues) Kölner Opernhaus am Offenbach-Platz. Eigentlich hatte man das Gebäude (samt dem daneben 1962 hinzu gebauten Schauspielhaus) der Öffentlichkeit 2015 gerne grundsaniert präsentieren wollen. Aber das gesamte Arreal ist, wie Baustellen anderswo auch, zum Problem geworden, dessen Lösung noch immer nicht absehbar ist. Inzwischen hat sich das Staatenhaus im Messegelände der Stadt als Interimsspielstätte für die Oper weitgehend bewährt, so jedenfalls die offizielle Verlautbarung, Sie sei erst mal akzeptiert, obwohl zum oben angegebenen Datum die Frage „wann denn nun endlich Offenbach-Platz“ erneut dringend im Raum stand.

Zum Gedenken gab es eine konzertante Widergabe von Webers „Oberon“, mit welchem das Opernhaus am 19. Mai 1957 eingeweiht wurde und die Aula der Universität als Spielstätte ablöste. Im Vorfeld der Premiere gab es einige Aufregung, denn die vorgesehene Interpretin der Rezia erkrankte, so dass man für die nicht gerade zum festen Repertoire einer Sopranistin gehörende Partie auf die Schnelle eine Einspringerin suchen musste. Man fand sie in Leonie Rysanek, welche die Rezia vier Jahre zuvor in Köln beim Westdeutschen Rundfunk unter Joseph Keilberth gesungen hatte (die CD-Pressung von Line ist weiterhin auf dem Markt). Die Sängerin rettete die Premiere, freilich nicht das Unternehmen. Die Rezensionen über die Produktion waren, so weit zu lesen, fast alle mit dem Daumen nach unten. Wenn man Fotos oder Filmaufnahmen der Inszenierung sieht (so in einer Feierstunde vor der jetzigen Aufführung und auch an deren Ende, gewissermaßen als Apotheose), spürt man die Hilflosigkeit der Regie des damaligen Intendanten Herbert Maisch. Aber er hatte sich nun mal in den Kopf gesetzt, von einer typischen „Einweihungs“-Oper abzusehen, was ihn auch prinzipiell ehrt.

Nach sechzig Jahren ist das Opernkapitel Carl Maria von Weber eine womöglich noch größere Hypothek, selbst Inszenierungen des nach wie vor beliebten „Freischütz“ enden meist in einem Desaster. Beim jetzigen „Oberon“ (dieses Werk musste es natürlich sein) entschied man sich, die problematischen Sprechdialoge wegzulassen (damit auch einige Bühnenpersonen) und die Handlung von einem Schauspieler mit Worten aus Christoph Martin Wielands „Oberon“-Epos erzählen zu lassen, Dieses hatte ja auch dem Librettisten James Robin Planché/Übersetzung: Theodor Hell als Vorlage gedient. Nun wirkt Wielands Sprache heute einigermaßen naiv und blumig. AUGUST ZIRNER gelingt es jedoch, diese Patina mit effektvoller Ironie zu brechen. Anders wäre dem „kritisch hinterfragenden Blick eines modernen, der romantischen Fühlungsart gänzlich entwöhnten Publikums“ (Dramaturg Georg Kehren im Programmheft) auch nicht zu begegnen. Die Bühne ist also frei für den Gesang.

Alle Vokalsolisten präsentieren sich, was Wunder auch, mit Rollendebüts. Besonders überzeugend wirken die beiden Mezzos des Hausensembles. ADRIANA BASTIDAS GAMBOA gibt einen dämonisch feurigen Puck, lässt bei ihren beiden Auftritten auch Gestisches einfließen; REGINA RICHTER gefällt als ausnehmend lyrische Fatime (ihr gilt nicht von ungefähr besonderer Applaus). Schön tönen auch die Meermädchen MARIA KUBLASHVILI und MARIA ISABEL SEGARRA. Beide gehören dem Opernstudio an, welches STEFAN WOLFGANG SCHWAIGER (ein sympathischer, wohllautender  Scherasmin) schon vor längerem verlassen hat und nun zum „großen“ Ensemble gehört. Noch länger zurück liegt dieser Weg bei JEONGKI CHO. Sein Oberon lebt von dramatisch focussiertem Melos, eine Qualität, welche dem Hüon von BRENDEN GUNNELL ein wenig abgeht. Das Gebet meistert er zwar mit subtilen Piani, aber durch die – freilich generell kaum zu bewältigende –  Arie „Von Jugend auf“ kämpft er sich hörbar durch, immerhin mit verlässlichen Kraftreserven. Es ist wahrscheinlich ungerecht, an den kürzlich verstorbenen Nicolai Gedda zu denken … Auch bei KRISTIANE KAISERs Rezia schweifen die Gedanken. Sie gestaltet ihre Partie empfindsam und mit mädchenhafter Emphase, was dem Charakter gut tut. Aber die Ozean-Arie erfordert doch ein wenig mehr Power, auch wenn das nicht gleich von explizit dramatischen Stimmen wie denen einer Inge Borkh, Maria Callas oder Birgit Nilsson bewiesen werden muss.

Das GÜRZENICH-ORCHESTER, welches zusammen mit dem Chor des Hauses (jetzt einstudiert von  ANDREW OLLIVANT) die 1957er Premiere unter Otto Ackermann bestritt, ist vor einem Vierteljahrhundert auch mit einer CD-Aufnahme des „Oberon“ hervorgetreten, dirigiert vom damaligen GMD James Conlon. Jetzt steht CHRISTOPH POPPEN am Pult, Chef des Kölner Kammerorchesters. Webers attraktive Musik (ja, sie lohnt ein immer neues Bemühen um die Oper, wenn auch nicht unbedingt auf der Bühne) lässt er temperamentvoll zu großer Wirkung kommen. Ein insgesamt stimulierender Abend, welcher den zunächst etwas matten Beifall zuletzt deutlich anheizte. Es gibt nur noch eine einzige weitere Aufführung am 19. März.

Christoph Zimmermann

 

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