Der Neue Merker

KÖLN: LUCIA DI LAMMERMOOR mit einer fulminanten Bernarda Bobro. Wiederaufnahme

LUCIA DI LAMMERMOOR – Köln, 9.4.2017 (Wiederaufnahme)

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Bernarda Bobro. Copyright: Opera musica.com

Grundsätzliches: Der Schreiber dieser Zeilen kann verstehen, dass Regisseure ein Opernlibretto zeitgemäß interpretieren. Dies auch deshalb, weil ja bekanntlich häufig auch die Texte historische Stoffe für aktuelle Rahmen verwenden (was die Zensur ja auch verstanden hat). Es stört mich also nicht, wenn Scarpia zu Mussolini mutiert, Pizarro deutlich als Vertreter eines autoritären Regimes erkennbar ist oder der Herzog in „Rigoletto“ in der Figur von Berlusconi auftritt. Das sind, zugegeben plakative, passende Übertragungen des Librettos für ein heutiges Publikum. Die Interpretation muss aber zum Inhalt des Werkes passen. Und ich spreche vom Text; dort, wo in die Musik eingegriffen wird, und das haben sehr prominente Dirigenten der Vergangenheit schon gemacht, sieht es für mich deutlich anders aus.

Konkret: Lucia die Lammermoor spielt in Schottland gegen Ende des 16. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Fehden zwischen Katholiken und Protestanten. Würde man das Stück in das Nordirland des 20. Jahrhunderts verlegen,  wo sich Protestanten und Katholiken mörderisch bekriegen, könnte das zu eine spannenden Interpretation führen. Das Stück in die NS-Zeit zu verlegen und in einen Konflikt zwischen so genannten Ariern und Juden zu verwandeln, ist im günstigsten Fall gut gemeint.

Gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Das trifft auch auf die Regie von Eva-Maria Höckmayr für „Lucia di Lammermoor“ im Staatenhaus, dem aktuellen Ausweichquartier der Kölner Oper, zu. Ich gehe einen großen Schritt weiter: das ist Thema verfehlt. Über die Premiere im Juni 2016 war auch hier zu lesen, so dass ich mich beim Bericht über die Wiederaufnahme am 9. April 2017 über die Regie nicht auslassen muss. Schauplatz dieser Inszenierung ist nicht Schottland, sondern die Villa Tugendhat in Brünn, errichtet von Ludwig Mies van der Rohe, die 1938 von den Nazis beschlagnahmt worden ist und auch unter der kommunistischen Herrschaft nie restituiert wurde. Und also mutiert die Familie Ashton zu Nazis und die Ravenswood zu Juden. Eine Interpretation, die so weit hergeholt wie falsch, um nicht zu sagen lächerlich, ist. Aber selbst dieses Konzept wäre noch diskutierbar, wäre es in sich stringent. Ist es aber nicht. Nichtmals die Kostüme entsprechen der Zeit – und das wäre wohl die leichteste Übung. Und dass die Inhaltsangabe im Programmheft nicht den deutschen Texten auf den Monitoren entspricht, ist nur mehr das berühmte Tüpfchen auf dem I.

Aber um nicht nur zu meckern: immerhin sind die häufig vorgenommenen Striche  offen und man bekommt eine komplette Lucia zu hören.

Daher zum Musikalischen. Das Orchester sitzt (vom Publikum gesehen) links der Bühne. Der Klang mischt sich also nur sehr bedingt mit den Stimmen. Ich lehne ja die Möglichkeiten der Technik beinahe grundsätzlich ab, aber hier hätte ich mir ein Mehr an Nutzung von Möglichkeiten gewünscht. Dazu kommt, dass die SängerInnen den Dirigenten lediglich über Monitore sehen können, worunter  die Kooperation zwischen Bühne und Orchester leidet. Das alles ist nicht die Schuld von Leo Hussain, der die gestrige, 9.April, Wiederaufnahme der „Lucia“ leitete. Die Lautstärke des Orchesters, die Chor und Solisten zu beinahe Dauerforte zwingt, und der beständige Wechsel zwischen geschleppt und gehetzt, lagen aber nicht an der Akustik oder meinem Platz in der 12.Reihe links. Und auch in diesem Zusammenhang darf Positives nicht verschwiegen werden: dass die Wahnsinnsarie nicht von einer Flöte sondern original von einer Glasharmonika begleitet wird (Solist: Sascha Reckert), kann man nicht in jedem Opernhaus hören.

Aber die Belcanto-Oper lebt ja bekanntlich von den Stimmen. Stimmgewaltig zeigte sich der von Sierd Quarré einstudierte Chor der Oper Köln, den ich durchaus beabsichtigt an erster Stelle nenne. Mir bisher unbekannt waren die beiden rivalisierenden Männer – Igor Golovatenko als Enrico und Jeongki Cho in der Partie des Edgardo. Beide ausdrucksstark und gut studiert, beide würden auch in einer werkgerechteren Inszenierung gute Figur machen. Dass die Turmszene nicht wirklich zur Geltung kam, lag nicht an ihnen. Dino Lüthy ist ein braver Arturo, Ralf Rachbauer ein hinterhältiger Normanno, Henning von Schulmann ein würdiger Raimondo, Sara Jo Benoot eine liebenswürdige Alisa. Und alle gut bei Stimme. Es wäre also, von der Regie abgesehen, eine stimmige Aufführung gewesen,  wäre da nicht Bernarda Bobro in der Titelpartie, die ein fulminantes Debut gab. Szenisches Rollendebut steht am Besetzungszettel, Rollendebut habe ich anderenorts gelesen. Wie auch immer, diese Lucia hatte Festspielniveau – schöne lyrische Passagen, perfekte Koloraturen, herrlich gehauchte Piani. Zumindest zwei der drei wiener Operndirektoren sollten über ein Engagement von Bernarda Bobro im Belcantofach nachdenken.

Kaum Beifall während der Aufführung, am Ende des langen Abends applaudierte und trampelte das Publikum mit Leidenschaft und durchaus wertend.

Michael Koling

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