KÖLN: LA BOHÈME – Wiederaufnahme

by ac | 19. Dezember 2016 07:09

KÖLN: LA BOHÈME              

Wiederaufnahme: 16.12         Besuchte Zweitvorstellung: 18.12.2016

Wie oft hat man Puccinis „Bohème“ nicht schon gehört, und doch überwältigt die Musik dieser Oper immer wieder neu und gewaltig. Das gilt auch für die Wiederaufnahme der vorjährigen Kölner Inszenierung MICHAEL HAMPEs. Dem GÜRZENICH-ORCHESTER unter dem Puccinis Klänge sensibel auslotenden, aber auch wirkungsvoll dramatische Akzente setzenden DANIEL CARTER ist für ihre lebendige Interpretation ein hohes Kompliment auszusprechen. Der junge australische Dirigent wirkt übrigens derzeit als GMD in Freiburg.

Das Publikum freute sich (wie an anderer Stelle gelesen auch in der Premiere) über die schmucke Hampe-Inszenierung, atmete förmlich auf, dass ihm keine verquaste „Deutung“ zugemutet wurde. Und es gibt ja auch wirklich viele handwerklich exquisit gearbeitete Details zu sehen. Vor allem die ersten beiden Bilder wirken vital belebt, das Quartier Latin birst geradezu vor netten Randgeschichten. Gleichwohl gilt für den Abend generell ein „déja vu“, was bei dieser Puccini-Oper aber fraglos als akzeptabel gelten kann. Hampe wird im kommenden Juni „Fidelio“ erarbeiten. Darauf, wie er mit diesem heiklen Werk umgeht, richtet sich schon jetzt große Spannung und – zugegeben – auch ein wenig Skepsis.

Die Bohème“-Ausstattung hat GERMAN DROGHETTI in wonniglichem Realismus entworfen, Café Momus und Umgebung erhält Sonderapplaus. In der Tat ist frappierend, wie durch Hintergrundprojektionen die nicht sehr große Bühne des Staatenhauses an Weite gewinnt. Ähnliches gilt für die Barrière d’enfer mit den herzig schneebedeckten Bäumchen. Die Rahmenbilder werden von einem geschrägten Monumentalfenster beherrscht, hinter welchem das Paris der vergangenen zwanziger Jahre samt Eifelturm zu erblicken ist. Bei Szenenenden werden Gemälde jener Jahre (Chagall u.a.) eingeblendet, womit der Realismus der Stadtansicht überhöht wird, was beim Final-Duett Mimi/Rodolfo wirklich etwas Ergreifendes hat. Nach Mimis Tod färbt sich das bunte Panorama grauschwarz ein.

Von der Besetzung der Premiere (22.11.2015) steht neben dem einstigen Kölner Ensemblemitglied REINHARD DORN, der seinen schon etwas schwächelnden Bass dem Benoit leiht (in Bälde wird er als Mozarts Antonio zu erleben sein) und dem immer so liebenswerten STEFAN WOLFGANG SCHWAIGER (Schaunard) auch JEONGKI CHO wieder zur Verfügung. Neuerlich beglücken bei seinem Rodolfo-Tenor Höhensicherheit, Farbsubstanz und Geschmeidigkeit; auch als Darsteller überzeugt er mit enormer Sensibilität.

MARINA COSTA JACKSON ist Mimi ihn dieser Spielzeit auch an der Welsh National Opera sowie (erneut) an der Metropolitan. Ihr attraktiv leuchtender Sopran besitzt Durchschlagskraft, könnte allerdings manchmal mit mehr Piano-Innigkeit aufwarten. Ein emotional bezwingendes Frauenporträt gleichwohl. Am Abend zuvor war die tschechische Sopranistin  IVANA RUSKO, vor ihrem jetzigen Kölner Engagement etliche Jahre in Zürich engagiert, als Kurfürstin in Zellers „Vogelhändler“ aufgetreten. Eine gewisse Herbheit ihres Soprantimbres prägt nun auch die Musetta, was der Puccini-Kokotte aber einen individuellen, passenden Anstrich gibt. Sängerisch top. Aus dem Opernstudio sind DINO LÜTHY (Parpignol) und MATTHIAS HOFFMANN (Zollwache) zu nennen. Mit solchen Wurzen können sie ihre bei anderer Gelegenheit erlebten Möglichkeiten natürlich kaum verwirklichen. Hoffmann wird in zwei Vorstellungen den Schaunard übernehmen und hätte absolut das Zeug für einen Wechsel ins große Ensemble zu gegebener Zeit, wie schon bei anderen Mitgliedern des Studios geschehen.

Ähnliches lässt sich von INSIK CHOI sagen, dem man aber schon jetzt den Marcello anvertraute. Völlig zu Recht. Die Partie sang er übrigens schon in Südkorea. Nach der Titelpartie in Purcells „King Arthur“ hatte er mit einer vehementen Verkörperung des Tarquinius in Brittens „Rape of Lucretia“ (hinreißende Produktion des Opernstudios im Januar) nochmals so richtig auf sich aufmerksam gemacht. Sein Marcello ist eine rundum geglückte Rolleninterpretation, auch hinsichtlich reicher darstellerischer Valeurs.

Christoph Zimmermann

 

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