Der Neue Merker

KÖLN: ARABELLA. Premiere

Köln: ARABELLA.                   Premiere am 25. April

 Die letzte Kölner „Arabella“-Produktion fand 1976 statt. John Pritchard dirigierte, Michael Kehlmann inszenierte, in den weiblichen Hauptrollen erlebte man Anna Tomowa-Sintow und Lucia Popp. Auch jetzt, nach fast vierzig Jahren also, ist im musikalischen Bereich von einem Gelingen auf höchstem Niveau zu sprechen. Als Dirigent steht erstmals STEFAN SOLTESZ am Pult des GÜRZENICH-ORCHESTERs. Bis zur letzten Spielzeit war der Ungar als GMD und Operndirektor am Essener Aalto Musiktheater tätig und brachte (auch szenisch wagemutig operierend) das Haus künstlerisch immer wieder in die Schlagzeilen. Obgleich wahrlich kein Dirigent mit einseitigem Repertoire, galten und gelten seine Strauss-Interpretationen stets als besondere Höhepunkte; in Essen wagte  sich Soltesz sogar an die Repertoire-Außenseiter „Daphne“ und „Ägyptische Helena“ (letztere mit Luana DeVol und Helen Donath). Dass ihm in Köln der Parlandostil der „Arabella“ locker, durchsichtig und pointiert gerät, dass er das lyrische Melos, zumal der drei bekannten Duette, in schönen Opalfarben schimmern lässt, nimmt weniger wunder, als dass er die heikle Akustik der provisorischen „Oper am Dom“ nahezu ideal in den Griff bekommt. Dafür hätte er stärkeren Beifall verdient, als er ihm in Köln entgegen schlug.

 Ansonsten aber gewichtete das Premierenpublikum – noch immer ist von der Musik die Rede – durchaus zutreffend. Die stärksten Ovationen galten ANNA PALIMINA. Ihr quellfrischer, höhensicherer Sopran wirkt bei der Zdenka nachgerade sensationell, ihre Darstellung ist zudem liebeswert und sympathisch. Sie liefert ein Rollendebüt wie alle anderen Sänger auch, ein Clou, wie er nur noch bei Monteverdis „Poppea“ in der Ära Laufenberg gelang.

 Als Mandryka ist der Lette EGLIS SILINS ein „ganzer Mann“, wie man so schön sagt. Sein potenter Bariton suggeriert, dass er am liebsten in seinen kroatischen Wäldern zu Hause ist und einem Kampf mit Bären nicht ausweicht. Doch es bleibt auch genügend Raum für Zwischentöne („Ich habe eine Frau gehabt“). Als Matteo wirft LADISLAV ELGR verschwenderisch mit Tönen um sich, die für mindestens zwei „Troubadour“-Vorstellungen ausreichen würden. Seine lyrischen Jahre an der Wiener Volksoper dürften mittlerweise Karrierevergangenheit sein. Mittlerweile sind Steva (Berlin) Sergei („Lady Macbeth von Mzensk“, Antwerpen) oder José (St. Gallen) Partien, welche zu seiner geschmeidigen Kraftstimme passen und bei ihm, dem schlanken, gut aussehenden Sänger auch die sichtlich vorhandenen darstellerischen Qualitäten besonders herausfordern.

 Bei der Titelfigur von „Arabella“ kommt man um einen  Seitenblick auf Lisa della Casa kaum herum. Ihrer kühlen Schönheit (stimmlich und in der Bühnenpräsenz) eignete etwas hoheitlich Distanziertes, was der etwas zeremoniellen Contenance der Figur gut anstand. Diese Farbe muss man aber nicht vereinseitigen. Arabella ist sich ihrer Wirkung auf Männer sehr wohl bewusst, sie spielt mit ihr,  freundlich meist, aber auch schon mal etwas grausam. Doch paart sich bei ihr „eine gewisse Bitterkeit der Erfahrung mit der Süße der Erwartung“, wie Wolfgang Molkow im Programmheft mit schönen Worten sinnfällig formuliert. Die Hoffnung, welche die finanziell nahezu ruinierten Eltern in Arabellas Heirat mit einem reichen Mann setzen, engt sie in ihrer fraulichen Individualität ein, hemmt ihre Selbstverwirklichung. So reagiert sie auf den stattlichen Mandryka, der ihr zufällig begegnet, mit Entflammtheit und Euphorie, zumal sie ihn ihm eine Melancholie spürt, welcher sie sich verwandt fühlt. Dies sind in etwa die Emotionen, mit welchen EMMA BELL die Arabella anlegt. Prinzipiell gibt sie ein relativ „normales“ Mädchen, welches zwar die gesellschaftliche Etikette beherrscht, ihre Gefühle aber nicht unterdrückt. Das mag ihren Gesang mitunter etwas bodenständig erscheinen lassen, doch der „humane“ Akzent hat andererseits etwas sehr Gewinnendes. Die Cremefarbe von Emma Bells Sopran deckt sich mit dem Melos der Partie.

 BEATE RITTER, in Wien wohlbekannt, kommt mit den obskuren Koloraturen der Fiakermilli bestens zurecht, DALIA SCHAECHTER und BJARNI THOR KRISTINSSON bieten als Ehepaar Waldner prägnante Typen, verlebendigt mit einem Schuss Selbstironie. Speziell durch die restlichen Sänger wird man auf die eigentümliche Inszenierung von RENAUD DOUCET gelenkt. Schon seit langem arbeitet der Regisseur fest mit dem Ausstatter ANDRÉ BARBE zusammen. Ihre raffinierte, gedankenreiche Interpretation von „Hoffmanns Erzählungen“ vor kurzem in Bonn war eine gelungene Produktion. Bühnenfotos von „Arabella“ im  Programmheft lassen zunächst auch für Köln Reizvolles erwarten.

 Die Bühne zeigt einen vornehmen Raum (Hotel oder Salon). Seine Rückwand hängt schräg in der Luft. Auf der linken Seite dominiert ein überdimensionaler, zu Boden gegangener Kronleuchter die Szene. Vom zweiten Bild an weicht der gleichfalls horizontal angebrachte Fußboden einem Panorama von Kriegsschauplätzen, wo Soldaten bereits mächtig kämpfend zu Gange sind. Insofern ist die Zeitangabe des Regisseurs „Vorabend des Ersten Weltkrieges“ nicht ganz korrekt.

 Die Idee, das etwas dekadente Zeitmilieu der „Arabella“-Handlung mit einem markanten politischen Ereignis zu konfrontieren (das Premierenjahr der Oper, 1933, lädt gleichfalls zu Anspielungen ein), hat durchaus etwas für sich. Die Ausführung indes gerät massiv und aufdringlich. So erscheinen die Werber um Arabella auf dem Faschingsball als Kriegsverwundete, Dominik (gut: WOLFGANG SCHWAIGER) mit Augenbinde, Elemer (tenoral strahlend: JEONGKI CHO) sogar im Rollstuhl, dennoch unverdrossen zum Walzer bittend. Unversehrt scheint lediglich Lamoral (LUCAS SINGER).

 Die von der Regie dramatisch aufgedonnerte Kartenaufschlägerin ist ALEXANDRA VON DER WETH zugewiesen. Die Karriere der Sängerin kam vor einigen Jahren in eine massive Krise, von der sie sich jedoch offenbar erholt hat. Von größeren Auftritten danach (außer Händels Cleopatra in Düsseldorf und Dortmund) war freilich nicht zu hören, ein in Wuppertal gegründetes Institut für Stimmbildung scheint jetzt das Zentrum ihrer Arbeit zu sein. Die relativ kleine Strauss-Partie singt sie einwandfrei. Die Regie baut die Kartenaufschlägerin als eine Art Todesgöttin auf. Im ersten Bild setzen bereits die Karten (ihr Rot ist die einzige Farbe in dem schwarz-weißen Dekor und bei den auf gleiche Weise gearbeiteten Kostümen) einen dämonischen Akzent. Immer wieder schreitet die Frau schleppenden Schritts über die Bühne; ihre ständige Gegenwart macht aus der „lyrischen Komödie“ von Strauss/Hofmannsthal ein bleischweres Anklagedrama. Das Publikum murrte übrigens so gut wie nicht gegen diese Verfremdung. Man sollte den beiden Szenikern als nächstes Objekt ihrer Begierde vielleicht Lortzings „Zar und Zimmermann“ vorschlagen. Das gibt es auch Keime des Politischen, die sich attraktiv ausbauen ließen.

 Christoph Zimmermann

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