Der Neue Merker

KLAUS FLORIAN VOGT: Man kann mit Regisseuren immer reden

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Foto: Renate Wagner

KLAUS FLORIAN VOGT

Man kann mit Regisseuren immer reden

Gerade war er noch der Parsifal in Bayreuth, dann schob er die „Schöne Müllerin“ und die „Neunte“ von Beethoven in Grafenegg noch dazwischen, und nun ist Klaus Florian Vogt zu Saisonbeginn wieder der „Lohengrin“ in der Homoki-Inszenierung an der Wiener Staatsoper. Und natürlich kam er in seinem Wohnmobil angebraust, für das er bekannt ist. Klatsch und Tratsch erfährt man von dem A-Klasse-Tenor nicht, dafür vieles über Arbeit und Rollen

Das Gespräch führte Renate Wagner

Vogt beim INterview 1~1

Herr Vogt, wo haben Sie Ihr Wohnmobil in Wien geparkt?

Das sage ich nicht!

Vermutlich am Stadtrand. Und wie kommen Sie dann in die Oper?

Ich habe einen Motorroller bei mir. Ja, und das Wohnmobil, das kam aus Bayreuth, dann Grafenegg, wieder Bayreuth, jetzt Wien, dann wird es nach München gefahren, dann nach Berlin, dann nach Hamburg, und nur wenn ich nach New York an die Met gehe, muss ich leider ins Hotel.

„Lohengrin im Wohnmobil“ ist ein sehr effektvoller Slogan für die Presse. Lohengrin ist wohl jene Rolle, die derzeit als Ihr Markenzeichen gilt?

Ja, er begleitet mich auch schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Ich sage immer, ich habe mit dem Lohengrin singen gelernt, habe ihn zum genau richtigen Zeitpunkt in mein Repertoire aufgenommen, so dass ich immer noch mit der Rolle wachsen kann, und ich spüre, dass das so richtig ist und meinen eigenen hohen Ansprüchen genügt.

Wissen Sie eigentlich, wie oft Sie den Lohengrin in wie vielen Inszenierungen schon gesungen haben?

Nein, ich bin kein Buchhalter, ich zähle nicht Auftritte und Inszenierungen, für mich entscheidet der jeweilige Abend, wenn ich mit der Rolle auf die Bühne gehe und mein Ziel erreiche. Natürlich trägt man dabei seine Vergangenheit als Erfahrung mit sich. Für mich ist die Rolle des Lohengrin sicher mit meinen schönsten künstlerischen Erlebnissen verbunden.

Vogt Trachten Lohengrin~1
Der Wiener Trachten-Lohengrin (Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn)

Nun singen Sie in Wien wieder in der Inszenierung von Andreas Homoki, wo sie ja auch der Titelrollen-Interpret der Premiere waren, der Abend mit Dirndln und bayerischem Bier. Nimmt das dem Werk nicht viel von seiner Würde?

Also ich mag diese Inszenierung recht gerne, vor allem, weil sie sehr gut gearbeitet ist. Die ganze Atmosphäre bayerischer Ländlichkeit soll zeigen, dass hier eine Gesellschaft für das Wunder, das ihr geschieht, gänzlich unvorbereitet ist, und ich finde, das funktioniert. Dass ich die Gralserzählung halb unter einem Tisch kauernd singen muss, ist mir allerdings noch nie passiert – das ist jedenfalls eine Herausforderung.

Hier in Wien gibt es nun im Vergleich zur Premiere einen neuen Dirigenten und neue  Kolleginnen. Günther Groissböck ist wieder dabei – mit dem spielen Sie ja gerne Fußball?

Ja, meist in Bayreuth, aber wir haben auch in Wien schon gespielt, damals, als wir im April 2014 für die Lohengrin-Premiere geprobt haben. Man arbeitet natürlich mit neuen Kollegen neu – es ist ganz wichtig, dass man zu den Partnern die richtige Wellenlänge hat, man kann sich dann auf der Bühne sozusagen etwas „zuwerfen“. Wenn man nicht harmoniert, ist es schwierig.

Vom Wiener Lohengrin zurück zum Bayreuther Parsifal in diesem Sommer. Wie haben Sie sich in der Multi-Kulti-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg gefühlt? In der Badewanne im zweiten Akt? Und mit dem Kampfanzug, den Sie zu tragen hatten?

Ich finde, Laufenberg hat die Geschichte schön erzählt, und mir gefiel vor allem das Ende, wenn alle ihre religiösen Symbole weglegen und sich auf ihre Menschlichkeit besinnen – das ist für mich eine schöne Botschaft. Da hat man die ganzen rigorosen Verwerfungen jeglicher Religiosität einmal beiseite gelegt. Das Vollbad war nicht so schlimm, das Wasser war ja warm, kühl wurde es nur beim Herauskommen. Und was die Uniform betrifft – Parsifal ist ja zum Kämpfen ausgezogen, damit hatte ich kein Problem. Im Grunde war die Inszenierung „harmlos“, und das meine ich nicht negativ. Sie hatte Respekt vor dem Werk, sie hat das Publikum nicht mit „Ideen“ überlastet, wie in den Fällen, wo man von der Musik abgelenkt wird. Und das ist der Fall, wenn man sich nur noch den Kopf zerbricht, was man gerade vom Bühnengeschehen nicht verstanden hat…

Apropos Bayreuth, das war ja in diesem Sommer nicht so angenehm, nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Künstler – Sie zum Beispiel?

Die Geschichte ist schon zu oft erzählt worden, aber dass man sich ausweisen soll, wenn man ein Kostüm trägt und eigentlich nur in die Kantine geht, war dann doch zu viel. Wahrscheinlich waren die Sicherheitsmaßnahmen unumgänglich, aber wie sie gehandhabt wurden, fand ich schlicht gesagt unangebracht.

Nach Ihrem Aufenthalt mit viermal „Lohengrin“ in Wien geht es dann nach München, das ist der „Fidelio“ von Calixto Bieito, dann nach Berlin, dort spielt man den „Parisfal“ von Philipp Stölzl – ich stelle es mir sehr schwer vor, mit einer Figur in immer andere und oft auch sehr extreme Inszenierungen einzusteigen?

Aber das ist ja gerade das Interessante daran! Für sich selbst auszuprobieren, wie verschieden man Figuren anlegen kann. Sicher gibt es manchmal Elemente, mit denen man sich nicht identifiziert, die einem sogar widerstreben, aber ich war noch nie genötigt, mich umzudrehen und zu sagen: Das mache ich nicht.

Es gibt ja auch sehr schöne Inszenierungen, wenn ich etwa an die „Tote Stadt“ denke, die Kasper Holten mit Ihnen und Camilla Nylund in Helsinki gemacht hat, ich kenne sie leider nur von DVD, aber selbst da war der Eindruck ungeheuer.

Genau das – da merkt man erst, dass Inszenieren wirklich eine Kunst ist. Ich denke, für den Zuschauer geht es darum, in eine ganz andere Welt entführt zu werden und dort eine Geschichte zu entdecken. Aber die muss etwas mit dem Werk zu tun haben, das hier inszeniert wird. Das vergessen die über-intellektuellen Interpreten oft. Und was ich auch nicht mag, ist das Provozieren um seiner selbst willen – und wenn einer gar keinen Respekt vor dem Schöpfer eines Werkes hat.

Im Mai, nach Hamburg mit dem „Lied von der Erde“ und dem „Fidelio“ an der Met,  kommt ja der Höhepunkt der nächsten Saison, die „Tannhäuser“-Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper mit Ihnen erstmals in der Titelrolle. Wie lange arbeiten Sie schon an diesem „Brocken“?

Schon seit gut einem Jahr. Ich habe meine Lehrerin, ich habe einen Korrepetitor in Dresden, mit dem ich besonders gut arbeite, und es geht natürlich darum, neben der Musik – die ich mir immer zuerst aneigne – auch den Text zu lernen, einfach einmal ganz hart auswendig zu lernen. Ich mag Wagners Sprache übrigens, auch in ihrer Kompliziertheit, und arbeite sehr daran, sie für mich so verständlich zu machen, dass ich sie auch dem Publikum vermitteln kann. Tannhäuser ist eine tolle Figur, ich mag ihn besonders wegen seiner  Zerrissenheit, da erinnert er mich auch an den Paul in der „Toten Stadt“, dass er ja eigentlich nicht weiß, was er wirklich lieber will – die Welt der Venus oder jene der Elisabeth und der Ritter.

Anja Harteros, Christian Gerhaher und Georg Zeppenfeld sind ihre Partner, Romeo Castellucci inszeniert, der ja alles andere als ein unproblematischer Regisseur ist…

Ja, aber warum soll ich mir jetzt darüber den Kopf zerbrechen? Meine Erfahrung geht letztendlich dahin, dass man mit Regisseuren immer reden und sich immer mit ihnen einigen kann.

Sie sind jetzt mit ganz wenigen Ausnahmen – Florestan, Paul, in Wien konnten wir Sie glücklicherweise auch als Prinz in „Rusalka“ sehen und hören, was sehr genussreich war  – ausschließlich auf Wagner spezialisiert. Was kommt nach dem Tannhäuser?

Geplant ist im Moment noch gar nichts, aber mittlerweile weiß ich, dass ich mich mit den hochdramatischen Partien – ich habe ja auch schon immer wieder Siegmund gesungen, auch den Kaiser in der „Frau ohne Schatten“ – nicht überfordere. Und was den Tristan betrifft, der ja einmal kommen muss, so halte ich ihn für eine ganz große lyrische Partie, die mich selbstverständlich interessiert.

Wie steht es mit den Siegfrieds? Zwei prominente Kollegen, Johan Botha und Christopher Ventris, haben gesagt, dass sie diese Rollen nie singen werden. Sehen Sie das auch so?

Eigentlich nicht, aber ich werde ihn mir noch längere Zeit aufsparen. Ich habe den „Ring“ in meiner „ersten Karriere“ als Hornist im Orchester sehr oft gespielt, das ist ein Werk, das mich als Ganzes sehr interessiert – und meine Lehrerin wird mir sagen, wann ich die Siegfriede „kann“…

Nun haben Sie in Ihrer Jugend manch anderes gesungen, vom Tamino bis zum Hoffmann, aber in den letzten Jahren scheint es Wagner allein zu sein. Warum eigentlich?

Warum nicht? Erik, Lohengrin, jetzt dann Tannhäuser, Stolzing, den ich nächsten Sommer wieder in Bayreuth singen werde, dann in der Regie von Barrie Kosky, Siegmund, Parsifal – ich singe Wagner unheimlich gerne, es macht mir so viel Spaß, es geht mir nichts ab.

Nun gibt es den fast gleichaltrigen Kollegen Jonas Kaufmann, der den ganz anderen Weg geht, auch das italienische und französische Repertoire singt. Wenn Sie in München Ihren ersten Tannhäuser machen, wird er in London seinen ersten Othello singen… und außerdem ist es ein Lieblingsspiel des deutschen Feuilletons, Sie beide gegeneinander auszuspielen, der helle, klare Wagner-Tenor und der dunkle, dramatische Wagner-Tenor, was ist besser… Nervt Sie das eigentlich?

Ganz ehrlich: Ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich lese nicht, was über mich geschrieben wird, das ist wirklich nicht wichtig für mich.

Abseits von Wagner singen Sie neuerdings des öfteren „Die schöne Müllerin“ – so wie zuletzt in Grafenegg. Wie geht das mit den großen Wagner-Partien zusammen?

Mühelos. Ich kann das ohne irgendeine Umstellung, mit meiner ganz normalen Stimme singen. Übrigens sind Schubert-Farben auch für Wagner sehr nützlich. Man sollte bedenken, dass das „Preislied“ immer noch ein – Lied sein soll, und keine große Arie, die in Gebrüll ausartet. Das wird es bei mir nie geben.

Herr Vogt, was macht ein Heldentenor in Wien, wenn er nicht probt oder singt?

Bei so schönem Wetter gibt es viele Möglichkeiten, ich war schon im Wiener Wald wandern, an der Alten Donau schwimmen, man kann hier gut Fahrrad fahren, da findet sich schon manche Beschäftigung.

Wann sieht man Sie wieder in Wien?

Im Jänner für die „Tote Stadt“. Ehrlich: Ich bin wahnsinnig gerne hier.

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