Der Neue Merker

KIRCHSTETTEN/NÖ/Weinviertel/ Klassik-Festival: LA FILLE DU REGIMENT

09.08.2017: Kirchstetten/NÖ,  „LA FILLE DU REGIMENT“

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Copyright: Klassik-Festival Kirchstetten

 

    Zu den meist unterschätzten Gegenden in Niederösterreich zählt wohl das Weinviertel, das keinesfalls ein „langweiliges Gebiet“ ist, wie man immer wieder in ein bisschen überheblichen Aussagen hören kann  – viel zu wenig bekannt unter Opernfreunden ist das Klassik Festival im Norden dieses Viertels, in Kirchstetten bei Laa an der Thaya, unweit der – einstmals ! – öden, und die Völker trennenden tschechischen Grenze. Bereits seit 1999 gibt es diese Festspiele im Sommer – zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich lange Zeit davon gewusst habe, selbst aber leider erst im Vorjahr bei „Don Pasquale“ den Weg dorthin gefunden habe. Um es vorweg zu nehmen, meine Begeisterung über die 2016 er Produktion wurde heuer bei Weitem übertroffen – ein Abend , der im persönlichen Ranking all meiner Opernbesuche der letzten Jahre im Spitzenfeld liegt!

     Und das einmal wegen des umwerfenden Gesamteindrucks! In beispielhafter Weise wurde demonstriert, daß man mit Freude am gemeinsamen Musizieren und Produzieren weder großer technischer Mitteln bedarf, auch keinen expliziten Theaterraum, kein Riesenorchester, keine „Stars“ und so weiter. Da hat es mich als bekennenden Puristen dann auch gar nicht weiters gestört, daß die Handlung nicht in Tirol und unter Soldaten, sondern im Zirkus Milieu auf spritzige Weise ablief, daß im letzten Akt ein bisschen der Rotstift angesetzt,  und dafür die Herzogin von Krackenthorp – hinreissend gespielt und gesprochen von Edith Soukup – mit einem köstlichen „Monolog“ aufgewertet worden ist ( bereits vor Beginn und in der Pause schwadronierte sie mit dem Sektglas durch die Gänge und „parliert“ charmant mit dem Publikum…). Wenn dann ein Vollblutmusiker wie Hooman Khalatbari die Leitung der „Virtuosi Brunenses“ ( 10 wahre „Virtuosen“ auf ihren Instrumenten aus Brno , vom Nationaltheater und der Philharmonie ) innehat und mit dem Rücken zu den Akteuren, sowohl Chor  – der „Wiener Kammerchor“ unter der Leitung von Gerhard Eidher , ebenfalls 10 Persönlichkeiten, alle exakt, mit Stimme und Spiellaune ! Bravi!! – als auch die Solisten höchst einfühlsam begleitet, anspornt, einen richtigen Donizetischen „Drive“ entfacht … Herz was willst du mehr!

      Ja, es wünscht sich dann so eine überzeugende Marie, liebreizend im Spiel und Gesang, wie sie von Natascha Young aus Deutschland verkörpert wird, die zuletzt in „Lucia“ einen Triumph gefeiert hatte: um dieses Ausnahmetalent müssten sich die Intendanten diverser Häuser und Festivals streiten! Ein schönes Timbre bietet die Grundlage einer exzellenten stimmlichen Ausformung der dankbaren Partie, gespickt mit „acuti“ und „sovvracuti“, daß man einfach begeistert ihre vielfältigen Möglichkeiten zu brillieren genießt! Brava! Ihr zur Seite, ebenfalls eher klein von Wuchs aber ebenso natürlich, herzlich über die Rampe kommend ihr Verehrer, Geliebter und kongenialer Partner Tonio in Gestalt des Chilenen Diego Gonzalo Godoy! Pfefferte er schon „Oh mes amis“ mit den 9 „C“s in den Raum und entfachte Begeisterungsstürme, schoß er mit der viel schwieriger zu singenden lyrischen Arie im zweiten Akt „Pour me rapprocher de Marie „ den Vogel ab. Herrliches Legato, gefühlvollste Phrasierung und eine Schlußkadenz, die ich in dieser Länge und Virtuosität noch in keiner Live-Aufführung gehört habe mit dem „Des“ inclusive  – man kam aus dem Staunen nicht heraus! Das mediterrane und keinesfalls „weisse“ Timbre tat noch sein Übriges zu dem Eindruck dieses jungen Tenors, von dem man – wie auch von seiner Angebeten – man unbedingt noch hören wird!

     Ausgezeichnet als Persönlichkeit und mit mächtigem und trotzdem flexibel und differenziert eingesetztem Bariton war Jan Durco aus der Slowakei ein perfekt zum Team passender Sulpice, hier der Zirkusdirektor, und die großgewachsene Biljana Kovac eine eindrucksvolle, attraktive Marquise von Berkenfeld mit sensationellen, geradezu „bassigen“ Tiefen – ihr „Reverenza“ , Quickly hat sie schon gesungen , muß einfach umwerfend sein…! Marlon Da Silva Maia ergänzte köstlich und mit kernigem Bariton als Hortensius.

    Csaba Nemedi hatte die schwungvolle Spielleitung über und konnte offenbar alle Mitwirkenden zu einem sich gegenseitigem Anspornen zu Höchstleistungen anregen. Darin erkenne ich die Meisterschaft eines Regisseurs, aus den „Ressourcen“ das optimale zur Umsetzung eines Stückes herauszuholen – und nicht krampfhaft nach Neudeutungen Ausschau zu halten. Unter diesen Auspizien ist ihm uneingeschränktes Lob zu zollen.

     Beglückwünschen muss man den Intendanten, Stephan Gartner, der als treibende Kraft in einem kleinen Team dieses Festival leitet und offensichtlich ein „Händchen“ für junge Talente hat. Im nächten Jahr beginnt dann mit dem „Barbiere“ ( mit Diego Gonzalo Godoy als Almaviva! ) ein Rossini-Zyklus, auf den man gespannt sein kann! Meine Empfehlung: Termine vormerken – und auf nach Kirchstetten!   Daß dieses Festival aus dem „Niederösterreichischen Theatersommer“ vor veiniger Zeit ausgeschlossen wurde, ist ein veritabler, kulturpolitischer Skandal! Mit den in dieser Vereinigung zusammengeschlossenen Festivals hält Kirchstetten von der künstlerischen Qualität locker mit!

    ( Ein Geheimtipp zum Abendessen davor ist das Gasthaus „Müllerstuben“ in Neudorf, nur 3 km entfernt, mit freundlichster Bedienung durch die Wirtsleute und festivalgerechter Qualität – genau die richtige Einstimmung für eine „Buffa“ – Genuß mit allen Sinnen.. )

           Michael Tanzler

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