Der Neue Merker

Katrin Unterreiner: MARIA THERESIA

BuchCover Unterreiner, Maria Theresia

Katrin Unterreiner: 
MARIA THERESIA
Mythos & Wahrheit
192 Seiten, styriapremium Verlag, 2016

Von den vielen neuen Maria-Theresia-Biographien zum 300. Geburtstag ist die von Katrin Unterreiner (ehemalige Leiterin der Kaiserappartements der Hofburg und Kuratorin des „Sisi Museums“) vergleichsweise die kürzeste und zur schnellsten Information gedacht. Dabei deutet der Untertitel „Mythos & Wahrheit“ an, dass man auch vielen Mythen über die Kaiserin auf der Spur ist, deren Wahrheitsgehalt es zu überprüfen gilt.

Schon das erste Kapitel, die Frage, ob die „Pragmatische Sanktion“ für Maria Theresia geschaffen wurde – wie es oft verkürzend den Anschein hat -, kann eindeutig mit nein beantwortet werden. Als Karl VI. dieses Hausgesetz (die Erbfolge seiner noch nicht geborenen Kinder, auch wenn es Mädchen seien, vor den Töchtern seines verstorbenen Bruders) erließ, hatte er noch gar keine eigenen Kinder, bewies aber ziemliche Voraussicht.

Andere Fragen sind leicht mit „Ja“ zu beantworten: War es eine Liebesheirat mit Franz Stephan von Lothringen? Natürlich. War Maria Theresia auf ihre Aufgabe als Herrscherin vorbereitet? Unzureichend, was ihre Leistung noch bemerkenswerter macht. Wie ist das mit dem Kaiserinnen-Titel, den man ihr immer verweigern will? Da kann die Autorin richtigerweise „Ja und nein“ sagen, gekrönt war sie nicht, aber jede „Frau des Kaisers“ trug auch ohne Krönung diesen Titel – und Maria Theresia hat ihn nach Lust und Laune selbst auf Dokumenten verwendet.

Anekdotisch wird es, wenn man nach dem Besuch des kleinen Mozart in Schönbrunn fragt, wo nur wenige Details, die später so gerne auch in Mozart-Biographien ausgeschmückt wurden, dokumentarisch belegt werden können. Und wie war das mit Maria Theresias angeblicher Spielleidenschaft? Nun, sie spielte Karten zur Entspannung (die Autorin erklärt, wie das heute nicht mehr bekannte „Pharao“-Spiel funktionierte), sie verlor auch gelegentlich hohe Summen, aber „süchtig“ war sie wohl nicht.

Manche Fragen benötigen im Lauf ihres Lebens verschiedene Antworten: Ja, als junge Frau feierte sie gerne, als Witwe war für sie vieles zu Ende. Auch ihre berühmte Gesundheit, die in der Jugend legendär war, schwand im Alter zu einer Fülle von Leiden, die auch Depressionen mit sich brachten.

So schafft es die Autorin, auf 192 Seiten sehr vieles zu behandeln, mehr auf dem privaten als auf dem politischen Sektor, immer die Kaiserin auch als Person, als Frau, Gattin, Mutter, gewissermaßen als privaten Menschen fassbar machend. Es wird nichts beschönigt: dass ihre Töchter geradezu brutal nach politischen Erwägungen Männern gegeben wurden, deren charakterliche Problematik man kannte, zählt nicht zu ihren Ruhmestaten. Und ihr Umgang mit den Juden war schlechtweg pragmatisch, reiche Juden wurden geduldet und sollten sich möglichst assimilieren, arme Juden wurden zwar nicht blutig verfolgt wie anderswo, aber (schlimm genug) ausgewiesen, wobei dies den Prager Juden aufgrund der Gerüchte widerfuhr, sie hätten für Preußen spioniert. Und tatsächlich – einem bedeutenden böhmischen Juden (der von Geld sprach) gab sie nur hinter einer spanischen Wand Audienz, so dass man einander nicht sah…

Katrin Unterreiner geht also mit ihren „Fragen“ durch die Biographie, informationsreich und undogmatisch, auch die Unterschiede zwischen der strahlenden jungen Frau, die Maria Theresia einst war, und der kranken, auch bigotten Alten aufzeigend, die sie im Lauf ihres Lebens wurde. Wie viel ihr an Privatem (Gatte und Kinder waren keine leichten Aufgaben) und als Herrscherin aufgebürdet wurde (die Kriege mit Friedrich II. von Preußen) und die Bewältigung aller Probleme ein unglaublich arbeitsreiches Leben hindurch, rundet sich immer wieder zum Bild einer doch sehr bemerkenswerten Persönlichkeit.

Renate Wagner

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