Der Neue Merker

KARLSRUHE: WAHNFRIED von Avner Dorman. Derniere

Karlsruhe:  Wahnfried von Avner Dorman   12.5. 2017  Derniere der UA-Serie

In der ersten großen Uraufführung seit 10 Jahren hat die Staatsoper Karlsruhe eine „Wahnfried'“-Oper von Avner Dorman auf ein Libretto von Lutz Hübner und Sarah Nemitz in Auftrag gegeben. Sie behandelt die Geschichte des Wagner-Clans in Wahnfried in Bayreuth ab dem Tod Richard Wagners bis nach dem 1.Weltkrieg und dem ersten Besuch Adolf Hitlers. Hauptfigur der Oper ist aber der Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain, der sich mit seinem Hauptwerk ‚Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts‘ vom deutschen Kaiser als Germane  eingemeinden lässt, sich in Bayreuth niederlässt und sich daraufhin mit dem Wagnerclan verschwägert. Es wird geschidert, wie er zur ‚männlichen Stütze‘ Cosima Wagners wird. Mit dem 1. Weltkrieg setzt auch der finanzielle Niedergang der Festspiele ein, Chamberlain sieht die Verwirklichung seiner ideen an einem Tiefpunkt angelangt und erleidet einen Zusammmenbruch. Eine zusätzliche Figur, der „Wagnerdämon‘ rechnet mit ihm ab, öffnet aber Adolf Hitler als ‚Meisterschüler‘ die Tür zu Wahnfried.

Mit einer mehr oder weniger hinplätschernden Musik setzt Dormans Oper ein, wenn das Ehepaar Chamberlain bei einem Picknick im Festspielpark über die Berufswahl des Engländers streitet. Er will sich in Bayreuth einnisten, die Ehefrau  Anna  sieht in ihm den bewunderten Naturwissenschaftler. Dorman gilt als einer größten israelischen Komponisten der jüngeren Generation, und ‚Wahnfried‘ ist seine 1.Oper, die er in gemäßigter ‚Postmodernität‘ erstellt hat. Besonders im abschließenden 2.Akt kommen auch kabarettistische Revue-Elemente hinzu, die Musik wird abwechslungreicher, spitzt sich öfter dramatisch zu, erreicht auch große orchestrale Wucht. Bei den Szenenübergängen sind vielfach piepsartige Instrumente einnngesetzt, die den Revue-Charakter auch unterstreichen. Die Staatskapelle spielt das alles bewundernswert griffig und pointiert, und Dirigent Dominic Limburg lässt keine Langeweile im Graben aufkommen.

Für die Regie konnte Keith Warner gewonnen werden und wählte eine Einheitsbühne von Tilo Steffens mit der Bühne des Festspielhauses im Vordergrund, dahinter perspektivisch verkleinerter Zuschauerraum mit Wagner-Mittelloge. Das escheint sehr historisch getreu nachgebaut, und es kommen auch Bühnenteile der frühen Festspielzeit, wie das Schusterhäuschen Hans Sachs‘ und der Drache in ‚Siegfried‘ zum Einsatz. Chamberlain wechselt hier seine britische Tracht zum Lederhosenlook, wie sich auch die ganzen Wagner-ProtagonistInnen in stilechten  Kostümen der Gründerzeit bewegen. Da hat Kostümbidnerin Julia Müer akribische Rekonstruktionsarbeit geleistet.

Matthias Wohlbrecht übernimmt den Oberideologen H.Chamberlain und wirkt dabei wie ein Hans Dampf in den Bayreuther Bühnengassen. Dabei setzt er seinen durchgestylten Charaktertenor mit Erfolg ein und wird dabei besonders dem chaotisch anarchistischen Wagnerdämon im Verein mit ‚Bakunin‘ zum Gegenpart. Christina Niessen ist die Hohe Frau Cosima und kann szenisch wie gesanglich den ‚Willen zur Macht‘ verkörpern. Anna Chamberlain gibt Barbara Dobrzanska mit mütterlichem Spiel und weichem bis dezidiertem Soprangesang. Den Siegfried Wagner übernimmt Andrew Watts mit herrlichem Countertenor und kommt in der Inszenierung besser weg, indem er starke Zweifel an der neuen Bayreuther Ausrichtung hegt, während ihm seitens der Dramaturgie unterstellt wird, dass er seine Werke nur aufgrund der ‚jüdischen  Hetze‘ als erfolglos betrachtet hat. Winifred Wagner singt mit ihrem jugendlich dramatischen Sopran Ina Schlingensiepen und vertritt die chauvinistischste Position. Den als Clown mit Wagnerbarett auftretenden Dämon singt Armin Kolarcyk mit durchschlagenden gesättigtem Bariton. In der Nebenrolle des Kaisers hat Jaco Venter einen köstlich baritonalen Auftritt. Die für geistig umnachtet  erklärte und verstoßene Isolde Wagner singt mit ihrem geraden schönen Sopran Irina Simmes. Mit stechendem Tenor und brauner Hitlerdiktion tritt der Meisterschüler in Gestalt Eleazar Rodriguez auf. Den Hermann Levi belebt Renatus Meszar mit einfühlsam geführtem Baßbariton. Die Eva Chamberlain, geb.Wagner  singt mit glasklarem Sopran Agnieszka Tomaszewska. Die Töchter Blandine und Daniela aus 1.Ehe mit von Bülow gestalten schauspielerisch Christina Mohari und Simona Habich. Clement Harris und Richard Wagner werden von Statisten gespielt, die Passanten und Wagnerianer gesangssicher von Mitgledern des Staatsoperchors.                      

Friedeon Rosén

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