Der Neue Merker

KARLSRUHE: DIE WALKÜRE: Die Walküre ist im winterlichen Disneyland angekommen. Premiere

Die Walküre im Badischen Staatstheater Karlsruhe, Premiere vom 11.12.2016. Die Walküre ist im winterlichen Disneyland angekommen

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Renatus Meszar, Heidi Melton. Copyright: Falk von Traubenberg

Nach dem Rheingold hat ein neues Team die szenische Darstellung für die Walküre übernommen, bestehend aus dem Regisseur Yuval Sharon, Bühne: Sebastian Hannak, Video: Jason H. Thompson, Kostüme: Sarah Rolke, Licht: Stefan Woinke und Dramaturgie: Boris Kehrmann.

Nach Aussage von Richard Wagner ist die Walküre sein ausdruckvollstes und tragischstes Werk. Das hat hier die Regie nicht zum Mittelpunkt gemacht  und sich eher in Richtung phantasievolle Oper begeben. 

Das Konzept für die Regie zeichnet nach eigener Aussage die Unterschiede zwischen den zeitlich begrenzten Menschen, deren Raum demnach beengt ist und den “ewigen Göttern“, die sich in einer Zeitschleife bewegen, wo Vergangenheit und Zukunft sich kreisförmig bewegen und ein begrenzter Raum nicht existiert. Die dramatischen Umstände der Handlung führen aber dazu, dass die Zeit so zusagen stehen bleibt oder anders ausgedrückt, sie friert einfach ein. 

Hier wird die dramatische Handlung in einer sehr bildhaften und mit vielen Videosequenzen versehenen Inszenierung auf die Bühne gebracht, ohne wesentlich soziale und politische Aspekte zu thematisieren.

In den ersten beiden Akten findet hauptsächlich ein Rampensingen statt, was natürlich vor allem den Sängern zugute kommt. Im ersten Akt gibt es eine kleine Spielfläche, ganz ohne Requisiten auskommend, und dahinter eine Wand mit mehreren Türen, die ähnlich wie im Adventskalender bei Bedarf geöffnet werden und für Überraschungen sorgen und hauptsächlich den Text bildlich untermalen. So erscheinen Siegmund und Sieglinde als Kinder, natürlich Wotan als Wälsung, außerdem als Gast bei Sieglindes Hochzeit und der kleine Siegfried mit Schwert. Hinter der Wand befindet sich wahrscheinlich der weite Raum, aber den bekommt der Zuschauer nicht zu sehen.   

Im zweiten Akt in der Szene mit der Auseinandersetzung von Wotan mit Fricka, befindet sich eine Treppe zum imaginären Aufgang nach Walhall, versehen mit einem goldenen Anstrich. Schließlich handelt es sich bei dem Paar um Götter. Hier geht das Ehepaar abwechselnd einige Stufen nach oben bzw nach unten, je nach Stichhaltigkeit der Argumente. Später bei seinem großen Monolog (als junger Liebe Lust mir verblich) singt Wotan teilweise aus dem  „Off“,  ähnlich wie beim Castorf Ring in Bayreuth.

Im dritten Akt dagegen sieht man erstmals ein großflächiges Bühnenbild, weil nur der Gott mit seinen Walküren anwesend ist, abgesehen von dem kurzen, aber sehr bewegenden Auftritt von Sieglinde. Man befindet sich in einer öden und kalten Landschaft mit aufgetürmten Platten, wahrscheinlich handelt es sich um Eisplatten. Anfangs versucht der Göttervater permanent, zusammenhängende Platten zu trennen. Der sehr bewegende Abschiedskuss findet aus regietechnischen Gründen leider nicht in der gewohnten Form statt, weil hier seine Lieblingstochter plötzlich in einer Eisplatte verschwindet, um gerade noch rechtzeitig zum Ende für ihren Tiefschlaf wieder zugegen zu sein. Aber diesmal befindet sich überraschenderweise die Lieblingstochter in einem durchsichtigen Kasten, tief gefroren (ihre Zeit bleibt stehen), um dann erst im dritten Akt von Siegfried durch den Helden mittels Kuss eventuell wieder aufgetaut zu werden. Der Schlussteil von Wotans Abschied gehört zu den emotionalsten  Szenen des gesamten Ringes und ist immer eine große Herausforderung  für Regie und Orchester. Hier gab es in der Vergangenheit schon  Aufführungen, wobei am Ende nach dem letzten Takt eine beklemmende Stille eintrat, die erst nach und nach verflog.

Die Personenführung ist etwas eigenwillig gewählt. So agiert im ersten Akt meist nur die singende Person auf der Bühne, was für Irritationen sorgt, weil die Ansprechpartner fehlen. Manchmal bewegen sich die Personen “scherenschnitthaft“, als Angleichung  für die auf die Wand projizierten  Personen.

Für die musikalische Leitung war der GMD Justin Brown verantwortlich. Was man hier sängerisch und orchestral zu hören bekommen hat, war einfach hinreißend  Man kann davon ausgehen, dass hier eine intensive Vorbereitung statt fand.  Da stimmten die Einsätze, die Unterstützung für die Sängerdarsteller und der Umgang mit den Tempi. Man fühlt merklich, dass zwischen allen Beteiligten ein großes Vertrauen vorhanden ist. Bei der Behandlung der Partitur zeigt er manchmal seine eigenwillige, spannende Auslegung, beispielsweise die lange Pause beim Wotanmonolog, die schon fast an die Schmerzgrenze geht (“das Ende“   “das Ende“). Man fühlt und erlebt musikalisch gleich zu Beginn den heftigen Sturm und die rasende Flucht von Siegmund. Sein Dirigat ist klar strukturiert und das Forte ist meist nur auf dem Höhepunkt ausgerichtet.

Die Sängerdarsteller wurden fast ausnahmslos mit dem eigenen Ensemble besetzt. Das Wälsungenpaar, Siegmund (Peter Wedd) mit baritonaler Mittellage und Sieglinde (Katherine Broderick), mit warmen, emotionalem Ausdruck. Hunding, Avtandil Kaspeli,  mit seinem profunden Bass war hier nicht sonderlich furchterregend, die Stimme der Fricka, Eva Wolak, klang dominant. Die anspruchsvollen Partien von Wotan und Brünnhilde interpretierten: Renatus Meszar und Heidi Melton. Herr Meszar hat die vielen Emotionsschwankungen intensiv gestaltet, einerseits hoch euphorisch und kurze Zeit später beim Dialog mit Fricka zutiefst depressiv und dann wiederum höchst emotional beim letztmaligen Aufeinandertreffen mit seinem Ego, seiner Lieblingstochter. Eine grandiose Leistung und hoffentlich ist Herr Meszar auch als Wanderer zu hören. Bei Heidi Melton muss man nur ihre bisherigen Beurteilungen lesen. Sie besitzt eine farbenreiche und ausdruckstarke Stimme, die ausgesprochen höhensicher ist. 

Meist werden die übrigen Walküren unterschlagen, aber weil sie sängerisch und darstellerisch ein hervorragendes Bild abgaben, seien sie hier nochmals namentlich erwähnt.

Helmwige: Barbara Dobrzanska, Gerhilde: Christina Niessen, Ortlinde: Ina Schlingensiepen, Waltraute: Katharine Tier, Siegrune: Dilara Bastar, Rossweiße: Tiny Peters, Grimgerde: Kristina Stanek, Schwertleite: Ariana Lucas.

Das Publikum dankte die Leistung der Sänger, der Musiker und des Dirigenten, sowie der Regie mit lautstarker Zustimmung. Der Fairness halber muss man auch die ablehnende Haltung mancher Besucher erwähnen, die mit dieser Art der Inszenierung nicht sehr glücklich sind. 

Weiter Vorstellungen:  18.12.2016 und 06.01.2017

Franz Roos

 

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