Der Neue Merker

KARLSRUHE: ARMINIO von G.F.Händel

Karlsruhe: „ARMINIO“ 13.02.2016

Juan Sancho (Varo) Max Emanuel Cencic (Arminio) (c) Falk von Traubenberg
Juan Sancho (Varo), Max Emanuel Cencic (Arminio). Copyright: Falk von Traubenberg

Wiederum gelang es dem Badischen Staatstheater zu den Händel-Festspielen 2016 den besonderen musikalischen Flair des 18. Jahrhunderts herauf zu beschwören. Zum Mittelpunkt dieses internationalen Festivals erwählte man „Arminio“ von Georg Friedrich Händel einem Werk aus der weniger glückreichen und gloriosen Schaffensperiode des Meisters.

Weniger wird diese Fassung den heutigen Ansprüchen modernem lebendigem Musiktheater gerecht, also den kompositorischen Modifikationen Händels überhaupt, im Spannungsfeld zwischen zwei weit auseinander liegenden Schaffensperioden jeweils beeinflusst durch ein sehr unterschiedliches musikalisches Umfeld.

George Petrou am Pult des für dieses Genre geradezu prädestinierte Kammerensemble Armonia Atenea unterstreicht zunächst den leicht trockenen Orchesterklang, prägt jedoch im Folgenden das sehnig-gespannte Spiel zunehmend überzeugt mit hauchdünnen, fein gegliederten Streichersequenzen. Glanzvoll, schlank fügen sich sodann die Holzbläser,  später die Hörner hinzu und vereint sich zum virtuosen Gesamtbild. In Präzision beleuchtet der versierte Dirigent die farbigen Details der Partitur, die Musik gewinnt formelle Tiefe und der prächtig musizierende Klangkörper erstrahlte im herrlichen Händel-Sound.

Max Emanuel Cencic gibt dem titelgebenden Arminio in reichem Maße die darstellerische Präsenz und besticht in der Bewältigung der vokalen Präsentation mit erstaunlicher Leichtigkeit, schönem Timbre, makellosen Koloraturen. Faszinierend interpretiert der exzellente Countertenor geprägt von hoher Musikalität die nuancierten Parts der Rolle, glänzt mit samten anmutender Mittellage, lediglich ließ das Höhenpotenzial  den sonst gewohnten Glanz vermissen.

Als kleine Sensation erwies sich der koreanische Sopranist Vince Yi, zunächst glaubte man bedingt durch die hell timbrierte Stimme, die dynamischen Koloraturen, die kontrollierten meisterhaften Triller, die atemberaubende Höhensicherheit ein weibliches Organ zu vernehmen. Hinreißend vital, quirlig im Spiel verlieh Vince Yi dem verliebten, narzisstischen Sigismondo glaubwürdige Gestalt und avancierte zum Publikumsliebling.

Zu Beginn verhalten schier unsicher wirkte der schönstimmige Sopran von Layla Claire, doch gewann das kontrastreiche Material der kanadischen Sängerin zunehmend an Sicherheit, ebenmäßig  gefühlvoller Gestaltung und schenkte der Gattin Arminios Tusnelda die berührende, unbeirrbare individuelle Persönlichkeit.

In natürlicher Ausdruckskraft ihres dunkel schattierenden Timbres steigert Ruxandra Donose ihr nuanciertes Mezzomaterial in angenehm-runde Höhen. Süffisant im Spiel wertet die Sängerin die Partie der Ramise zudem in bester vokaler Phrasierung mächtig auf.

Owen Willetts überrascht als Hauptmann Tullio mit klangschönem geschmeidigem Countertenor.

In der Überzahl dieser „weiblichen“ Vokalise fällt Juan Sancho (Varo) mit seiner ebenmäßig schlank-instrumental geführten Tenorstimme angenehm aus dem Rahmen. Den hohen Anforderungen der Gegenspieler-Partie des Titelhelden bezüglich intonationsreicher Schönheit und Stimmflexibilität wurde der junge Sänger bestens gerecht.

Als Fürst Segeste brachte Pavel Kudinov zwar seinen volltönenden Bass positiv mit ein, ließ allerdings zur geschmeidigen Tongebung Wünsche offen.

Zur vokalen Hauptrolle übernahm Max Emanuel Cencic ebenso das Szenario dieser Produktion. Fernab der altrömischen Sandalen-Ästhetik verlegte Cencic die Handlung in die ungefähre Zeit der musikalischen Entstehung des Werkes, verknüpft mit den Geschehnissen der  französischen Revolution und konträr den Napoleonischen Kriege. In passender stilistischer Optik fügte Helmut Stürmer die Bühnenelemente incl. Guillotine auf der unermüdlichen rotorenden Drehbühne hinzu. Stürmer zeigte sich auch in Koordination mit Corinne Gramosteanu für die prachtvollen Perücken, Krinolinen und Accessoires verantwortlich.

Zu Beginn der Handlung speist die königliche Familie einträchtig an der reichgedeckten Tafel, ein Bote überbringt unheilvolle Nachrichten, die Gesellschaft rafft wertvolle Gegenstände zusammen, flüchtet, es folgt die Gefangennahme. Nun entspinnt sich ein Ränkespiel der Intrigen, gespickt mit amourösen Episoden, unfreiwillig komischen Momenten typisch im üblichen Flair der verspielten Händel-Opern und fernab jeglicher historischer Evenements.

Zum Finale findet man sich wieder glücklich vereint zu Tisch, die Welt scheint vorerst in Ordnung  man war nochmals davon gekommen, doch die Guillotine mahnt vom heran nahenden Unheil.

Großzügig gewährte die Karlsruher Händel-Gemeinde Beifall nach jeder Arie und feierte zum Finale der vierstündigen Sitzung alle Beteiligten einschließlich des Produktionsteams mit Ovationen.

 

Gerhard Hoffmann

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