Der Neue Merker

KARLSRUHE: ADRIANA LECOUVREUR. Wiederaufnahme

Karlsruhe: „ADRIANA LECOUVREUR“ – WA 22.09.2017

Adriana-Barbara Dobrzanska (c) Falk von Traubenberg
Barbara Dobrzanska (Adriana). Copyright: Falk von Traubenberg

Im Merker 05/2017 berichtete Udo Klebes sehr euphorisch über die Premiere der „Adriana Lecouvreur“ (Francesco Cilea) am Badischen Staatstheater, nach meinem Besuch der heutigen WA kann ich diese Begeisterung in fast jeder Hinsicht teilen. Was für eine gelungene Inszenierung (Katharina Thoma), es gibt sie noch die Könner im Reigen der modernen Regie! Dennoch können sich auch Jene Libretto-Abänderungen bzw. Verfremdungen nicht versagen und somit erachte ich diesen unsinnigen Eingriff ins Geschehen des Finalaktes als völlig überflüssig und entbehrlich.

Prächtige Kostüme (Irina Bartels) mit Anleihen aus der grandiosen Rinaldo-Inszenierung, die variablen Bühnenelemente (Dirk Becker), das vortreffliche Lichtdesign (Stefan Woinke) sowie die bezaubernde Choreographie (Héléne Verry) unterstrichen den optischen Gehalt dieser Produktion auf ganz besonders erfreuliche Weise.

Adriana-Barbara Dobrzanska-Ensemble (c) Falk von Traubenberg
Copyright: Falk von Traubenberg

Nun hatte ich im Laufe der Jahre einige vorzügliche Sängerinnen in der Rolle der Comédie Francaise – Actrice erlebt, doch gebührt einzig und allein Ks. Barbara Dobrzanska die Krone. Es war frappierend zu bewundern mit welcher Eleganz die hervorragende Künstlerin alle Register ihres außergewöhnlichen Könnens mit einbrachte in völliger Identifikation der Partie. In beindruckend-darstellerischer Intensität portraitierte Frau Dobrzanska die französische Tragödin und verstand es zudem die Gefühlsregungen der Diva auf wunderbare Weise ebenso vokal zu vermitteln. Gleich ob im verhaltenen aufblühenden Ton, in beseelten Piani oder klug dosierten dagegen gesetzten Fortetönen, fesselten den Zuhörer ungemein schon zu Beginn mit der Auftrittsarie Io son l´umile ancella, dem eindrucksvollen Phädra-Monolog und schließlich der bewegend anrührenden Sterbeszene. Auf höchstem Niveau kontrastierte die vielseitige Sängerin dank ihrer Schattierungskunst, dem Farbenreichtum ihres klangvollen, herrlich timbrierten Soprans die tragische Frauenfigur und versetzte die Zuhörer in staunende Bewunderung.

Konträr verstand es Fredrika Brillembourg mit vokaler Potenz als Nebenbuhlerin Principessa di Bouillon den musikalischen Gegenpol zu setzen. Ohne Fehl und Tadel schmetterte die amerikanische Mezzosopranistin ihre Arien und Duette ins Auditorium. Mit Verve stürzte sich die versierte Sängerin in die Tour-de-Force dieser dramatischen Partie, überzeugte gleichwohl mit expansiven Höhenausbrüchen sowie facettenreichen dunklen Farben ihres angenehmen Timbres. Wie von selbst erklärt sich das Aufeinandertreffen der beiden Diven im zweiten Akt zum dramatischen Höhepunkt der glanzvollen Aufführung.

Soviel Frauenpower konnte das männliche Objekt der Rivalinnen-Begierden Maurizio wenig entgegen setzen. Keine Ausstrahlung, wenig ansprechendes Timbre, keinen tenoralen Schönklang vernahm man von James Edgar Knight – in meinen Ohren eine komplette Fehlbesetzung.

In der Rolle des in die Diva verliebten Impressarios Michonnet glänzte Seung-Gi Jung. Mit kraftvollem Bariton, belcantesker Stimmführung und hoher Musikalität verstand es der sympathische Koreaner zu punkten und der Partie zudem eine gewisse Tragik einzuhauchen.

Bassgewaltig charakterisierte Avtandil Kaspeli den Fürsten Bouillon.

Kompetent punkteten ebenso die Interpreten der Nebenpartien: Ks. Klaus Schneider (Abbé), Ks. Tiny Peters (Jouvenot), Luise von Garnier (Dangeville), Nando Zickgraf (Poisson), Hakan Ciftcioglu (Quinault) sowie der Kurzauftritt des prächtig intonierenden Staatsopernchors (Ulrich Wagner). Anmutig gelang die getanzte Episode des Schäferspiels.

Von kleinen ausufernden überdeckenden Forteeruptionen abgesehen illustrierte Johannes Willig am Pult der Badischen Staatskapelle süffisanten Verismo-Sound. Unter seiner Leitung brillierte das Orchester völlig unverkrampft, spielte frisch und stilsicher auf, wie das Orchester nicht alle Tage klingt. Da funkelten die musikalischen Einfallsperlen der melodienseligen Oper Cileas in delikater Akkuratesse, in emotionsgeladenem Feinklang entfalteten die Streicher sensible Strukturen. Vortrefflich verband der Dirigent dank seines bestens disponierten Orchesters wirkungsvollen Verismo mit motivischer Eleganz.

Fazit: Diese ausgezeichnete Produktion der in unseren Breiten seltener aufgeführten Oper, sollte sich kein Opernfreund entgehen lassen. Natürlich werde ich zum Wiederholungs-Täter div. Folgeaufführungen – jedoch nur in tenoraler Umbesetzung.

Gerhard Hoffmann

 

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