Der Neue Merker

KARINE BABAJANYAN – „Ruhe bewahren und positiv denken!“

Barb Im Portrait: KARINE BABAJANYAN – „Ruhe bewahren und positiv denken!“

Jeder Opernliebhaber kennt jene ganz besonderen Sternstunden, in denen ein Künstler über sich hinauswächst und sich ein Natur-Ereignis abspielt, das schwer in Worte zu fassen ist. Wenn sich dies auch noch unter besonders schweren Umständen ereignet hat, bleibt nur noch stumme Bewunderung. Bei Karine Babajanyan war es der 21. Dezember 2014, als sie am selben Tag der Stuttgarter Wiederaufnahme von „Madama Butterfly“ die Anfrage erhielt, für die kurzfristig erkrankte Catherine Naglestad einzuspringen. Wenn es nicht diese, ihre Leib- und Magenpartie gewesen und nicht die ihr als Premierenbesetzung von 2006 vertraute Inszenierung gewesen wäre, hätte sie abwinken müssen. Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, dass ihr letzter Auftritt in dieser Partie (in Genf) zum damaligen Zeitpunkt auch schon ein gutes Jahr zurück lag, und sie sich mit zwei neuen männlichen Partnern und einem ihr noch unbekannten Dirigenten arrangieren musste. Vielleicht hat ihre Einstellung, auch in extremen Situationen Ruhe zu bewahren, mit dazu beigetragen, dass diese Wiederaufnahme-Premiere auch für sie selbst zu einem Glücks-Erlebnis wurde, das umso höher einzuschätzen ist, als es sich bei der ausgefallenen Kollegin um einen ausgesprochenen und mit dementsprechender Spannung erwarteten Stuttgarter Publikumsliebling gehandelt hat. Im Prinzip hätte sie sich in dieser Situation ganz auf die notengemäße Wiedergabe konzentriert und sei dann selbst überrascht gewesen, dass im gleichen Moment alle Details wie aus einem inneren Speicher geflossen waren um eine so lückenlos spannende und von Spontaneität getragene Leistung zu ermöglichen. Neben der hilfreichen Unterstützung der Kollegen müsse da auch eine höhere Macht im Spiel gewesen sein, kommentiert die Sopranistin dieses Ereignis.

Die in Jerewan geborene Sopranistin ist durch die Opernliebe ihrer Eltern schon früh mit dem Metier vertraut geworden. Noch vor dem Gesangsstudium erfüllte sie den Wunschtraum ihrer Mutter und schuf mit dem Erlernen des Klavierspiels die ideale Basis für die spätere Einstudierung von Gesangspartien. Ungeschickterweise fiel ihr mit Auszeichnung bestandener Studienabschluss 1999 in die Zeit des politischen Umbruchs ihres Heimatlandes. Durch den Wegfall sowjetischer Subventionen musste das Opernhaus eingespart werden, mit der Folge, dass sie als Mitglied des Opernstudios zunächst nur in konzertanten Aufführungen (Debut als Leonora in „Il trovatore“), gemischten Opernkonzerten, Liederabenden und geistlichen Konzerten (u.a. Mozarts „Requiem“) auf sich aufmerksam machen konnte. Um in ihrem Fach weiter zu kommen, war die Ausschau nach Möglichkeiten im Ausland unumgänglich. Der Zufall wollte es, dass sie einer jungen Hamburgerin begegnete, die für ein Gesangsstudium nach Jerewan gekommen war und in ihrer Heimatstadt ein privates Konzert organisierte und ihr so ermöglichte nach Deutschland zu kommen. Und wieder spielte der Zufall mit, dass zur gleichen Zeit in Hamburg ein italienischer Gesangswettbewerb stattgefunden hatte, zu dem sie sich spontan anmeldete, weil sie alle zur Auswahl stehenden Arien bereits studiert hatte. Bis ins Finale war sie gekommen, worauf zwei Agenten bei ihr angeklopft hatten. Der erste Vertrag betraf eine Israel-Tournee mit Rossinis „Stabat mater“ und dann ein Engagement an der Komischen Oper Berlin als Puccinis „Manon“ – auf Deutsch! Ein schwerer Umstand, weil sie erstens damals noch kaum der deutschen Sprache mächtig war und es generell ein herber Einschnitt in Puccinis melodische Struktur bedeutet.

Auf ihrer nächsten Station Koblenz erfolgte bereits der Einstieg in ihre heutige zentrale Partie Cho Cho San , die sie dann neben dem nächsten Engagement in Bielefeld auch in Tokyo vorgestellt hatte. Hannover und Essen waren die nächsten Bühnen, die zu künftig regelmäßigen Podien ihrer Kunst wurden. Um die beständig damit verbundenen Visa-Bemühungen zu vermeiden, empfahl ihr die Agentur ein Fix-Engagement einzugehen und damit einen festen Wohnsitz zu erlangen. Eine Verpflichtung für die selten gespielte Messa per Rossini und Dvoraks-Requiem (mit Jonas Kaufmann als damals noch nicht so prominentem Tenor-Einspringer an der Seite, später war sie dann seine Stuttgarter Partnerin als Mimi)  unter der Leitung von Helmuth Rilling bei der Stuttgarter Bach-Akademie ließ den derzeitigen Künstlerischen Leiter der Stuttgarter Oper, Eytan Pessen, auf sie aufmerksam werden. Als bei der zweiten Vorstellung der neuen „Trovatore“-Inszenierung im Dezember 2002 Catherine Naglestad ausgefallen war, wurde ihr erfolgreiches Einspringen mit einem festen Ensemble-Vertrag belohnt.

Rückblickend waren die Stuttgarter Jahre 2003-2011 eine aus künstlerischer und menschlicher Sicht betrachtet erfreuliche Zeit, sie konnte mit der Contessa, Donna Elvira, Fiordiligi und Elettra sowohl ihr Mozart-Repertoire festigen und ausbauen, Puccinis breites Spektrum von der Liu bis zur Tosca ausschöpfen, als Tatjana debutieren und mit der in „Don Giovanni“ zitierten „Una cosa rara“ von Soler in einer ausgesprochenen Rarität mitwirken. Als Norma entlockte sie bei ihrem Debut an der Dorset Opera und später auch in Stuttgart mit ihrem dunklen Timbre und ausgeprägten Tiefenfundament dem dramatischen Charakter der zwischen Pflicht und Liebe hin- und her gerissenen Frau besondere Farbvaleurs.

Parallel zu ihrer beständigen Präsenz auf der Stuttgarter Opernbühne entwickelte sie eine rege Gastiertätigkeit, die sie auch in einem noch ausgeweiteten Repertoire ( sowohl  Italienisches wie die „Ballo“-Amelia,  Elisabetta, Aida, Desdemona und Alice als auch Französisches wie die Rachel und Slawisches wie Jenufa und Maria in „Mazeppa“) an internationale Bühnen von den Nachbarländern Österreich, Schweiz, Belgien, Polen über Dänemark, Finnland und Mexiko bis nach China führte. Einen ungewöhnlichen Fachausflug unternahm sie 2006 mit der Carmen. Nicht dass sie die erste Sopranistin der Geschichte wäre, die sich dieser femme fatale angenommen hat, aber Karine Babajanyan war bis dahin, für den Fall, dass eine Neuinszenierung von Bizets Oper anstehen sollte, ganz auf die Micaela fixiert, und deshalb total überrascht als ihr Albrecht Puhlmann zu seinem Einstand als Stuttgarter Operndirektor die Titelpartie angeboten hatte. Die Flexibilität ihres sinnlichen Einsatzes zwischen dunklen Mezzofarben und einwandfreien Sopranhöhen, ihr besonders nuancenreiches Spiel mit vokalen Facetten, ganz zu schweigen von ihrer emotionalen Hingabe und ihrer glaubwürdigen dunkelhaarigen Erscheinung, dürften auch den letzten Zweifler an diesem Fachausflug überzeugt haben.

Dass Puccini ihr stimmliches Zentrum bedeutet bewies sie nicht nur live auf den Bühnen, vielmehr auch in einer 2007 entstandenen Einspielung seiner sämtlichen Arien ihres Repertoires, zu der auch die Suor Angelica zählt. Ihr Lebensgefährte, ein heute im Management tätiger einstiger Bassist hatte zusammen mit dem Ideengeber, dem Dirigenten Pier Giorgio Morandi, die Realisierung dieses Projekts ermöglicht und ihr durch seine Freundschaft mit Giuseppe Giacomini für zwei große Duette einen prominenten und erfahrenen Tenorpartner verschafft. Auch in steriler Studio-Atmosphäre vermochte sie sich spontan und lebendig in Puccinis Frauengestalten zu versetzen, deren Seele er so gut verstanden hatte in der Musik aufgehen zu lassen. So dankbar und verlockend seine Partien deshalb auch sind, weist Frau Babajanyan auch auf die Gefahr für junge Sängerinnen hin, sich damit zu früh zu verbrennen, denn die Emotionsdichte verlange einen kühlen Kopf und die Kontrolle der Einteilung.

Das Idiomatische ihrer Rollenzeichnungen liegt sicher auch in ihrem großen Interesse für literarische Vorlagen begründet. So hatte ihr während der Vorbereitungszeit ihrer Stuttgarter „Butterfly“-Premiere die damals in den Kinos gezeigte Verfilmung des Romans „Die Geisha“ viele Details geliefert, die sie im Rahmen von Monique Wagemakers choreographisch angehauchter Personenregie gut mit den Vorstellungen der Regisseurin in Einklang bringen konnte.  Für ihr Münchner Operndebut im letzten Herbst als Elena in „Mefistofele“ hatte sie sich – Kompliment! – gar mit dem „Faust“ in der Originalsprache beschäftigt – leider mit der Erkenntnis, dass es ihr für die inszenatorische Sichtweise der Elena als Krankenschwester nicht viel geholfen hat.

ARIADNE HPO_0657 Ariadne 

Neben der Maddalena in „Andrea Chenier“ gehört die Ariadne zu ihren jüngsten Repertoire-Bereicherungen. Ein langsamer Schritt ins deutsche Fach wurde damit eingeleitet, das demnächst mit der Senta einen weiteren Ausbau erfährt. Nach eigener Einschätzung liegen ihr Strauss weichere Kantilenen mehr als die etwas härtere Kontur Wagners. Deshalb steht vorerst die Marschallin auf der Einstudierungsliste, deren gepflegtes Parlando ihre Stimme geschmeidig halten sollte, wenn sie nun über das Mozart-Fach hinausgewachsen ist. Auch mit in Vorbereitung befindlichen russischen Liedern möchte sie einen Ausgleich für dramatischere Kaliber schaffen, von denen die Minnie und La Gioconda in Planung sind. Denn gemäß ihrem Vorbild Mirella Freni gedenkt sie auch dank ihrer bei Mirella Parutto in Rom und Dunja Vejzovic in Stuttgart perfektionierten Technik ihre Stimme noch lange frisch und flexibel zu halten.

Nach Stuttgart kehrt sie nicht nur ihres neben Budapest noch bestehenden zweiten Wohnsitzes wegen zurück, hier hat sie viele Freunde gewonnen und hier ist ihre Tochter aufgewachsen, in den Kinderchor der Staatsoper gegangen, ehe sie sich der Medien- und Musikgestaltung verschrieb und derzeit an der Wiener Staatsoper beschäftigt ist. Umso mehr bedauert Karine Babajanyan, dass die Stuttgarter Oper trotz des eingangs erwähnten triumphalen Einspringens nicht mehr bei ihr angefragt hatte. Nicht dass ihr Fach derzeit nicht adäquat besetzt wäre, aber eine Künstlerin mit einer so hohen stimmdarstellerischen Verschmelzung und Ausdrucksdichte sowie Verinnerlichung (wovon jüngst am Karfreitag ein Verdi-Requiem zeugte), die zudem im Gespräch einen liebenswerten, auf Tiefe, Harmonie und positives Denken bedachten Menschen erkennen lässt, ist immer am richtigen Platz – auch in Stuttgart!

Udo Klebes 

 

Portrait-Foto: Katalin Karsay 

Bühnen-Foto:  erste Strauss-Eroberung, Ariadne an der Deutschen Oper am Rhein – Hans Jörg Michel
 

Diese Seite drucken