Der Neue Merker

Kammermusik für Klavier und Oboe, Klavier und Klarinette, Klavier und Violine und Klavier vierhändig – interessante Neuerscheinungen Kurzbesprechung

Kammermusik für Klavier und Oboe, Klavier und Klarinette, Klavier und Violine und Klavier vierhändig – interessante Neuerscheinungen Kurzbesprechung

Oboe&Klavier: Viola Wilmsen und Kimiko Imani spielen Gál, Martinu, Haas, Janácek und Slavicky – CAvi-music

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Die beiden Solistinnen dieser CD mit selten aufgeführter Musik aus dem 20. Jahrhundert, die deutsche Violavirtuosin Viola Wilmsen und die japanische Pianistin Kimiko Imani gehen der Frage nach der Vielseitigkeit und den Ausdrucksgrenzen der Oboe in einem konzertierenden Repertoire nach. „Die Oboe als Gesangstimme mit ihrer enormen Möglichkeit, lange Kantilenen zu singen, ist ein Grundgedanke des Konzepts der gelungenen neuen Aufnahme. Man höre etwa die Bearbeitung der Arie der Jenufa (Salve Regina), wo die tolle Solooboistin des deutschen Symphonie-Orchesters Berlin in Ausdrucksgehalt und Klageton eine berührende Variante zur menschlichen Stimme zu kreieren vermag. Alle vorgestellten Werke verbindet ihre Nähe zu mährischer Volksmusik als Insprirationsquelle. Das Programm ist anspruchsvoll und verlangt ein aktives Engagement des Hörers. Kein Album zum Drüberstreuen- Durchaus kulinarischen Stücken wie der Sonate von Hans Gál oder den Bearbeitungen der Moldavian Folksongs von Bohuslav Martinu steht die einleitende sperrige Suita für Oboe und Piano von Klement Slavicky gegenüber. Das Kernstück der CD bildet nach dem Verständnis der beiden Künstlerinnen aber die Suite op. 17 von Pavel Haas. Geschrieben 1939 zu Beginn des zweiten Weltkriegs, ist die Suite ein bewegendes klingendes Zeitzeugnis emotionaler Zerrissenheit und tiefen (hoffnungslosen) Aufbegehrens angesichts des historischen Fanals. Haas starb 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau. „Bis auf Janacek teilen alle Komponisten dieser CD die bittere Erfahrung, als Menschen jüdischen Glaubens fliehen oder zumindest ihre Arbeit einstellen zu müssen. Vielleicht kann uns in einer Zeit, in der Nationalismus und Rassismus erstarken, der Gedanken an diese Schicksale eine Mahnung sein.“ Viola Wilmsen

Clara und Robert Schumann: Musik für Klarinette – Patrick Messina, Fabrizio Chiovetta, Pierre Lenert – apartemusic CD 

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Alle Kompositionen der CD entstanden 1849, außer Schumanns Märchenerzählung Op. 132 und Clara Schumanns drei Romanzen. Welchen fesselnden Charme und für Schumann fast unerträgliche Leichtigkeit des Seins versprühen die drei Romanzen Op. 94 (Weihnachtsgeschenk für Clara) und die Fantasiestücke Op. 73. Befreit von der strengen Sonatenform schwelgt der Komponist in romantischer Verzückung, alle Gelegenheiten des Miteinander und der intimen Zwiesprache zwischen Klavier und Klarinette auf Basis der Synthese zwischen Musik und Literatur nutzend. Die Einfachheit der Linien und der freie himmelstürmende Erzählfluss etwa des dritten Fantasiestücks Op. 73 erfahren in Patrick Messinas (Klarinette) und Fabrizio Chiovettas  (Klavier) Lesart ihre poetische Vollendung. Besonders gefällt, wie die beiden in Clara Schumanns in nichts den Schöpfungen ihres berühmten Mannes nachstehenden drei Romanzen Op. 22 ein genialisches Echo auf die offenkundige kompositorische Liebesturtelei offenlegen. Eigentlich für Klavier und Violine geschrieben, markiert dieses lichtvoll schöne Op. 22 von Clara Schumann tragischerweise auch das Ende ihrer schöpferischen Arbeit. So kann der Hörer jetzt auf der CD den in Ton und Klang gegossenen Geschichten der beiden Schumanns lauschen, den Gedanken oder der Träumerei über dieses ungemein intime musikalische Flüstern Liebesbriefen gleich hingegeben. Wahrlich fantastisch!

Wolfgang Amadeus Mozart: Violinsonaten K. 306, 402, 376 und 378, Sechs Variationen über ein Andantino „Hélas, j‘ai perdu mon amant!“ – Ulf Schneider&Stephan Imorde – CAvi-music

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Ohne konzeptuelles Rundherum geht es heute offenbar nicht mehr. Das hier vorgestellte ist jedoch im Ansatz ein durchaus kluges, für den Konzertsaal erfundenes, wenngleich sich in der Musik kaum etwas davon widerspiegelt. So wollen die formidablen, höchst mozartaffinen Interpreten Mozart aus der Perspektive seiner Frau Constanze betrachten. Die beiden begaben sich also auf eine fiktionale Reise und stellten sich vor, wie Constanze Wolfgangs Leben wahrgenommen hat. Der Musikjournalist Jürgen Ott hat anhand der seltenen Briefe Constanzes ein fiktives Tagebuch verfasst. in dem Projekt dialogisieren die Musiker mit der Schauspielerin Fritzi Haberlandt. Die vorliegende Aufnahme ist im Zusammenhang mit einer Konzertaufführung mit Lesung von Briefen Constanze Mozarts entstanden. Die Lesung ist nicht auf der CD enthalten. 

 Trotz der offenbar großen und auch praxistauglichen Liebe, die Wolfgang und Constanze verbunden hat, war Constanze unglücklich über die nicht  gerade freundliche Aufnahme durch die Familie Mozart. Ulf Schneider: „Die Werke stammen aus aus einer kritischen Phase in Mozarts Leben: die zurückgewiesene Liebe zu Aloysia Weber, das Suchen nach einem eigenen, vom Vater unabhängigen Weg, der plötzliche Tod seiner Mutter während der gemeinsamen Paris-Reise 1778, das vergebliche Bemühen um eine Anstellung als Komponist und Pianist, aber auch die nähere Bekanntschaft mit Constanze, in einer Zeit, in der er voller Sehnsucht nach einer tiefen und dauerhaften Beziehung zu einer Frau war.“ 

Auf modernen Instrumenten eingespielt, erlaubt der üppige Klang des Steinway, korrekterweise besonders die Rhetorik der Musik, Mozarts Klangrede zur Geltung zu bringen, wie dies etwa mit einem Hammerklavier kaum möglich wäre. Die teils opernhafte und theatralische, stets einer großen vielleicht unvollendeten Liebe geschuldete Musik wir hier zum Ereignis. Dem seit 20 Jahren aufeinander eingespielten Duo Schneider und Imorde gelingen insgesamt maßstabsetzende Interpretationen voller hochfliegender Leichtigkeit mit einem Schuss düsteren Geheimnis. Aber auch die Fuge aus der Fragment gebliebenen Violinsonate K. 402, die von Bach inspiriert ist, habe ich kaum je so faszinierend und stringent gehört wie in dieser Aufnahme. Eine Empfehlung.

Go East! Klaviermusik vierhändig von Brahms, Hindemith, Manav und Stravinsky, Gülrü Ensari&Herbert Schuch – CAvi-music

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Die vorliegende Einspielung ist in erster  Linie wegen des Repertoirewerts von Interesse. So mischen die Künstler 12 Walzer aus Johannes Brahms Op. 39 höchst anregend mit den acht Walzern von Paul Hindemith aus dessen Zyklus „Drei wunderschöne Mädchen im Schwarzwald“ auf. Mit zwei prächtig-exotischen anatolischen Liedern von Özkan Manav gibt es sogar Weltersteinspielungen zu hören. Als Abschluss hat sich das hochbegabte deutsch-türkische Duo auf ihrer ersten CD überhaupt Igor Stravinskys „Le Sacre du Printemps“ vorgenommen. Ensari und Schuch sind bei den Walzern besonders in ihrem Element, das Salonhafte mit dem Virtuosen-Koboldhaften zu verschmelzen und ganz und gar tanztauglich zu servieren. Diese Musik geht direkt in die Beine. Beim „Sacre“ hingegen hätte ich mir trotz der gelungenen und stringenten Dramaturgie manch expressionistisch härteren Schnitt, manch zupackendere Phrasierung gewünscht, wie dies etwa das Klavierduo Takahashi/Lehmann (Audite) so mustergültig vorgeführt hat. Final aber ein überaus schönes und gelungenes Debüt.

Dr. Ingobert Waltenberger

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