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KALLE KANTILLA – Tenor und Agenturchef – immer in vollem Einsatz

Immer mit vollem Einsatz – Tenor und Agenturchef Kalle Kanttila

Kanttila

Kalle Kanttila wurde in Oulu Finnland geboren. Kanttila begann sein Gesangstudium am Konservatorium Helsinki und setzte es an den Musikhochschulen Zürich und Karlsruhe fort.

Seine wichtigste Rollen waren Manrico (Il Trovatore), Alfredo (La Traviata), Matteo (Arabella), Rinuccio (Gianni Schicchi), Cassio (Otello), Pinkerton (Madam Butterfly), Bacchus (Ariadne auf Naxos), Lenski (Eugen Onegin), Don José (Carmen), Victorin (Die tote Stadt), Tassilo (Gräfin Mariza) und Paganini (Paganini)

2012 gründete Kalle Kantilla die Agentur „International Opera Artists“. Mit seiner Agentur vermittelt er inzwischen Sänger und Dirigenten an viele Opernhäuser. Während seines Aufenthaltes in Weimar, hatten wir Gelegenheit mit ihm zu sprechen. Dabei strahlte er finnische-bayrische Gelassenheit, Charme und Zuversicht aus.

1.    Herr Kantilla, wie und wann haben Sie angefangen zu singen?
So richtig Gesangsstunden zu nehmen, das habe ich mit 17 Jahren angefangen, aber vorher habe ich mich auch für Popmusik interessiert und ich hatte mit Freunden eine kleine Band gegründet. Wir haben sogar in Helsinki an einem Wettbewerb teilgenommen und auch einen Preis als beste Nachwuchsband gewonnen. Danach gab es für uns viele Konzertauftritte. Ich musste mich aber später für die Oper entscheiden, denn ich merkte, das sind zwei sehr unterschiedliche Gesangstechniken und beides zusammen geht nicht gut.

2.    Liegt die Liebe zur Musik in Ihrer Familie?
Ja, auf jeden Fall, meine Eltern haben beide gute Stimmen, mein Vater singt einen schönen Bass und meine Mutter ist Altistin in einem Chor. Sicher wären beide zu einer Sängerkarriere fähig gewesen. Wir waren oft in Konzerten und ich habe auch eine musikalische Förderschule besucht.

3.    Wie kamen Sie zur Ihren Gesangstudium am Konservatorium Helsinki? Wie war diese Zeit für Sie?
Das war eine großartige Zeit und es war sehr schön mit Gleichgesinnten zu studieren. Wir haben da Sprachen gelernt, also Italienisch und Französisch und bekamen Fechtunterricht. Natürlich konnten wir uns auch mit Musiktheorie vertraut machen. Die Ausbildung hat drei Jahre gedauert.

4.    Was können Sie uns über die Musikhochschulen Zürich und Karlsruhe (Institut für Musiktheater) erzählen?
Beide Schulen finde ich sehr gut. In Zürich betont man den Liedgesang und wir wurden unterrichtet z.B. von Irwin Cage, das fand ich sehr gut. In Karlsruhe konnte ich dann das gesamte Opernhandwerk lernen, weil wir auch an Inszenierungen teilnehmen konnten. Wir haben wirklich viele Rollen gelernt. Ich musste fünf Rollen komplett lernen. Also bekam ich schon einen kleinen Fundus.

5.    Was war ihr Operndebüt?
Das war sogar russische Oper „Eugen Onegin“, diese Oper haben wir allerdings auf Finnisch gesungen. Ich habe meine Arien auch auf Russisch gelernt. Die Mutter meiner Frau, die perfekt Russisch spricht, wollte gar nicht glauben, dass ich nicht wirklich Russisch kann. Diese Sprache liebe ich sehr. Ich habe mich auch mit russischer Geschichte beschäftigt, um zu erfahren, wie diese Zeit war, in der Onegin spielt.

6.    Sie haben an vielen Opernhäuser gesungen: Staatstheater Nürnberg, am Nationaltheater Mannheim, an der Komische Oper Berlin, am Staatstheater Karlsruhe, an den Wuppertaler Bühnen, am Staatstheater Kassel, am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, am Staatstheater Darmstadt, am Staatstheater Nürnberg, am Helsinki Aleksander-Theater, in Maastricht sowie an den Festspielen in Wernigerode, Weikersheim, Nilsiä, Schwetzingen und bei den renommierten Opernfestspielen in Savonlinna. Was haben sie in den Häusern erlebt?
Mein erstes Engagement war in Regensburg, dort war ich drei Jahre lang, praktisch als Anfänger und da muss man wirklich alles machen, von dramatischen Rollen bis zu Musical-Rollen. Dadurch konnte ich wirklich viel lernen. Ich habe 90 Vorstellungen pro Spielzeit dort gesungen und manchmal sechs Vorstellungen hintereinander. Das war auf jeden Fall eine gute Schule. Als ich dann nach Nürnberg wechselte, konnte ich erleben, wie die Kollegen stöhnten über zu viele Auftritte und ich war dafür schon sehr gut in Form.

7.    Sie haben viele Rollen gesungen. Welche Rolle liegt Ihnen besonders am Herzen?
Also da ist die Rolle des Lenski für mich immer faszinierend gewesen. Den habe ich auf Finnisch gesungen und war damals noch sehr jung und die letzte große Rolle war Othello und das ist schon eine unglaublich tolle Rolle.

8.    Im Kultursender Arte und im Finnischen Fernsehen wurde 2008 eine Dokumentation „Winterreise“ über Sie ausgestrahlt. Wie kam es dazu?
Mein großer Bruder ist ein bekannter finnischer Dokumentarfilmer und er hat sich mit Männerporträts beschäftigt und meinte, es wäre eine interessante Sache dem Weg eines Sängers zu folgen und zwar von Anfang an. Es hat auch sehr lange gedauert. Etwa achtzehn Monate hat er mich immer mit der Kamera begleitet. Es gibt natürlich schon viele Filme über Stars, die es geschafft haben, aber wie jemand sich auf seinem Weg durchkämpfen muss, das zu zeigen, das war neu. Er hat mich auf vielen Stationen meines Weges begleitet. Er wollte zeigen, was man einsetzen muss, um Sänger zu werden. Der Film war dann in Finnland und auch in Deutschland im Kino zu sehen und später hat den Film der Sender Arte gekauft und der Sender hat ihn schon mehrmals gesendet.

9.    Sie sind Direktor von „International Opera Artists“. Was hat Sie bewegt, diese Agentur zu gründen?
Das werde ich oft gefragt. Als ich mit der aktiven Sängerkarriere aufhörte, da wunderten sich viele, denn ich hatte Erfolg. Ich wurde dann gefragt, warum ich gerade jetzt aufhöre. Ich merkte, dass ich das Feuer etwas verloren hatte und es schien mir aufrichtiger, etwas anderes zu machen. Ich habe immer einhundert Prozent gegeben und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich mein Feuer etwas verloren habe. Dann habe ich diese Agentur gegründet. Das war der zweite Traum meines Lebens. Ich hatte sofort großen Erfolg damit, weil viele Intendanten mich kannten und sie sagten, wenn der einen Sänger oder eine Sängerin empfiehlt, dann weiß man, dass die Qualität stimmt. Es gab sofort viele Vertragsabschlüsse für meine Sänger. Inzwischen sind wir auch ein größeres Team, wir sind fünf Leute. Alles entwickelt sich sehr gut. Ich habe Fachleute für die USA oder inzwischen auch für Dirigenten und das funktioniert sehr gut. Jetzt kann ich jungen Sängern auf ihrem Weg helfen und das gefällt mir auch sehr gut.

10.     Wie finden Sie die Sänger für Ihre Agentur?
Ich erlebe verschiedene Persönlichkeiten, einige habe ich wirklich ins Herz geschlossen. Man merkt, als Agent ist man fast wie ein Vater für die Sänger. Sie wollen auch über ihr Berufsleben sprechen und man ist wie ein Trainer und Vater zugleich. Natürlich kann ich mich gut in ihre Situation hineinversetzen, denn ich kenne vieles aus eigenem Erleben. Das Leben als Sänger ist nicht immer so einfach. Äußerlich betrachtet, sieht das erst mal sehr gut aus und viele sagen, die treten in tollen Kostümen auf und stehen auf der Bühne, aber es gibt natürlich auch Schattenseiten in dem Beruf. Sie bekommen quasi den Befehl eines Regisseurs für eine Rolle und müssen dann ihr Bestes geben. Sie sind dann auch Sklaven ihres Berufes und müssen Vorstellungen singen. Wenn sie nicht gut in Form sind, müssen sie das trotzdem auch machen, und das kann schon zu Problemen führen. Wenn ein Sänger stimmlich nicht gut ist, weil er gesundheitliche Probleme hat, dann gibt es wenig Mitleid und Verständnis mit ihm vom Publikum oder von den Kritikern. Darum zeige ich viel Verständnis und sage allen Sängern auch, dass sie das Recht haben in bestimmten Situationen auch einmal „Nein“ zu sagen. Viele Sänger wagen das gar nicht mehr, aber das ist auch eine Verantwortung für sich selbst. Niemand darf seine Stimme riskieren, darin bestärke ich sie auch.

11.    Sie haben vor einiger Zeit eine „Bayrische Opernakademie“ gegründet, was wollen Sie damit erreichen?
Sänger, die eine internationale Karriere anstreben, kommen in unsere Akademie. Wir proben dann verschiedene Arien, das dauert vier Tage und für den fünften Tag lade ich verschiedene Casting-Direktoren ein und dann können die Sänger sich präsentieren. Das klappt sehr gut. Viele Häuser schicken ihre Vertreter, von der Wiener Staatsoper bis Karlsruhe. Alle unsere monatlichen Workshops sind gut gebucht und die Rückmeldungen der Direktoren sind auch sehr gut. Viele sagen mir, so etwas brauchen wir wirklich, weil in den Musikhochschulen so etwas gar nicht angeboten wird.

12.    Was muss denn ein junger Sänger heute mitbringen, um in die Opernwelt einzusteigen?
Die jungen Sänger sollen natürlich eine gute Stimme haben, aber auch schauspielerisch versiert sein. Sie müssen sich auf der Bühne gut bewegen können und sie sollen musikalisch gut ausgebildet sein. Und ich stelle fest, es wird leider immer mehr auf das Aussehen geachtet. Die Opernhäuser und die Regisseure wünschen Sänger, die aussehen wie Hollywood-Filmstars. Wer nicht so passt, der hat es auch schwerer. Die Inszenierungen machen es den Molligeren schwer und es wird viel Fitness gefordert. Ich bin damit nicht immer einverstanden, denn ich finde, die Stimme sollte im Vordergrund stehen. Ich kenne inzwischen auch Regisseure, für die das Aussehen des Sängers wichtiger ist als die Stimme und das ist nicht mein Verständnis von Oper. Leider gibt es weniger Stellen für Sänger und auch weniger Chancen zum Vorsingen. Das war für mich auch ein Grund, die „Bayrische Opernakademie“ zu gründen. Also, wenn die Singer jeden Monat kommen, dann können sie zwölf Mal im Jahr vorsingen und ich kenne Sänger, die schaffen es nur ein Mal im Jahr zum einem Vorsingen eingeladen zu werden, manche sogar noch weniger. Da wollten wir eine Brücke mit der Opernakademie bauen. Von den zwölf Sängern, mit denen wir begonnen haben, konnten wir sechs schon in Engagements vermitteln. Das ist schon eine gut Quote. Wenn die Sänger sich selbst an einem Opernhaus bewerben, dann finden sie oft dreißig Mitbewerber vor, da sind die Chancen auf eine Rolle viel geringer. Über kurz oder lang werden wir auch für unsere anderen Teilnehmer die passende Rolle finden.

Kanttila_Othello
Kalle Kantilla als Otello

13.    Welche Rollen werden Sie noch singen?
Jetzt habe ich im Frühling Otello an der Kroatischen Nationaloper gesungen. Sie haben mich eingeladen, als Casting-Direktor für sie zu arbeiten und gefragt, ob ich einen Sänger für die Otello-Rolle wüsste. Dann habe ich gelacht und gesagt, die Rolle wollte ich schon seit längerer Zeit selbst mal singen. Der Direktor meinte: „Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Tenor sind.“ Ich beteuerte: „Doch, doch, ich bin ein Tenor“. Dann lernte ich die zwei schönen Arien und bin zum Vorsingen gefahren. Die Rückmeldung war überragend. Alle waren sehr berührt und ich sollte die Rolle bekommen. Dann dachte ich, jetzt mache ich das auch wirklich. Das war noch mal wie ein Traum für mich, wieder auf der Bühne als Sänger zu stehen und meine Traumrolle zu singen. Grundsätzlich kümmere ich mich aber um meine Sänger. Die sollen ja engagiert werden. Das war nur noch mal ein kurzer Ausflug in die Bühnenwelt.

14.    Sie sind in Finnland geboren und leben jetzt in Deutschland. Haben Sie Sehnsucht nach Ihrer Heimat?
Manchmal schon, meine Eltern und Geschwister leben dort, aber ich fühle mich mit meiner Frau sehr wohl in Niederbayern. Dort treffen wir auf sehr herzliche Leute. Es gibt natürlich überall freundliche Menschen, aber in Niederbayern waren sie wirklich sehr herzlich zu uns. Ich finde es sehr schön, dort zu leben. Finnen und Deutsche haben viele Gemeinsamkeiten und ich treffe überall in meinem Bereich Menschen, mit denen ich vertrauensvoll zusammenarbeiten kann und deswegen fühle ich mich auch sehr wohl in Deutschland.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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