Der Neue Merker

JULIE FUCHS: Ich will, dass man mich fordert

Fuchs (c) Solene Ballesta Face
Fotos: (c) Solene Ballesta

JULIE FUCHS

Ich will, dass man mich fordert

Trotz ihres deutschen Nachnamens ist Julie Fuchs Französin durch und durch, und mit einem „französischen“ Donizetti debutiert sie in Wien: Sie hat Ehrfurcht davor, als Marie in „La Fille du Regiment“ in die Fußstapfen der großen Natalie Dessay zu treten. Vorbilder hat sie allerdings keine – jeder muss auf seine Art seinen Weg machen, meint sie. Und es scheint, Julie Fuchs ist auf bestem Weg dazu

Das Gespräch führte Renate Wagner

Madame Fuchs, oder besser angesichts Ihrer strahlenden Jugend: Mademoiselle Fuchs, wie kommt eine so durch und durch französische Sängerin zu einem deutschen Namen?

Es liegt schon viele Generationen zurück, da gab es in unserer Familie schweizerische und auch österreichische Vorfahren, letztere sogar von Adel, und daher ist der Name „Fuchs“ geblieben. Mein Großvater, der in Paris lebt und kein Wort Deutsch spricht, hat unser Familienwappen mit einem Fuchs darin. Von mir glaubt jeder – Sie ja auch! -, dass ich Deutsch spreche, nach dem Motto: „Du bist ja in Zürich engagiert“. Ich war zwei Spielzeiten im Ensemble, habe aber immer nur zwei oder drei Produktionen gemacht, das reichte nicht, um Deutsch zu lernen. Glücklicherweise ist in den Opernhäusern Englisch eine Art von Umgangssprache.

Nun debutieren Sie in Wien.

Ja, das wurde schon vor einigen Jahren ausgemacht, noch vor der Operalia 2013, wo ich den zweiten Preis gewonnen habe. Ich durfte Dominique Meyer schon früher vorsingen, und wir haben die Marie in der „Fille du Regiment“ verabredet. Wobei ich natürlich froh bin, dass ich diese Rolle voriges Jahr schon in Lausanne singen konnte, um nicht hier, in der Wiener Staatsoper, ganz ohne Erfahrung damit anzutreten. Die Marie ist wirklich eine ziemlich komplexe Rolle, dieses fast grobschlächtige Naturkind zu Beginn, das sich dann in eine „Dame“ verbiegen lassen soll… Sie erfordert auch gewisse „sportive“ Eigenschaften, wenn man sie gut spielen will, sie ist recht bubenhaft im Gehabe und dann wieder so leicht und lyrisch im Gesang – und das ist eine Herausforderung, wie ich sie gerne mag. Bei der Erarbeitung hat mir übrigens meine Erfahrung mit der Eliza Doolittle, die ich in Metz gesungen habe, sehr geholfen: Es ist doch dieselbe Konstellation, die Figur macht im Grunde dieselbe Entwicklung durch.

Kennen Sie die Wiener Inszenierung der „Fille“ von Laurent Pelly?

Natürlich, wenn ich sie auch nur auf YouTube gesehen habe. Laurent Pelly ist ein wichtiger Regisseur für mich, voriges Jahr hatte ich mein Debut an der Pariser Oper in seiner „Platée“-Inszenierung, hier in Wien darf ich wieder in einer Pelly-Produktion debutieren. Mit ist schon klar, dass dieser Abend Natalie Dessay auf den Leib geschneidert wurde, ich muss also quasi in ihre Fußstapfen treten, und das ist eine Ehre. Ich bewundere sie sehr, auch wenn ich denke, jeder muss seinen eigenen Weg finden und einfach sehen, wohin er führt.

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Julie Fuchs als Marie / Foto: Wiener Staatsoper, Pöhn

Sie gelten als Sängerin, die aus der Provence kommt, aber Wikipedia verrät, dass Sie in Meaux, das ist nördlich von Paris, geboren sind?

Das stimmt, aber als ich fünf Jahre alt war, übersiedelte die Familie in die Provence, und dort bin ich und gehöre ich hin. Ich wohne in einem kleinen Ort, fünf Minuten von dem herrlichen Pont du Gard entfernt, und wann immer ich kann, kehre ich nach Hause zurück, was immer seltener ist, je dichter die Engagements werden. Aber so gern ich da bin – dann zieht es mich doch wieder weg, ich sehne mich nach neuen Orten, neuen Leuten, neuen Erfahrungen.

Und da wir Sie ja noch nicht kennen, erzählen Sie uns von Ihren Anfängen?

In Avignon habe ich zuerst Violine studiert, aber als ich in einen Chor kam, fühlte ich mich beim Singen unendlich wohl. Das war im Jahr 2000, ich war ein Teenager und ich hatte mich für den Chor nur beworben, um als Backup für die Sängerin Björk dabei zu sein, die damals nach Avignon kam, weil die Stadt gleichzeitig mit Reykjavik Kulturhauptstadt war…Und so bin ich ganz undramatisch zum Singen gekommen, habe mit Freunden und Kollegen beim Festival von Avignon auf den Straßen gesungen, und wir waren so erfolgreich, dass man uns auch anderswohin eingeladen hat. Aber es war meine Musiklehrerin, die mich regelrecht in den Beruf hineingeschoben hat, die mich ans Konservatorium in Paris schickte… und so begann es und ging Schritt für Schritt weiter. Ich habe auch immer wieder Musical gesungen, nicht nur die Eliza Doolittle, auch die Maria in „Sound of Music“, obwohl ich im Théâtre du Châtelet eigentlich für eines der Kinder vorgesungen hatte – und dann wurde es die Hauptrolle. Und dann kamen Wettbewerbe und Engagements.

Sie haben, bevor Sie dann an die Oper in Zürich kamen, bisher vor allem an kleineren französischen Opernhäusern gesungen und machen jetzt ihren Weg in die großen Häuser – die Pariser Oper, dann kam München mit der Musetta in der Schenk-Inszenierung von „La Boheme“, jetzt ist Wien an der Reihe, nächste Spielzeit das Teatro Real in Madrid mit „Lucio Silla“… Was auch auffällt, wenn man sich Ihre bisherigen Arbeiten ansieht, ist die Vielfalt – Sie singen alte Musik, Sie singen Moderne, viel Mozart dazwischen, Donizetti und Rossini, da fehlen einstweilen nur noch Verdi und Wagner…

Bei Verdi wünsche ich mir eines Tages – aber erst in vielen Jahren – die Traviata, bei Wagner würde es wohl nie mehr als ein Blumenmädchen werden, aber Sie haben Recht: Ich liebe es nicht nur, eine Sängerin zu sein, ich liebe es auch, so viele verschiedene Sachen wie möglich zu machen. Sowohl Rollen wie auch Inszenierungen. Natürlich gefällt einem nicht alles, was man auf der Bühne tun muss, aber für mich ist das Wichtigste, dass man mich fordert. Wenn etwas nur routinemäßig dahinplätschert – ehrlich, da könnte ich sterben vor Langweile.

Wenn Sie an weitere Rollen denken, was man ja in Ihrem Alter tun muss, was stellen Sie sich da vor?

Ich habe vor drei Jahren einmal, an einer sehr kleinen Bühne in Paris, die Zerbinetta gesungen, weil ich mir jedes Jahr ein kleines Projekt mit Freunden gebe, wo es nicht um Karriere geht, sondern nur darum, mit Leuten, die man mag, zusammen zu arbeiten. Aber eigentlich gehe ich einerseits in Richtung Belcanto, die Lucia di Lammermoor sollte schon einmal kommen und wird nachgeholt. Andererseits ist die Melisande meine Traumrolle, wobei mich da nicht nur die Musik fasziniert, sondern auch das Libretto, die Sprache, das Französische. Und wenn ich es eines Tages schaffe, die Tosca zu erreichen – ja, das wäre auch eine Traumrolle.

Apropos Französisch: Sie haben ja eine CD aufgenommen, die zwar den ganz unfranzösischen Titel „Yes“ trägt, aber vor allem „leichte“ französische Musik des 20. Jahrhunderts bringt – und Sie haben dafür sehr viel Beachtung geerntet.

Fuchs_2 (c) Solene Ballesta Zylinder

Ich weiß nicht, ob es in Österreich oder Deutschland auch so ist, aber bei uns in Frankreich wird streng getrennt – hier ist die ernsthafte Musik, die Oper, und dort ist das sozusagen „Minderwertige“, die musikalische Komödie, die leichte Muse. Dabei ist es genau das, was viele Leute so gerne hören. Ich hatte an der Opéra-Comique einen großen Erfolg in „Ciboulette“ von Reynaldo Hahn, einer Operette von 1923. Und da kam dann die Idee, als ich den Vertrag mit der Deutschen Grammophon bekam, dieses „Loch“ im Repertoire einmal abzudecken. Vor allem mit Operette, aber auch mit Poulenc und Ravel, ebenso mit Weill und Mackie Messer oder der „Veuve Joyeuse“, also der Lustigen Witwe, alles natürlich auf Französisch. Unter dem schönen Motto „Let’s have fun“.

Ich darf Sie hier in Wien in der Wohnung treffen, die Sie für die Zeit Ihres Aufenthalts gemietet haben, und da gibt es auch einen attraktiven jungen Mann. Das Leben besteht ja nicht nur aus dem Beruf, wobei der eines Opernsängers mit Reiseleben so fordernd und familienfeindlich ist wie wenige sonst. Wie bringt man das Privatleben und Karriere unter einen Hut?

Ich betrachte mich nicht als Operndiva, sondern als normale Frau, und ich möchte einen Partner und Kinder haben. Ich denke, genügend Kolleginnen haben vorgemacht, dass das geht.

Dann bleibt mir nur, Ihnen nicht nur für Ihre Karriere, sondern auch für Ihr Privatleben das Allerbeste zu wünschen.

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