Der Neue Merker

JULIA FISCHER, DANIEL MÜLLER SCHOTT: Duo Sessions

fischer-schrott kl JULIA FISCHER, DANIEL MÜLLER SCHOTT: Duo Sessions – ORFEO CD – Werke für Violine und Cello von Kodály, Schulhoff, Ravel und Halvorsen – VÖ: 12.8.

Eine rundum geglücktes Album. Sowohl das hochinteressante Programm mit Kompositionen Ende 19., Beginn 20. Jhdt. als auch das traumwandlerisch schöne, fein auf einander abgestimmte und hinreißend tief empfundene Spiel der beiden Solisten machen diese CD zu einer der gelungensten Neuerscheinungen der letzten Monate. Das Duo für Violine und Violoncello Op. 7 von Zoltán Kodály, geschrieben im vorarlbergischen Feldkirch, ist ein berührendes Stück mit der Kodály ganz ureigenen Mischung aus Volks- und Kunstmusik. Wie sehr die damals junge Kombination aus Cello und Violine ganz neue Möglichkeiten des kammermusikalischen Miteinander schafft, ist hier exemplarisch nachzuhören. Auch bei technisch, harmonisch und rhythmisch anspruchsvollsten Passagen behalten die beiden Künstler Kantabilität bei, das In- und Zueinander der Stimmen geht vor virtuose Schaustellung, Ausdruck vor vordergründiger Brillanz. Julia Fischer spricht im Interview von einer Kodály-Methode in der Kinderpädagogik, die auf Gesang beruht. Genau dieses Element hebt gemeinsam mit einer guten Portion Humor das musikalische Ergebnis von anderen Künstlern ab. Der erdig-üppige Klang des „Ex Shapiro“ Cellos von Matteo Goffriler (Venedig 1727) bietet eine ideale Grundlage, um die Violine wie auf Händen zu tragen und auch schräge Dissonanzen dramaturgisch und klanglich-organisch in den Erzählfluss einzubetten.

Erwin Schulhoff hat sein viersätziges Duo für Violine und Violoncello 1925 geschrieben und Leos Janacek gewidmet. Der Prager Neuerer interessierte sich für Dadaismus, Jazz, die Wiener Schule sowie die Strömungen des Impressionismus und Expressionismus gleichermaßen. Auch Werke des Neoklassizismus war ihm durchaus geläufig. In seinem Duo lässt er ähnlich wie Kodály Folkloristisch-Tänzerisches in eine vitale, beinahe ekstatisch Klangvision münden. Ganz außerordentlich, wie Fischer und Müller-Schott die Essenz aus den Noten destillieren und eine Atmosphäre schaffen, die einen unmittelbaren und spontanen Zugang zu diesem bisweilen auch stilistisch nicht einfach zu fassenden Werk erlaubt.

Dass die Sonate für Violine und Violincello (1922) von Maurice Ravel, gewidmet Claude Debussy, zu Protesten ob zu großer Komplexität nach der Uraufführung in Paris geführt hat, kann sich heute keiner mehr vorstellen. Allerdings ist die Komposition äußerst dicht gewoben, die stoffliche Schönheit und Kraft leuchtet durch das Spiel Fischers und Müller-Schotts in gedämpften Farben wie aus einem alten Gobelin in den Raum. Ravel hat mit dieser Sonate ein Meisterwerk geschrieben, dessen klanglich-schöpferischer Reichtum auch heute noch fasziniert. Der Hörer könnte glauben, einem Akt spielerisch anmutender Improvisation beizuwohnen, so sehr ist den Solisten das Werk zu Eigen geworden. Als Drüberstreuer gibt es am Ende des CD Johan Halvorsens Passacaglia nach Musik von Georg Friedrich Händel.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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