Der Neue Merker

John Neumeiers »LE SACRE«: »Opfer sind wir alle«

Zu Igor Strawinskis Le Sacre in der Choreographie John Neumeiers
an der Wiener Staatsoper

Wiener Staatsballett
John Neumeier: »LE PAVILLON D’ARMIDE« und »LE SACRE«
Musik von Nikolai Tscherepnin und Igor Strawinski
Besetzung: Michael BoderRebecca Horner, Ioanna Avraam und Francesco Costa, Alice Firenze, Eszter Ledán, Eno Peci und Masayu Kimoto
Vorstellungen am 19. [Première] und 20. Feber sowie am 10., 13. und 16. März 2017

John Neumeiers 'Le Sacre': Victor Hughes vom Hamburg Ballett probt mit Francesco Costa © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

John Neumeiers »Le Sacre«: Victor Hughes vom Hamburg Ballett probt mit Francesco Costa
© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

I.
Im Publikumsgespräch Mitte Dezember 2016 kündigte Direktor Dominique Meyer an, daß sich Manuel Legris mit dem Wiener Staatsballett nach den Nurejew-Choreographien den Ballets Russes widmen werde. Deren wichtigstes sei Le Sacre du printemps.

Der Erfolg, welchen John Neumeier mit seinen Balletten Verklungene Feste und der Neufassung der Josephs Legende in den Interpretationen des Wiener Staatsballetts erzielen konnte, war für Manuel Legris Anlaß, den Choreographen erneut einzuladen. Der Abend mit Le Pavillon d’Armide und Le Sacre sind das Ergebnis. Première ist am 19. Feber 2017.

II.
Der Skandal bei der Uraufführung von Le Sacre du printemps am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées ging in die Geschichte ein. Alfred Capus, Kritiker von »Le Figaro«, bemerkte süffisant: »[…] Die Russen, die nicht besonders vertraut mit dem Anstand und den Gepflogenheiten der Länder sind, die sie besuchen, wußten nicht, daß die Franzosen ohne weiteres anfangen zu protestieren, wenn die Dummheit ihren Tiefstpunkt erreicht hat.« Die Ballets Russes von Sergej Diaghilev und seinem Choreographen Vaslaw Nijinsky (in ursprünglicher, polnischer Schreibweise eigentlich: Wacław Niżyński) hatten ihren Skandal. Auch Igor Strawinski, der Komponist des 35 Minuten währenden Werkes, beschuldigte Nijinsky, Le Sacre choreographisch nicht bewältigt zu haben.

III.
Sowohl Dominique Meyer als auch John Neumeier vertreten die Ansicht, daß der seinerzeitige Pariser Skandal »gemacht« wurde, von langer Hand vorbereitet war. Neumeier erzählt in einem Video-Interview auch, daß er im Besitz diesbezüglicher Briefe von Ballett-Fans ist.

IV.
Der Choreograph, am 24. Feber 1942 in Milwaukee, Wisconsin, geboren, hatte Vaslaw Nijinsky bereits als Elfjähriger nach der Lektüre des Buches The Tragedy of Nijinsky von Anatole Bourman für sich entdeckt. Zeit seines Lebens zeigte sich Neumeier von diesem »ersten Superstar des Balletts« fasziniert. Mehrere Arbeiten — Vaslaw, Nijinsky,  Le Pavillon d’Armide — geben Zeugnis davon, haben die Persönlichkeit Nijinskys, welcher Neumeier zufolge als erster Ballettänzer die große Fähigkeit besessen haben soll, sich zu verwandeln, zum Thema.

V.
1972 stellte Neumeier seine Fassung des Sacre-Stoffes in Frankfurt vor. Sein bis heute gültiges, choreographisches  Konzept ist, daß »wir alle im Sinne und Gedanken des Ersten Weltkrieges« Opfer sind — getreu den Worten Nijinskys vor seinem letzten Auftritt am 19 Jänner 1919: »Jetzt werde ich in den Krieg tanzen.« Nach der ersten Durchlaufprobe in Frankfurt am 22. November 1972 hatte Neumeier in Bemerkungen an die Compagnie sein nicht nur für Le Sacre gültiges, künstlerisches Credo festgehalten: »Eure Körper sprechen nun den ›Text‹ von Le Sacre, und jetzt müßt Ihr mir auch erzählen, worum es geht! Körper können nicht lügen — es wird klar, wenn Dein Körper Wahrheiten erzählt und wann es nur Effekt ist!«

VI.
Le Sacre (du printemps) stand bisher in den Jahren 1968 bis 1971 insgesamt zwölf Mal in der Choreographie von Waclaw Orlikowsky (eigentlich: Grigori Podlesny, 1921—1995) sowie ab April 1996 bis in die frühen 2000-er Jahre — gemeinsam mit Symphony und Movements — in einer Choreographie Renato Zanellas auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper.

VII.
John Neumeiers Fassung entstand unabhängig von jener Vaslaw Nijinskys und stellte zur Zeit ihrer Uraufführung einen — ja, nicht nur unbequemen, sondern auch schockierenden — Kommentar zu den Zeitläuften dar. Die Première des Wiener Staatsballetts verspricht eine überfällige Wiener Erstbegegnung mit Neumeiers Sicht auf jenes »apokalyptische Stück«, welches auch 2017 nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Korrektur: Eine frühere Version des Artikels ging auf Grund der verfügbaren Daten im Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper davon aus, daß Le Sacre du printemps bisher nur zwölfmal an der Wiener Staatsoper zu sehen war. Diese Information wurde nach einem Hinweis aus dem Leserkreis und der Bestätigung des Pressebüros korrigiert.

Thomas Prochazka
MerkerOnline
14. Feber 2017

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