Johannes Brahms: STREICHQUINTETTE

by R.Wagner | 13. Dezember 2016 20:18

4022Brahms

Johannes Brahms: STREICHQUINTETTE
Mandelring Quartett

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Die beiden Streichquintette in F-Dur, Op. 88 und in G-Dur, op. 111 sind reife Kompositionen des norddeutschen Meisters, die vom Schaffenszeitraum die dritte und vieret Symphonie einrahmen. Im Gegensatz zu Schubert wird in Brahms‘ Quintetten nicht das Cello verdoppelt, sondern die Viola. Das gibt den Werken den Charakter komplexer Serenaden, dicht gewobener Reminiszenzen und leichtfüßiger Ahnungen an Richard Strauss künftigen verästelt-schwadronierenden silbrigen Stil. 

Das erste Quintett fasst alles Überlieferte und Dazugewonnene vom Bach‘schen Kontrapunkt über Beethoven, Mendelssohn und Schumann in einer heiteren Apotheose zusammen. Das Mandelring Quartett und Roland Glassl (2. Viola) lassen die Strukturen seidig, die Stimmgeflechte gleißen und frei ihren Sog entwickeln. Die Segel lüften sie nicht allzu sehr über den Wogen stilisiert liedhafter Themen oder komplexer Tanzformen wie Sarabande oder Gavotte. Das Allegro energico und Presto als krönender Abschluss des Op. 88 lassen die Mandelrings aufschäumen wie die Gischt im mondbewegten Meer. Für mich eine unglaubliche Hommage an die Natur und die den Menschen in sie projizierenden Harmonien, ohne freilich das Geheimnis im Dickicht an thematischem Ineinander, die eng verschlungenen Pfade in eine ungewisse aber zukunftsfrohe Zukunft preiszugeben. 

Wie sein Vorgänger stellt auch das G-Dur Quintett schon von der Länge (knapp 30 Minuten) keinen symphonischen Ersatz dar, es ist kondensierte Kammermusik vom Allerfeinsten. Auch wenn Max Kalbeck meinte, dass das Anfangsthema aus Skizzen für eine fünfte Symphonie stamme, beschreitet Brahms mit diesem fabulösen  Werk blühende Klangfelder voller Lyrik im schon verhangenen Abendlicht. Zu diesen indirekten „Spiegeleffekten“ vermeint man auch die  Musiker gedämpftere Farben aufgreifen zu hören. In alle Brillanz des Dargebotenen mischt sich immer wieder ein melancholischer Schatten. Zu diesen Tänzen will keiner mehr das Bein heben, nur noch ihren Nachhall genießen wie dunklen Wein.  Das Mandelring Quartett ist der bestmögliche Anwalt dieser Musik. Das Chiaroscuro der Stimmungen, Licht und Schatten vermögen die Musiker in einen unendlichen Fluss der sich entwickelnden Motive, in ein changierendes Wunder an Farben tauchen. Großartig!

Dr. Ingobert Waltenberger

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