Der Neue Merker

JOHANNES BRAHMS: CELLOSONATEN, DUO LEONORE

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JOHANNES BRAHMS: CELLOSONATEN, DUO LEONORE, Solo Musica CD

Von der Tugend des Dialogs

Veröffentlichung: 13. Oktober 2017

In Zeiten der schamlos eitlen Selbstdarstellung, einer hypertrophen Handy- und Selfiesucht, populistischer Phrasendrescherei, der rückwärtsgewandten Nationalismen und des globalen bedrohlichen (verbalen) Wettrüstens dürfen wieder einmal grundsätzlich die hohen Qualitäten des Miteinander, des komplexen gegenseitigen Austausches und einander Zuhörens angemahnt werden. Welche Kunstgattung  – wenn nicht die Kammermusik – ist des Tugenden bester Zeuge und beredtester Anwalt?

Am Beispiel des seit 20 Jahren bestens eingespielten Duos Leonore, einer Schweizer-schwedischen Erfolgsformation, kann nun konkret anhand der beiden Sonaten für Cello und Klavier von Johannes Brahms in e-Moll, Op. 38 und F-Dur, op. 99, nachvollzogen werden, wie sehr ein echter Dialog, eine tiefe Partnerschaft Großartiges an diskursivem musikalischem Wechselspiel und final emotionaler Aussöhnung bloß mit dem leidenschaftlichen Spiel zweier Instrumente erreicht werden kann. Maja Weber auf ihrer rauchig erdig klingenden Stradivari „Bonamy Dobree-Suggia“ und Per Lundberg auf dem Klavier haben sich nach der viel beachteten Einspielung der Beethovenschen Cellosonaten nunmehr den anspruchsvollen Pendants von Johannes Brahms zugewandt. 

Sei es das hoffnungsfrohe sanglich sich Umrunden und Umschlingen im Allegro non troppo, das tänzerische Menuett oder die rasanten kontrapunktischen Finessen (das Thema folgt Bachs Contrapunctus 13 aus der Kunst der Fuge) der ersten Sonate, auf all dies kompositorische Raffinement weiß das Duo Leonore mit einem eigenen, höchstpersönlichen Ton zu antworten. Die ansteckende Freude, Themen und deren Fortentwicklung nachzuspüren, sich in Argumente und Gegenthesen zu verstricken, sie auszuformulieren oder nur anzudeuten, lässt diese CD zum hohen Hörvergnügen werden. 

Selbstverständlich bildet die zweite, reife, 20 Jahre später entstandene zweite Cellosonate den Höhepunkt des Albums. Galt das nun viersätzigen Werk (in der ersten Sonate fehlt das Adagio) noch Jahrzehnte nach der Entstehung als „ungenießbar“, so darf man sich nun getrost zurücklehnen und das herrlich komplexe wie „notenreiche“ Werk wie ein (oder auch zwei) Glas edlen Burgunder genießen. Die reich abgestufte innere Dynamik, das rauschhaft Orchestrale, den Überschwang, die zärtliche Note im Adagio und das gleichberechtigte Miteinander von Cello und Klavier vermag das Duo Leonore auf unvergleichliche Art in Ton zu gießen und neu zu beleben. Eine klare Empfehlung und als Kur gerade auch für jene, die bislang kurioserweise dachten, das eigene Ego sei der eisumwehte Gipfel der Schöpfung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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