Der Neue Merker

Johann Strauss jr. – DER ZIGEUNERBARON

 Zig kl. Johann Strauss jr. – DER ZIGEUNERBARON – Live Aufnahme mit der NDR Radiophilharmonie & NDR Chor unter Lawrence Foster – PENTATONE 2 SACDs – „Frisch und wohlgemut, das liegt in unser’m Blut, wo’s losgeht, hei, sind wir dabei, die Losung: Kurz und gut!“ = Einzugsmarsch 

Endlich wieder einmal Operette, schwungvoll und voller animo musiziert, überwiegend herrlich gesungen, und in Premium Sound aufgenommen. Bei diesem im Mai 2015 im Großen Sendesaal des NDR Hannover aufgenommenen „Schlachtross der Goldenen Wiener Operettenära“ kommen aber auch Wortwitz und der große Opernton nicht zu kurz. Für Ersteres sorgt schon der unverwüstliche und mit einzigartigem Schluchzer deklamierende Heinz Zednik als königlicher Kommissar Conte Carnero. Für den ausladend üppigen Ton und den „scharfen Paprika“ ist der mit der Wiener Musiktradition bestens vertraute Dirigent Lawrence Fosterverantwortlich. Diese Interpretation läuft zwar der maßstabsetzenden Harnoncourtschen Lesart mit hoher orchestraler Transparenz und scharfer Dynamik diametral zuwider, bietet aber allemal (vor allem in den Finalsätzen) saftig kulinarisches Musiktheater, einen opernhaften Ohrenschmaus sozusagen, der auch durchwegs den sehr guten lyrisch bis heldisch singenden Solisten geschuldet ist.

Nikolai Schukoff als Heimkehrer Sándor Barinkay tritt erfolgreich in die Fußstapfen eines Rudolf Schock, René Kollo oder Siegfried Jerusalem, allesamt wandlungsfähige und im dramatischen Fach erfolgreiche Tenöre, die bei Wagner ebenso gute Figur machten wie bei J. Strauss. Schukoff wird auch bei der demnächst erscheinenden Gesamtaufnahme von Giuditta (cpo) unter Ulf Schirmer mitwirken. Sein ein wenig exotisch-slawisches Timbre, der enorme Höhenstrahl und die hohe Identifikationskraft passen vorzüglich zu diesem Luftikus der Operettenliteratur, dieser Schatzsucher und auf freiem Felde von allerlei Vogelgetier der Saffi angetraute Feschak. Diese wiederum wird von der Spezialistin für zeitgenössische Musik, Claudia Barainsky, gesungen. Die Stimme ist dramatisch, in der Höhe gut fokussiert, verfügt aber meinem Geschmack nach nicht (mehr) über die nötige Geschmeidigkeit, Leichtigkeit, eine ruhig geführte Mittellage und den gewissen Silberstrahl, alles Eigenschaften, die eine „standesgemäße“ Operettendiva ausmachen. Auf der Habenseite stehen die Ensembles, wo Barainsky spielend rüberkommt. Als ideal kann die Besetzung der Arsena mit Jasmina Sakr gelten. Mit glockenklarem koloratursicherem Sopran singt sie frech und keck die Tochter des Zigeunerbarons Kálmán Zsupán. Dieses das Borstenvieh und Schweinespeck preisende „Original aus der Monarchie“ wird vonJochen Schmeckenbecher mit einer gehörigen Portion Väterlichkeit sympathisch jovial verkörpert. Renate Pitscheider darf als Mirabella ihren in den Kriegswirren verlorenen Gatten, den „schrägen“ Conte Cornaro, wiederfinden. Eine wahre Luxusbesetzung für die kurze, aber politisch wichtige Rolle des Grafen Homonay als Soldatenwerber (für den öst. Erbfolgekrieg) ist Markus Brück mit markantem (Helden-)Bariton. Als Saffis Pflegemutter Csipra orgelt Khatuna Mikaberidze mit mütterlicher Emphase. Im Duett mit Barinkay darf sie singen: „Wonnig und süß tönt ihr Sang, wonnig umrauscht ihn ihr Klang.“

A propos Klang: Beim NDR-Chor würde man nicht lange zögern, den „Hochzeitskuchen zu versuchen.“ Ja, das alles auf Ehr, das kann dieser Chor und noch mehr…

Das Zauberwort dieser Produktion heißt jedoch Stimmung, die sich großartig auch im bloßen Tondokument überträgt. Selbst das Autofahren am sog. Weißen Sonntag für einen Ausflug nach Brandenburg war dank dieser Aufnahme kurzweilig und das reinste Vergnügen…..

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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