Johann Sebastian Bach: DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER I

by R.Wagner | 4. Januar 2017 18:38

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Johann Sebastian Bach: DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER I,
Annhelena Schlüter –
hänssler Classic 2 CDs

Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre

Die deutsch-schwedische Pianistin Annhelena Schlüter hat einen ganz eigenen Zugang zur Musik Johann Sebastian Bachs gefunden. Im Steinwayhaus Michael Fiech in Leipzig (CD1) und im Steinwayhaus Matthias Kunze in Schwerin (CD 2) aufgenommen, ist das WTK I nach den Goldberg Variationen und der Kunst der Fuge die dritte Bach-Interpretation Schlüters auf Tonträgern. Schlüter bewundert Bachs Leidenschaft, Fleiß, Konsequenz und Hartnäckigkeit; seine außergewöhnliche Gabe und Berufung, die Fuge und die Chromatik, bis zum letzten Atemzug seines Lebens ins Vollkommene zu heben und diese Kraft Gott zurückzugeben und seine Gaben ihm zu widmen, nicht sich selbst zu ehren.

Schlüters Ansatz überzeugt: Bei aller Klarheit und Brillanz des Spiels ist gerade der poetische spirituelle Ansatz in jedem Ton zu spüren. Zupackend ist ihr Spiel, mit Lust an der „improvisatorischen“ Seite, konkret die Fugen artikulierend und hingebungsvoll die Stimmungen auskostend. Diese Annäherung kennt kein Entweder-Oder, kein Folgen einer bestimmten Schule oder einem einzigen Vorbild. Schlüter macht Bachs wunderbare Sammlung von jeweils zwei mal 12 Präludien und Fugen im ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers als universelle Erfahrung erlebbar. Das Tänzerische, perlende Schwingen, das virtuos Fröhliche, das Würdige, das Königliche, das Hineinhorchende, Pochende, bukolische-Leuchtende, das Resignierende und die Trauer, Licht und Schatten, das Beschauliche, freudig-Tastende, flächig-Fließende, das Orchestrale, die Seufzer, das Pastorale – es ist alles gleichzeitig da, auch wenn es gerade nicht im artikulatorischen Mittelpunkt steht. Jeder Moment im Vorwärtsschreiten darf auch ein Erinnern sein, ein Rückbesinnen in die Zukunft gleichsam.

Lassen wir noch einmal die ebenso hochbegabte Lyrikerin Schlüter zu Wort kommen, die die Musik Bach selbst so unvergleichlich beschreibt, wie sie sie spielt: „Wie schlicht und majestätisch leuchtet dieser Zyklus, nirgends aufgebläht – eine zärtliche, federnde Einladung, zu entspannen und zu verstehen. Bachs Musik ist wie ein Kompass, ein Knotenpunkt des Lebens, von wo aus wir immer wieder neue Richtungen einschlagen können mit der Gewissheit, wo wir herkommen, wer wir sind und wohin wir einmal gehen werden.“

Schlüter justiert diesen Kompass stets neu und unerwartet. Der Hörer folgt ihr gerne und lässt sich einfach forttragen, unternimmt diese Zeitreise abseits des Alltags und ist schon dadurch reich belohnt, diese herrliche Musik wieder neu entdeckt zu haben.

Dr. Ingobert Waltenberger

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