Der Neue Merker

JOHANN NESTROY UND DIE MUSIK

Zum 150. Todestag von Johann Nestroy:

JOHANN NESTROY UND DIE MUSIK

Der Musik ein Leben lang treu geblieben

 Johann Nestroy, der vor 150 Jahren am 25. Mai 1862 starb, ist der Nachwelt vor allem als Dramatiker bekannt, von dem man weiß, dass er auch ein weit über die Stadt Wien hinaus berühmter Schauspieler war. Doch das war zweifellos nicht das erste Lebensziel des jungen Mannes. Zielstrebig peilte er eine Karriere an, die er auch unter ziemlich günstigen Auspizien begann: Er wurde Opernsänger. Bassist bzw. Bassbariton. Es war immerhin das renommierte Wiener Kärtnertortheater, auf dem er erstmals Opernbretter betrat. Und dann kam doch alles anders…

 Von Renate Wagner

 1801 regiert in Österreich Kaiser Franz II., der Enkel Maria Theresias. Mit dem Frieden von Luneville kann er die Napoleonischen Kriege nur kurzfristig unterbrechen. Trotz der permanenten Kriege herrscht in Wien reges kulturelles Leben – von Beethoven wird sein erstes Klavierkonzert uraufgeführt. Emanuel Schikaneder eröffnet „sein“ neu erbautes Theater an der Wien. Und am 7. Dezember 1801 kommt in der Bräunerstraße 6 Johann Nepomuk Nestroy zur Welt.

Sein Vater ist ein „Zugereister“ aus Schlesien, der in Wien Jus studiert hat und sein Auskommen als Hof- und Gerichtsadvokat findet. Seine Mutter Magdalena, geborene Constantin, stammt aus einer wohlhabenden eingesessenen Familie. Johann ist der zweite Sohn unter acht Geschwistern, von denen drei früh sterben. Johann ist sehr musikalisch, und der Musikunterricht damals so profund, wie man es sich heute – wo er in nicht-spezialisierten Schulen meist nur ganz nebenbei betrieben wird – gar nicht mehr vorstellen kann. Aber das Talent des jungen Johann muss doch ungewöhnlich gewesen sein, sonst tritt man nicht schon als 13jähriger Klavierspieler öffentlich auf.

Aus Familientradition soll Johann Nestroy Jurist werden, er beginnt auch Ende 1816 das Studium an der Juridischen Fakultät, aber bald taucht sein Name bei Aktivitäten auf, die nichts mit der Universität zu tun haben. Wo genau er Gesang studiert hat, ist nicht belegt, aber die Nestroy-Forschung vermutet, dass er Schüler des 1817 gegründeten Konservatoriums war. 1818, schon kurz vor seinem 17. Geburtstag, findet man ihn als Mitwirkenden bei Konzerten, die damals „Musikalische Abendunterhaltungen“ genannt werden.  Nestroy ist offenbar Mitglied eines Männerquartetts, und damals hat er sich zweifellos in denselben Kreisen bewegt wie Franz Schubert. Und damit auch in jenen, die ein Mann frequentierte, den Nestroy vermutlich selbst nie persönlich kennen gelernt hat: Franz Grillparzer. In den Salons von dessen Onkeln (der Familie Sonnleithner) finden Hauskonzerte statt, für die Schubert seine Gesangsstücke schreibt, und zumindest zwei der für Grillparzer so wichtigen vier Schwestern Fröhlich müssen Nestroys Weg gekreuzt haben – Anna Fröhlich, die junge Sängerinnen unterrichtete, und Josefine Fröhlich, die eine einigermaßen bekannte Opernsängerin (einmal auch mit einem Engagement nach Mailand) wurde.

Von Nestroy heißt es jedenfalls, als er später am Kärntnertortheater debutiert, in einer Kritik, dass der junge Mann schon vielfach von „Liebhaberaufführungen“ bekannt sei. Tatsächlich hat er auch schon semi-professionell gesungen, darunter im Dezember 1818 (einen Tag nach seinem 17. Geburtstag) im Redoutensaal in Händels Oratorium „Timotheus“ (das wir heute unter dem Titel „Alexanderfest“ kennen). Als „Nestrui“ oder „Nestruy“, „Nestri“ oder „Nestroi“ liest man den Namen immer wieder in diesen allerersten Anfängen – der „Nestroy“ als Markenzeichen ist noch nicht geboren.

Wie kommt Nestroy nun als Sänger an das Kärntnertortheater, das zweifellos das Ziel seiner Wünsche darstellen muss? Nun, er kennt von seinen Auftritten im Schubert-Kreis sicherlich Johann Michael Vogl, Hofopernsänger am Theater am Kärntnertor und als Bariton vor allem ein wichtiger Mozart-Interpret. Und er ist möglicherweise auch Joseph Weigl begegnet, dem vielseitigen Singspielkomponisten, in dessen erfolgreicher „Schweizerfamilie“ er selbst später zwei verschiedene Rollen verkörpern wird. Weigl ist damals als Theaterkapellmeister am Kärntnertortheater ein entscheidender Mann, wenn man zu Domenico Barbaja vordringen will, dem berüchtigten italienischen Impresario, der ab 1821 das Wiener Haus (gleichzeitig mit dem Teatro San Carlo in Neapel, später dann auch der Scala) leitet (und sein Vermögen nicht nur mit Oper, sondern auch mit Munitionshandel in den Napoleonischen Kriegen macht).

Es gibt viele Geschichten aus Nestroys Leben, und eine berichtet, dass Madame Katharina Zwettlinger, Gattin eines einflussreichen Notariatssekretärs, ihre uneheliche Tochter Wilhelmine (die den Namen „von Nespiesny“ trägt, obwohl ihr Vater ein Graf Zichy gewesen sein soll) unter die Haube bringen will. Und zwar mit dem jungen, gut aussehenden Johann Nestroy, der dazu allerdings einen Job braucht, wie wir heute sagen würden. Das, was man in Wien „Protektion“ nennt, ist wahrlich keine neue Erfindung – das Räderwerk der Vermittlung läuft alle Zeiten wie geschmiert.

Ein Bekannter der Familie, der einflussreiche Josef Karl Rosenbaum (der 1809 Hauptbeteiligter am Raub von Haydns Schädel war!), wird eingespannt. Der wohlhabende Privatier, der offenbar lukrativ bei den Esterhazys gedient hat, Gott und die Welt kennt und der Theaterwissenschaft dankenswerterweise seine Tagebücher hinterlassen hat, ist zwar von den Kuppelei-Versuchen der Madame Zwettlinger gar nicht angetan, aber er vermittelt offenbar Nestroys Vorsingen bei Weigl. Johann Michael Vogl ist eben erst in Pension gegangen, und das Haus braucht eine weitere dunkle Stimme.  Auch das wird ein Grund für Weigl Empfehlung gewesen sein, dass der junge Nestroy „auf Engagement“ in der Oper singen darf. Das bedeutet, dass man ihn an Ort und Stelle ausprobiert – und er nur engagiert wird, wenn er Publikum und Intendanz gefällt. Das stellt ein solches Debut (in Nestroys Fall sind es vier Abende, bis er tatsächlich seinen Kontrakt bekommt) unter erheblichen Druck. Kein Wunder, dass er nervös ist.

 Man gibt Nestroy keine kleine Rolle, man sieht ihn sich gleich richtig an: Am 24. August 1822, er ist 20 Jahre alt (!), gibt er den weisen alten Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“. Auf dem Theaterzettel des Abends ist zu lesen: „Herr Nestroy wird in der Rolle des Sarastro seinen ersten theatralischen Versuch wagen, und empfiehlt sich der Nachsicht des Publikums“.

Die Kritiken vermerken, dass er gut aussieht („jugendlich kräftige Gestalt und gefällige Bildung“), aber auch, dass die Stimme in der Höhe schön und biegsam, in der Tiefe dagegen etwas kraftlos ist. Spätere Rollen zeigen, dass Nestroy eher ein Bassbariton ist – und wahrscheinlich eine gute Durchschnittsstimme hat, aber keine, mit der man eine große Karriere machen könnte.

Bei seinem ersten Auftreten ist er unsicher, man merkt es, er hat noch keine Bühnenroutine, gestikuliert hilflos und daher zu stark. Aber seine Freunde finden  sich natürlich auf der Galerie im fünften Stockwerk des Hauses ein, bilden eine private „Claque“ und überschütten ihn mit Beifall. Damals ist es noch üblich, dass Sänger (und Schauspieler), die für einen Solovorhang herausgerufen werden, sich bedanken dürfen. Nestroy sagt, wie man erfährt: „In diesen heiligen Hallen herrschet Nachsicht und Gnade.“

Nestroy, der zu diesem Anlass seines Debuts stolz damit beginnt, Listen über seine Auftreten zu führen (er hält es allerdings nicht sein Leben lang durch – es wird einfach zu viel, wenn er später als Schauspieler oft Abend für Abend auf der Bühne steht), verzeichnet, dass er als „zweites Debut“ am 31. August 1822  noch mal den Sarastro singt und „am Schlusse hervogeruffen“ wird, am 3. September 1822 als drittes Debut Sargines Vater in „Sargine“ von Ferdinando Paer gibt, schließlich am 21. September 1822 als viertes Debut den Kurt in „Raoul der Blaubart“ von A.E.M. Gretry.

Als er am 8. Oktober wieder den Kurt singt, als seine fünfte Aufführung am Haus, vermerkt er: „Ich hatte unter dieser Zeit mit Barbaja Contract geschlossen für 2 Jahre das erste für einen Gehalt von 600 fl.C.M., das zweite für 1000 fl C.M. und trat diesmahl zum erstenmahl als engagiertes Mitglied auf.“

Die 600 Gulden „Conventionsmünze“ (nach den Kriegen war eine Währungsreform von der „Wiener Währung“ zur „C.M.“ erfolgt – im Verhältnis von 250 Gulden W.W. gleich 100 Gulden CM) reichen jedenfalls nicht zum Heiraten. Aber das ist wohl nicht der Grund, dass Nestroy nur ein Jahr im Haus bleibt – vielmehr dürfte es seinen Ehrgeiz nicht befriedigt haben, dass er nicht in die erste Reihe der Ensemblemitglieder vordringen kann. Eine seiner Kolleginnen beispielsweise, mit der er auf der Bühne steht, Caroline Unger, bringt es auf den Opernbühnen zu Weltruhm, wird von Barbaja nach Italien mitgenommen und später an derScalabei der Uraufführung die „Straniera“ von Bellini singen… Nestroy hat keine Chance, mit seiner Stimme den Sprung auf die großen Bühnen Italiens zu schaffen.

Es gibt viel Interessantes zu vermerken in diesem Jahr, das Nestroy im Kärntnertortheater verbringt (und auch gelegentlich im damals gleichfalls von Barbaja geleiteten Theater an der Wien singt, das später der Ort seiner Triumphe als Autor und Schauspieler wird). Er verkörpert in dieser Zeit zehn verschiedene Rollen, und wir kennen von den acht Komponisten, in deren Werken er auftritt, nur noch drei (!). Mozart natürlich. Dann Beethoven und schließlich Rossini. Gretry und Paer sind ebenso aus dem Spielplänen verschwunden wie Franz Schoberlechner, Adalbert Gyrowetz oder Pierre Gaveaux (der immerhin noch vor Beethoven eine „ Léonore ou l’Amour conjugal“ nach Jean-Nicolas Bouilly  schuf).

Im Laufe seiner Opernkarriere, die er noch in Amsterdam, in Brünn und in Graz fortsetzen wird, bis er 1831 endgültig und über Jahrzehnte ausschließlich zum Theaterschauspieler mutiert, werden noch viele halb und ganz vergessene Komponistennamen den Weg dieses unglaublich fleißigen Johann Nestroy kreuzen, der auch die Gabe hat, sehr schnell zu lernen: Den Douglas in „Das Fräulein See“ übernimmt er in wenigen Tagen und nach nur einer Probe.

Dieses See-Fräulein ist die heute noch einigermaßen bekannte „Donna del Lago“ des Gioacchino Rossini, jenes Künstlers, dessen Ruhm in und außerhalb Italiens mit Barbajas Impresario-Künsten (und Einnahmen) eng verbunden ist und von dem Nestroy nicht weniger als 15 verschiedene Partien in 10 verschiedenen Opern singen wird. Darunter den Figaro und den Basilio (!) im „Barbier von Sevilla“, den Dandini und den Montefiascone (!) in „La Cenerentola“, damals „Aschenbrödel“ genannt, den Mustafa in der „Italienerin von Algier“.

Bei Mozart wird er Don Giovanni und Masetto sein, Figaro und Graf Almaviva, Sarastro und Papageno, Publius und Annius und, weil er früh auch seine Eignung im Sprechstück unter Beweis stellt, der Bassa Selim. Was Werke und Rollen betrifft, die wir noch kennen, findet sich bei 368 Auftritten in 86 Rollen in 66 Stücken nur noch der Kaspar im „Freischütz“, den Nestroy 33mal verkörpert hat, darunter als Debutrolle am Deutschen Theater in Amsterdam. Dorthin wechselt Nestroy 1823 – mit einer schwangeren Gattin als Begleitung: die versprochene Gage in Holland reicht für eine Eheschließung aus (und diese ist offenbar schon dringlich).

Aus der Wiener Frühzeit soll nur noch eine Opernaufführung erwähnt werden, in der Nestroy mitwirkt – denn an diesem 3. November 1822, als er erstmals den Minister Fernando in „Fidelio“ singt (später ist er auch der Pizarro), wäre beinahe Ludwig van Beethoven selbst am Dirigentenpult gestanden. Die Festaufführung ist dem Geburtstag der Kaiserin Caroline Auguste gewidmet, der „äußere Schauplatz“ wird beleuchtet (was heißt, dass man vor dem Haus vermutlich die Öllaternen hochschraubt, denn Gaslaternen kommen erst Mitte der vierziger Jahre auf), die Kaiserhymne abgesungen. Nur Beethoven, der noch versucht hatte, eine Probe zu leiten, eilt verzweifelt davon, weil er, wie er seinem Adlatus Schindler aufschreibt, nicht mehr weitermachen kann – er hört einfach nichts. Der Abend findet statt, die junge Wilhelmine Schröder debutiert, und auch sie macht (als Wilhelmine Schröder-Devrient) eine ganz große Karriere in der Welt der Oper, wird Wagners erste Senta und Venus sein. Johann Nestroy wird Schauspieler und Dramatiker.

Man weiß, dass Nestroy im Lauf seines Arbeitslebens als Dramatiker  höchsten Wert auf qualitätvolle Musik legt – kein Wunder, sie kann den Erfolg oder Misserfolg eines Couplets mitentscheiden. Abgesehen von den so genannten „Quodlibets“, den musikalischen Einlagen mit Opernparodien, die oft einen Höhepunkt der Aufführung darstellen (diese Opernparodien blieben bei Nestroy-Aufführungen bis in die siebziger, eventuell achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts beliebt) und wo Nestroy mit seiner Opernstimme natürlich auftrumpfen kann.

Er hat das Glück, von seinen Anfängen im Theater an der Wien an über Jahrzehnte, genau bis 1847, mit dem gleichaltrigen Adolf Müller (1801-1886) zusammen arbeiten zu können, der als eines der außerordentlichsten Talente gilt. So manches, das Müller für ihn schreibt – wie das Lied der drei Gesellen in „Lumpazivagabundus“: „Wir wollen in die Stadt marschieren“ –  wird wie ein Schlager auf den Straßen nachgesungen. (Müller schlägt später noch den Bogen bis zu den Volksstücken von Ludwig Anzengruber, die er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Musik versieht.)

Von 1847 bis zu seinem frühen Tod 1850 ist der Komponist Michael Hebenstreit (1812-1850) Nestroys musikalischer Begleiter und an einer Anzahl seiner Erfolge beteiligt. Für drei Werke kommt dann Franz Carl Stenzel (1829-1864) an die Reihe.

Aber zur Oper kehrt Nestroy in seinen späten Lebensjahren doch noch zurück – zumindest beinahe: Als das Genre der Opernparodie durch das Auftreten von Richard Wagner und dessen „Zukunftsmusik“ wieder angeheizt wird, schreibt Nestroy eine bis heute köstliche „Tannhäuser“-Parodie und spielt selbst den Landgraf, hier Purzel genannt („Im Venusberg vergaß er Ehr’ und Pflicht, und ich, der Landgraf, komm’ zu so was nicht“), eine nicht ganz so gelungene, aber auch sehr komische „Lohengrin“-Parodie folgt: Beide Stücke profitieren bis heute von der schlechtweg brillanten Paraphrase des Originals durch Komponist Carl Binder (1816-1860), der für Nestroy nach Müller sein zweiter adäquater Partner wird.

Halt, einer noch: Anton M. Storch (1813-1887) ist zur Stelle, als Nestroy (schon in seinem Todesjahr 1862) einen Komponisten für sein vorletztes Stück, die „Früheren Verhältnisse“, benötigt: So, wie Storch „Theater, o Theater Du!“ in die Kehle der Sopranistin gelegt hat, haben zahlreiche Interpretinnen der Pepi Amsel dieses Couplet mit außerordentlichem Erfolg geträllert.

 Und schließlich fördert Nestroy noch die Anfänge von Jacques Offenbach in Wien entscheidend mit, er verkörpert fünf Offenbach-Rollen, besonders brillant den Jupiter in „Orpheus in der Unterwelt“ und den Pan in „Daphnis und Chloe“, aber die Wiener lieben ihn auch als Herr von Storch in „Schuhflicker und Millionär“, als Tschin Tschin – und vor allem als Jungfer Barbara Kletzenstingl in „Damen vom Stand“. Ewig schade, dass Nestroy, der 1862 stirbt, nicht mehr Offenbachs „Schöne Helena“ von 1864 erlebt – „Menelaos, der Gute“ wäre ihm wohl auf den Leib geschrieben gewesen. Und von Jacques Offenbach selbst stammte die Musik, als Nestroy aus dessen Vorlage „sein“ Stück, den „Häuptling Abendwind“ machte.

Sein Weg von Mozart über Rossini bis zum travestierten Wagner und Offenbach wurde von seiner „anderen“ Karriere zwar überstrahlt, aber gewissermaßen ist Johann Nestroy der Musik sein Leben lang treu geblieben.

 

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