JAKE HEGGIE: GREAT SCOTT – Amerikanische Operntragikomödie mit Joyce DiDonato, live Mitschnitt der Uraufführung in Dallas 2015 – ERATO 2 CDs

by ac | 25. Dezember 2017 14:41

JAKE HEGGIE: GREAT SCOTT – Amerikanische Operntragikomödie mit Joyce DiDonato, live Mitschnitt der Uraufführung in Dallas 2015 – ERATO 2 CDs

 

Erscheinungstermin: 12.1.1018

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Heiliger Strohsack, so könnte man den sympathisch veralteten amerikanischen Ausruf „Great Scott“ übersetzen. Wahrscheinlich ist mit dem wortverspielten Titel der Oper aber die große Sängerin Arden Scott, (Hommage an Renata Scotto?) gemeint. Wie auch immer: Die kurzweilige Belkanto-Paraphrase, witzig-kitschige Parodie auf amerikanische Opern- und Sportverhältnisse, heutiges knallhartes Opernmanagement, den Musikbetrieb, dieses all in all bewegende Theater auf dem Theaterrührstück ist allein schon wegen der fantastischen All Stellar Cast mit Joyce DiDonato, Frederica van Stade, Nathan Gunn und Ailyn Pérez ein Ereignis. Nach dem Erfolg mit „Dead Man Walking“ im War Memorial Opera House der San Francisco Opera aus dem Jahr 2000 hat sich das Duo Jake Heggie (Musik) und Terrence McNally (Libretto) erneut an einen „Opernstoff“ gewagt. Jack Heggie hat zuvor bereits 2010 an der Dallas Oper mit seiner Oper „Moby Dick„ reüssieren können.

 

Warum geht es in Great Scott? An der American Opera finden die letzten Proben zur Welturaufführung der Oper „Rosa Dolorosa“ von Vittorio Bazzetti (Erfindung der Autoren) statt. Das Manuskript des 1835 komponierten Werks  hat die gefeierte lyrische Mezzosopranistin Arden Scott (Joyce DiDonato) in St. Petersburg entdeckt. Nun will sie ihre Heimatstadt mit ihrem offiziellen Debüt beglücken. Die finanziell schwer angeschlagene Opernkompanie unter der Leitung der Gründerin Winnie Flato (Frederica von Stade) braucht dringend den einen, durchschlagenden Erfolg, so wie die Grizzlies, prominenteste Fußballmannschaft der Stadt, unbedingt den Super Bowl gewinnen müssen. „Der Super Bowl ist kein Witz in Great Scotts Welt. Jemand muss die nächste große Rossini-Wiederaufnahme bezahlen, und das wird bestimmt nicht unsere Bundesregierung sein.“ Hier hält auch ein großer Teil des amerikanischen kulturellen Gesellschaftsvertrages und der harten Produktionsbedingungen in das Stück Einzug nach dem Motto  Super Bowl versus amerikanische Opernfinanzierung.

 

Im ersten mit „Proben“ betitelten Teil geht es – wie zu erwarten – drunter und drüber. Das Personal des Stücks, Sid Taylor, Ardens High School Boyfriend (Nathan Gunn), Tatyana Bakst, eine ambitionierte Sopranistin aus Osteuropa (Ailyn Pérez), Roane Heckel, Bühnenmanager (Anthony Roth Costanzo), Eric Gold, Dirigent (Kevin Burdette), Ghost of Vittorio Bazzetti (Kevin Burdette), Anthony Candolino (Rodell Rosel), Wendell Swann (Michael Mayes) und Tommy Taylor (Mark Hancock) stellt sich mit all seinen Leidenschaften, Emotionen, Problemen und Problemchen mit einem nicht allzu kleinen Schuss an Sentimentalität vor. Im zweiten Teil „Aufführung“ scheint alles gut zu laufen. Arden bereitet sich in ihrer Garderobe auf ihre tückische Wahnsinnsarie vor. Da erscheint der Geist des Komponisten mit der Mahnung, sich auch zeitgenössischer Musik zu widmen und die Uraufführung der eigens für sie komponierten Oper „Medea Refracted“ zu singen. ….Es kommt wie es kommen  muss, die neue Oper wird an die junge Tatyana Bakst vergeben und auch in Venedig wird die junge Rivalin der Scott das Remake der Oper „Rosa Dolorosa“ singen. Dieser  Generationenwechsel der Primadonnen bringt das nötige dramatische Salz für den rührseligen Schluss, wo Arden Scott sich allein mitten auf der Bühne vor dem Geist des Vittorio Bazzetti verbeugt. 

 

„Great Scott“ wurde natürlich – das ist kein Geheimnis – als ein Vehikel für die Belkanto-Diva Joyce DiDonato konzipiert. „Die Oper wurde von ihrem Kunstsinn, ihrer schönen – hier fröhlichen, dort klagenden – Stimme und ihrem unermüdlichen Engagement für die Musik, neue und alte, inspiriert“, schreibt Librettist Terence McNally. Mit der Cabaletta „Io sola posso salvare Pompei“ (Track 16 der CD 2) braut Jake Heggie ein koloraturbefeuertes Belkanto Finale, wie es selbst dem Dreigestirn Rossini, Donizetti und Bellini zur Ehre gereicht hätte. DiDonato nutzt die Chance und brilliert mit ihrem sopranlastigen, hellen geschmeidigen Mezzo, nicht ohne auf veristische Drastik à la Callas verzichten zu wollen. DiDonato empfindet das Werk als „einen großzügigen melodischen Liebesbrief an die Welt der Oper, der die Welt der Musik mit derjenigen des Fußball mischt“. 

 

Die Musik ist ein typisch amerikanischer Mischmasch, eine Art  großes Musical, ein mit Anleihen aller Art und den Griff in die Trickkiste des 19. Jahrhunderts zu einer großen Oper angereichertes Pasticcio mit einem wunderbaren Sextett und einer von Ailyn Pérez hinreißend gesungenen Version des „Star Spangled Banners“. Dirigent Patrick Summers gelingt das Kunststück, die beachtlichen Kräfte des Orchesters und des Chors der Dallas Opera stilsicher, mutig und stolz entlang der heiklen Kante von echtem Gefühl, Pappmaschétheatralik, Stereotypen, wahren Konflikten und musikalischer Eindringlichkeit zu manövrieren. Die Sangesleistungen sind allesamt großartig, wenngleich nicht ohne eine gewisse Ironie zu konstatieren ist, dass es trotz der fulminanten, einzigartigen „Schlachtrösser“ DiDonato und von Stade Ailyn Pérez vorbehalten bleibt, den vokalen Vogel abzuschießen. Ein Stück selbstreferenzielle Glaubwürdigkeit in einer durch doppelte Spiegelungen und vordergründige Popularisierung manchmal (allzu) künstlich wirkenden typisch amerikanischen Oper. Dennoch: Just hear and love it.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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