Der Neue Merker

J.S. BACH: Klavierkonzerte BWV 1055, 1056, MENDELSSOHN: Konzert für Violine, Klavier und Streicher D-Moll

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J.S. BACH: Klavierkonzerte BWV 1055, 1056, MENDELSSOHN: Konzert für Violine, Klavier und Streicher D-Moll – SA-CD ARS Produktion 

Die Nach-Harnoncourt-Ära macht offenbar einen flotten Schlenker über Nowosibirsk. Dort war nämlich nicht nur unser bewunderter postmozartscher Tausendsassa und von den Medien zum schrillen Genie erkorene Teodor Currentzis von 2004 bis 2010 Chefdirigent am Nowosibirsker Staatlichen Akademischen Opern- und Ballettheater. Dort gründete er das mittlerweile in allen Genres höchst erfolgreiche Ensemble MusicAeterna, das er später nach Perm und in die Welt mitgenommen hat. In Nowosibirsk ist aber auch die Violinvirtuosin  Olga Pak als Kind koreanischer Eltern geboren. Sie spielt nicht nur ihr Instrument wie einst der Teufelsgeiger Tartini aus dem slowenischen Piran das getan haben musste. Sie ist auch künstlerische Leiterin des jungen, international besetzten Orchesters Berliner Camerata. 

Auf der neuen CD des Labels Ars Produktion setzt nun dieses unglaublich energetisch aufgeladene und intensivst musizierende Ensemble nicht nur neue Maßstäbe in der Interpretation von Bach und Mendelssohn, sondern treibt das von Harnoncourt ersonnene Konzept der Klangrede, der Verlebendigung von (barocker) Musik auf die Spitze. Wie Currentzis beim Mozart Requiem geht es nicht um das oberflächliche Aufbrechen von Hörgewohnheiten, sondern um eine spezifische Suche nach Wahrhaftigkeit in künstlerischer Artikulation und Ausdruck. Die Musiker haben nicht nur gesucht, sondern hörbar auch gefunden.

Die luxemburger Pianistin Sabine Weyer, die das Album solistisch trägt, hätte sich keine besseren Partner für ihr Programm aus den Anfängen des Klavierkonzerts mit 2 Werken J.S. Bachs und dem jugendlich vor überschäumender Spiellaune nur so sprühenden frühen Konzerts für Violine, Klavier und Streicher in D-Moll des Bach-Wiederentdecker Mendelssohn-Bartholdy wählen können. Weyer selbst pflegt einen durchaus traditionellen Ansatz, ist eine einfühlsame Poetin auf Tasten eher denn eine wilde Löwin, der beim Spiel die Tasten davonfliegen. Das steht zwar ein wenig im Gegensatz zur überpräsenten Olga Pak, die bei Mendelssohn auf der Violine loslegt, als gäbe es kein Morgen mehr, eröffnet aber summa summarum ein einzigartiges musikalisches Erlebnis. Man höre nur das flink dahinperlende Allegro Molto aus dem Mendelssohn Konzert.

Zum gefühlsbetonten, im Ansatz weichen Spiel der Luxemburgerin gesellt sich der gerade und vibratoarme, der Welt ein Mal in die Rinde schnitzende Ton der Geigerin aus Nowosibirsk. Bei Bach gelingt der Luxemburgerin – wie sie dies ausdrückt – trotz „immerwährenden stabilen Metrums“, eine  Lesart in Bewegung, Freiheit und die Energie des Lebens spiegelnder Prägung. „Strenge und Stabilität stehen nicht im Gegensatz zu Leichtigkeit und Bewegung, sondern bilden die Basis, den Raum, in welchem sie sich frei entfalten und gestalten können.“ Diesem schönen und lebensfüllenden Zitat von Sabine Weyer ist nichts mehr hinzuzufügen. Fazit: Eine Sternstunde der Schallplattengeschichte!

Dr. Ingobert Waltenberger

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