Der Neue Merker

IRINA LUNGU – Über Donna Anna, neue Belcantorollen und mehr

IRINA LUNGU

Über Donna Anna, Mozart, neue Belcantopartien und mehr

Mit Irina Lungu sprach Simon Leipold im Januar 2017

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Irina Lungu. Copyright: Victor Santiago

Gerne erinnert man sich an Irina Lungus fulminantes Staatsoperndebüt im September 2015 als Traviata. Die bildschöne Russin mit der kernigen, edel timbrierten Stimme verkörperte eine berührende Violetta, die stimmlich sowohl die Koloraturen im ersten Akt, als auch die großen Bögen im zweiten und die dramatischen Ausbrüche im dritten Akt mühelos bewältigte. Nun können sich Wiener Opernfreunde auf drei Vorstellungen von Don Giovanni am 23., 26. und 29. Januar freuen, in denen Irina Lungu als Donna Anna zu hören sein wird.

 

Frau Lungu, Sie haben im Jahr 2015 mit Ihrer Paradepartie, der Violetta in La traviata mit großem Erfolg an der Wiener Staatsoper debütiert. Wie fühlt man sich nach einem derartigen Erfolg an einem Haus wie der Wiener Staatsoper?

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Irina Lungu als Violetta/ La Traviata. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

La traviata ist das Werk, welches den ganzen ersten Teil meiner Karriere geprägt hat: mein erstes Engagement als Violetta erhielt ich nach einem Vorsingen für Maestro Lorin Maazel, und seitdem habe ich sie wirklich überall gesungen. An der Wiener Staatsoper debütierte ich mit der Violetta, nachdem ich sie schon circa 120 Mal interpretiert hatte und ich glaube ich kann sagen, dass ich mich vorbereitet gefühlt habe! Violetta ist ein Charakter, der es schafft, die unterschiedlichsten Menschen auf der ganzen Welt anzusprechen. Ihre Liebesgeschichte und ihr schweres Schicksal wecken Empathie und berühren so gut wie jeden Menschen! Violetta ist eine absolut perfekte Opernpartie. Ich war sehr glücklich und zufrieden nach meinem Debüt in Wien; ich hatte lange darauf gewartet, an diesem Haus zu singen.

 

Nun kehren Sie als Donna Anna in Don Giovanni nach Wien zurück, eine Rolle, in der Sie bereits in der Arena di Verona und in San Sebastian erfolgreich waren. Donna Anna ist eine Partie, die noch relativ neu in Ihrem Repertoire ist. Was können Sie uns über die stimmlichen Herausforderungen und über den Charakter dieser Rolle sagen und warum haben Sie relativ lange gewartet, bis Sie Ihr Debüt als Donna Anna gaben?

 

Als Donna Anna habe ich im Sommer 2015 in der wunderbaren Inszenierung Franco Zeffirellis in der Arena di Verona debütiert, eine tolle Erinnerung. Das war damals der richtige Moment, um in dieser Rolle, die ich sehr schätzte und schon lange singen wollte zu debütieren. Im Prinzip denke ich nicht, dass Mozart ein Komponist ist, der von zu jungen Sängern gesungen werden sollte; man muss sowohl stimmlich als auch darstellerisch reif sein, um sich an die großen Meisterwerke Mozarts heranwagen zu können. Donna Anna beispielsweise ist ein komplexer Charakter, der die unterschiedlichsten Momente im Laufe der Oper durchlebt. Ich liebe diese Rolle, weil sie sich in der Oper von allen anderen Partien abhebt: Das breitgefächerte Innenleben dieser Partie ist sehr konkret und komplex. In den Schlüsselmomenten der Oper steht sie immer im Zentrum von einigen Phrasen, die zu den schönsten gehören, die Mozart je geschrieben hat. Ich habe die Rolle nicht früh in meiner Karriere gesungen, aber jetzt wo sie mich endlich gefunden hat bin ich sehr froh, sie im Repertoire zu haben.

 

Donna Anna ist eine jener weniger Rollen, die von einer großen Bandbreite von Sopranistinnen gesungen wurde: Von Spintosopranistinnen über dramatische Sopranistinnen (man denke an Birgit Nilsson oder Rosa Ponselle), über lyrische Sopranistinnen bis hin zu Koloratursopranistinnen und leichten lyrischen Sopranistinnen. Welcher Typ von Sängerin eignet sich Ihrer Meinung nach besonders gut, um die technischen Schwierigkeiten dieser Partie zu bewältigen?

 

Donna Anna erfordert eine umfangreiche und satte Stimme, die im Stande ist, die ganze Bandbreite von Emotionen und Gedanken dieser Frau, die sehr komplexe und dramatische Momente durchlebt auszudrücken. Die Rolle enthält dramatische Passagen und erfordert eine belcanteske Beweglichkeit der Stimme, mit energischen Akzenten voller Pathos bis hin zu mezze voci. Sie ist in einer zweideutigen Situation und ist selbst ein zweideutiger Charakter: Die Stimmfarbe muss in der Lage sein, diese Vielschichtigkeit und Tiefe auszudrücken. In glaube, dass deshalb auch verschiedene Stimmtypen diese Rolle singen können. Die Partie kann auf unterschiedliche Art und Weise bewältigt werden. Der Stimmtypus ist weniger wichtig als die Stimmfarbe: Man muss die Rolle in jedem Fall mit edler Stimme und reichem, tiefgründigem Timbre singen.

 

Haben Sie abgesehen von Donna Anna auch andere Mozartrollen gesungen?

 

Ich habe die Fiordiligi in verschiedenen Produktionen und mit großer Freude gesungen. Mittlerweile habe ich die Rolle aus meinem Repertoire genommen – nicht etwa, weil sie mir nicht gefällt, sondern weil sie nicht mehr so sehr zu dem Repertoire passt, das ich im Moment singe. Ich bin aber sicher, dass ich in Zukunft auch die Fiordiligi wieder interpretieren werde.

 

Gibt es andere Partien dieses Komponisten, die Sie reizen würden? Würden Sie gerne die Donna Elvira singen?

 

Ich würde gerne bald die Contessa in Le nozze di Figaro singen und hoffe, dass sich bald eine passende Gelegenheit ergeben wird. Die Donna Elvira empfinde ich nicht als besonders passend, weder stimmlich noch was ihre Persönlichkeit anbelangt.

 

In den letzten Monaten haben Sie die Mimì in zwei Produktionen von La bohème in Turin und Neapel gesungen. Auch die Mimì haben Sie erst vor Kurzem Ihrem Repertoire hinzugefügt, nachdem Sie in unzähligen Produktionen, unter anderem an der Metropolitan Opera und am Royal Opera House Covent Garden die Musetta interpretiert haben. Fühlen Sie sich näher an Mimì oder Musetta?

 

Im Moment liegt mein Fokus eher auf der Mimì, aber ich muss sagen, dass mir die Musetta etwas fehlt: Dieser tolle Auftritt im zweiten Akt (in der Zeffirelli-Produktion an der Met sogar in einer Kutsche mit Pferden!), der einen direkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert, im Wirbel der Pariser Cafés in mitten von 300 Peronen, von allen begehrt… Das ist wirklich herrlich!

 

Neben diesen Mimìs und der Wiener Donna Anna wird diese Spielzeit komplett von Werken des Belcanto dominiert, mit drei Rollendebüts in Folge: : Giulietta in I Capuleti e i Montecchi am Teatro Filarmonico von Verona, Elvira in I puritani in Piacenza, Modena und Reggio Emilia sowie die Titelpartie von Anna Bolena an der Opéra Grand in Avignon. Wie schaffen Sie es, von einer sehr zentralen und lyrischen Partie wie der Mimì zu diesen doch viel höher gelegenen Rollen voller Koloraturen zu wechseln?

 

Der Belcanto bildet im Moment das Zentrum meines Repertoires, ich widme ihm einen großen Teil meiner stimmlicher Studien und meiner Stimmpflege. Ich bin also sehr froh über die Debüts in dieser Spielzeit, die ich mir seit einiger Zeit gewünscht habe, um mein Repertoire und meine Möglichkeiten was den Ausdruck betrifft zu erweitern. Mimì ist eine Rolle, der ich im Moment mit Vorsicht begegne: Ich werde sowieso meine ganze zukünftige Karriere haben, um diese Partie zu singen. Was den Belcanto betrifft denke ich nicht, dass diese Primadonnen von zu kleinen Stimmen oder mit kindlichem Timbre gesungen werden können. Es handelt sich um große Persönlichkeiten, die vor allem in den Chorszenen oder in den dramatischen Schlussszenen einen starken Pathos in der Stimme haben müssen. Sicher sind die Tessituras dieser Rollen hoch und es gibt auch virtuose Koloraturen zu bewältigen, aber all das muss den Pathos und den Schmerz dieser Charaktere beleuchten. Generell sind zu leichte Stimmen meiner Meinung nach nicht für den Belcanto geeignet!

 

Was können Sie uns über die Unterschiede dieser drei Belcantopartien – Giulietta, Elvira und Anna Bolena sagen?

 

Die Partien sind in der Tat recht verschieden. Wenn ich auf diese Spielzeit blicke, in der ich eine nach der anderen singen werde, sehe ich das als tolle Gelegenheit. Ich werde die Gelegenheit haben, mich komplett als die Interpretin zu zeigen, die ich bin, in der ganzen stimmlichen Bandbreite, von den unterschiedlichsten stimmlichen und psychologischen Seiten. Der Belcanto bietet in dieser Hinsicht viele Möglichkeiten: Man kann Akzente und Farben auf sehr persönliche Art und Weise finden, abhängig davon, wie man den Charakter skizziert. Der zentrale Punkt ist für mich jedenfalls der: Ich singe alle meine Rollen mit meiner natürlichen Stimme und nie über meine Möglichkeiten hinaus. Ich versuche, meine Möglichkeiten was den Ausdruck betrifft zu erweitern, das schon, aber ohne etwas erzwingen zu wollen.

 

Im Juli  werden Sie nach Ihrem Rollendebüt in Verona vor ein paar Jahren am Teatro Comunale von Bologna wieder die Lucia di Lammermoor singen, eine der wichtigsten Belcantopartien. Die Lucia ist eine Rolle, die, nachdem man sie erstmals gesungen hat eine Sängerin oft die ganze Karriere über begleitet. Warum haben Sie doch relativ lange gewartet, bis Sie die Partie erstmals gesungen haben?

 

Viele Sopranistinnen, die heutzutage die Lucia singen, sind eigentlich zu jung für die Partie und legen sie dann aufgrund der Schwierigkeiten, was die Tessitura betrifft schnell wieder ab. Ich kann sagen, dass ich den gegenteiligen Weg gegangen bin: Die Gelegenheit, die Lucia zu singen hat sich für mich relativ spät ergeben, als meine Stimme schon reif für die Rolle war. Das hat es mir meiner Meinung nach erlaubt, ein wirklich vollständiges Rollenporträt darzubieten. Die Lucia in Verona war eines der erfüllendsten Erlebnisse meiner Karriere und ich kann es kaum erwarten, dieses Meisterwerk in einem so wichtigen Theater wie dem Teatro Comunale von Bologna zu singen. Ich liebe diese Rolle und will sie keinesfalls wieder ablegen, nun da ich sie endlich im Repertoire habe.

 

Was genau sind die stimmlichen und musikalischen Herausforderungen dieser Rolle? Würden Sie die Partie gerne einmal in der Originaltonart und mit einer neuen Kadenz singen? Vielleicht begleitet von einer Glasharmonika?

 

Die Lucia würde ich gerne mit Glasharmonika singen! Ich habe das selten gehört, aber das Resultat ist faszinierend. Die Rolle ist so, wie sie geschrieben ist wie ich schon sagte keine geeignete Rolle für einen leichten Sopran mit kleiner Stimme. Die Sopranistin muss in der Lage sein, die Stimme auf der ganzen Bandbreite zu modulieren und die Koloraturen haben immer eine tiefe Bedeutung was den Ausdruck betrifft, um verschiedenen Seelenzuständen wie Wut, Schreck, Verwunderung oder Verwirrung bis hin zum Wahnsinn auszudrücken. Die berühmte Kadenz am Ende verlangt hingegen eine leichte, entrückte Stimme: Ein wirklich magischer Moment. Bei der nächsten Lucia in Bologna würde ich gerne die Kadenz etwas ändern im Verlgeich zu meiner letzten Version. Das ist ein wenig wie ein Spiel, eine ständige Herausforderung!

Simon Leipold

 

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