Der Neue Merker

INNSBRUCK: „LES CONTES D’HOFFMANN“ – ein flauer Saisonstart. Premiere

Innsbruck: „LES CONTES D‘ HOFFMANN“ – ein flauer Saisonstart! (23.9.2017)

Hoffmanns Erzaehlungen 2509
Jomante Slezaite, Christianne Bélanger und Dominik Sutowicz. Foto: Rupert Larl

Mit Freuden den Tiroler Musentempel betreten, diesen nach knapp 3 1/2 h (gefühlten 7 h!) enttäuscht wieder verlassen. So die Kürzestversion des Premiereneindrucks.

An Offenbach scheint sich das Tiroler Landestheater die Zähne auszubeißen. Auch diesmal, bereits bei „Hoffmann“ Nr. 4 seit Beginn der 1980er Jahre, kein Grund zum Jubeln.

1.) Dominik Sutowicz bringt wenig ein, was einen überzeugenden „Hoffmann“ auszeichnen sollte: Charisma, eine schöne Tenorstimme, die das Lyrische wie auch das Dramatischere der Gesangspartie miteinander verbindet sowie das Gespür für eine romantische französische Oper.  Sutowiczs robuster, zweifelsfrei höhenorientierter Tenor mag für das veristische oder slawische Fach passen, bei Offenbach offenbaren sich auch seine technischen Mängel (Atemprobleme, brüchige Mittellage). Ein Hoffmann sollte das Publikum emotionell durchbeuteln – keine Spur davon bei dem polnischen Tenor.

2.) Regisseur und Bühnenausstatter Thaddäus Strassberger bescherte dem TLT bisher glänzende Produktionen („Fanciulla del West“, besonders die herrliche „Pique Dame“ und zuletzt „Un ballo in maschera“). Diese Hoffmann-Regie hat an sich gute Ideenansätze parat, die sich aber nicht durchgehend dem Zuschauer erschließen und durch zu viel an Belanglosem (Olympia-Akt!) kein geschlossenes, griffiges Ganzes ergeben. Schade, der von ihm entworfene optische Rahmen dazu hätte gepasst!

3.) Seokwon Hong am Pult des eher schwerfällig und ungewohnt oft patzenden Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck scheint keinen besonderen Zugang zu Offenbachs vielschichtiger Meisteroper in der Fritz-Oeser-Fassung zu finden; vieles klingt  zu pauschal, ohne Esprit und Doppelbödigkeit und ganz einfach zu laut.

Gelungene Rollenprofile steuerten  Sophia Theodorides (eine Olympia mit Spitzenönen, die etliche Königinnen der Nacht blass werden lassen könnten), Susanne Langbein (die mit Herzblut singende und innig liebende Antonia), Jomante Slezaite (eine in jeder Hinsicht attraktive Giulietta), Bernd Valentin (als überzeugender Lindorf, Coppélius, Miracle, während der Dappertutto für ihn doch zu hoch liegt) sowie die erst bei der Generalprobe für die erkrankte Hausbesetzung eingesprungene Christianne Bélanger als Muse / Nicklausse (ihr sauber geführter, schöner Mezzo war letzte Saison bereits in „Rusalka“ zu hören) bei. Weiters auf der Habenseite zu finden: Alec Avedisian (Hermann bzw. der smarte Schlèmil), der Chor und Extrachor des TLT (Einstudierung Michel Roberge) sowie einmal mehr die z. T. herrlichen, absolut stimmigen Kostüme von Michael D. Zimmermann.Wo Zimmermann draufsteht, passt’s!

Mehr oder weniger zufriedenstellende Leistungen erbrachten Martin Lechleitner (Nathanael), Florian Stern in den vier Dienerrollen (davon einmal – bei Spalanzani – als Affe und im Venedigbild als Nonne – wo liegt da der Witz?) sowie Dale Albright (Spalanzani) mit seinen anscheinend unverzichtbaren Quietsch-Beigaben.

Für die gerade einmal drei Minuten Gesang, die Antonias Mutter (in dieser Inszenierung den ganzen Akt persönlich als strickende „Dame in Schwarz“ anwesend) leistete sich das TLT keine Geringere als KS Dagmar Schellenberger. Da würde sogar die MET vor Neid erblassen! Hin und wieder versetzt einen das Besetzungsbüro des TLT in Erstaunen.

Die allgemeine Begeisterung bei Vorstellungsende hielt sich in Grenzen. Unkritische (oder gar Auftrags-) Bravo-Rufer gibt es immer und überall.

PS: Antonia, Giulietta und Luther/Crespel sind doppelt besetzt, alle anderen Rollen nicht. 

Dietmar Plattner

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