Der Neue Merker

INNSBRUCK/ Landestheater: UN BALLO IN MASCHERA. Premiere

Landestheater Innsbruck:  „UN BALLO IN MASCHERA“ (Premiere am 11.2.2017)

Un Ballo in Maschera Flores,Bachtadze Innsbruck 2-2017 2311
Karina Flores, Michael Bachtadze. Copyright: Tiroler Landestheater/ Rupert Larl
 
Für Regisseur und Bühnenbildner Thaddeus Strassberger ist Verdis „Ballo“ eine Oper ohne Heimat. Der ursprüngliche Handlungsort Stockholm (Königsmord!) wurde von der der Zensur verboten, die räumliche und zeitliche Übersiedlung ins entlegene Boston passt jedoch nach Strassbergers Ansicht absolut nicht zum vorliegenden Quellenmaterial. Die angemessene Handlungshülle für die fatale Dreieckstragödie fand er im Genre des „Film noir“ mit all den verwunschenen Stätten und zwielichtigen Figuren. Nun spielt das Ganze in einer mittelamerikanischen „Bananenrepublik“ in der Mitte des 20. Jhdt. Was anfänglich beim Zuschauer für Skepsis sorgte, entpuppte sich ab dem 2. Bild als schlüssiges Regie-Konzept in stilechter Dekoration mit faszinierenden Filmeinblendungen. Und Strassberger versteht die Darsteller glaubhaft zu führen (nicht alle sind jedoch begnadete Schauspieler). Nach „Fanciulla del West“ und der prunkvollen „Pique Dame“ ein weiterer Strassberger-Regie-Treffer am TLT also. Michael D. Zimmermann steuerte lokal gebundene, farbenfrohe und kleidsame Kostüme bei, Florian Weisleitner sorgte für eine zumeist spannende Lichtregie. Aus optischer Sicht gibt es keinen Anlass zum Stänkern.

Un Ballo in Maschera Ensemble Innsbruck 2-2017 2390
Ensembleszene 1. Akt. Copyright: Tiroler Landestheater/ Rupert Larl

Durchwachsen hingegen die musikalischen Leistungen. In überragender Form, mit einer idealen, zu Herzen gehenden, technisch perfekten Verdi-Stimme ausgestattet, präsentierte sich Karina Flores als Amelia. Ein (bildhübscher) Vulkan auf der Bühne, mit einem sinnlichen Timbre gesegnet, der selbst bei einer Beinverletzung während der Aufführung (Ende des 2. Akt) die Fassung nicht verlor und trotz sichtbarer Schmerzen tapfer weitersang. Welch eine großartige Künstlerin! War bei der unfassbar dummen „Ballo“-Inszenierung des TLT anno 2000/01 der „Oscar“ die Putzfrau in einer Kantine, so ist die Lichtgestalt des Werkes nunmehr zur Sekretärin Riccardos aufgestiegen. Die seit dieser Saison ans Haus fix engagierte Sophia Theodorides, bislang nur in kleineren Rollen eingesetzt, begeisterte mit ihrem quellfrischen, koloraturflinken, betörend timbrierten Sopran und ihrer sympathischen Ausstrahlung. Gratulation! Alec Avedissian (Silvano) und Andreas Mattersberger (Samuel) werteten ihre Rollen dank ihrer ausnehmend wohlklingenden Stimmen beträchtlich auf. Michael Bachtadze, mehrmaliger Gast am TLT, war Renato und ließ einen anfänglich reizlosen, trockenen Bariton vernehmen, der jedoch von Akt zu Akt an Klang gewann und mit einem beeindruckenden „Eri tu“ punkten konnte. In Ulricas Reich herrscht Sanja Anastasia – sich dem Volk mal als Mutter Gottes, dann wieder als Orakelhexe zeigend. Die Vita der noch jungen Sängerin ist beeindruckend, ihre gesangliche Leistung hingegen weniger.

Johannes Maria Wimmer (Tom mit stumpfem Bass), William Tyler Clark (Richter) und Younggye Lee (Diener Amelias) ergänzten das übrige Solistenpersonal ebenso wie Paolo Ferreira, ebenfalls Stammgast am Haus, bisher überwiegend (Ausnahme Alvaro) im veristischen Fach eingesetzt und zumeist erfolgreich. Für den portugiesischen Tenor ist der Riccardo allerdings keine ideale Rolle, es mangelt seinem zwar höhenstarken, aber in Mittellage und Tiefe gequetscht klingenden Spinto-Tenor an Leichtigkeit und Eleganz sowie Persönlichkeit. Schade um die edelste aller Verdi-Tenor-Rollen!

Chor samt Extrachor des TLT (präzise von Michel Roberge vorbereitet) fügte sich dem Bühnengeschehen erfolgreich ein. Francesco Angelico am Pult seines Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck breitete die ganze orchestrale Pracht der reizvollen Partitur detailverliebt aus, ließ es aber mitunter an Leidenschaft und Hitze missen. Von diesem Aspekt her hätte der Regisseur die Handlung ruhig im hohen Norden belassen können. Uneingeschränkter Premierenjubel!

Dietmar Plattner
 

Diese Seite drucken