Der Neue Merker

INNSBRUCK/ Festwochen der Alten Musik: IL GERMANICO von Nicola Porpora. Premiere

39. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: „Il Germanico“ von Nicola Porpora (Premiere: 12. 8. 2015)

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Segeste (Carlo Vincenzo Allemano) mit seinen beiden Töchtern Rosmonda (Klara Ek) und Ersinda (Emilie Renard) sowie Germanico (Patricia Bardon) Foto: Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl

 Mit einer sensationellen Ausgrabung warteten die 39. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik auf, die unter dem Motto „Stylus Phantasticus“ stehen. Im Tiroler Landestheater wurde  „Il Germanico“ von Nicola Porpora gezeigt, dessen Uraufführung im Jahr  1732 in Rom stattfand, wobei alle Rollen von Männern gesungen wurden, da es damals in Rom Frauen verboten war, auf Theaterbühnen zu singen. Es war das erste Mal, dass diese Oper seit ihrer Uraufführung vor fast 300 Jahren wieder szenisch vollständig aufgeführt wurde.

 Nicola Porpora (1686 – 1768) wurde am Konservatorium seiner Heimatstadt Neapel ausgebildet, wo bereits 1708 seine erste Oper Agrippina am dortigen Hof aufgeführt wurde. Von 1709 bis 1714 war er Kapellmeister des in Neapel residierenden Landgrafen von Hessen-Darmstadt, danach Kapellmeister am Konservatorium San Onofrio. Während sich sein Ruf als Opernkomponist in Italien erst  in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts festigte, wurden seine Werke bereits in Wien aufgeführt, wie beispielsweise 1714 Arianna e Teseo.  Auf Einladung einer Gruppe englischer Adeliger, die ein Konkurrenzunternehmen zu Händels Opern planten, reiste er 1733 nach London, wo er bis 1736 für die Opera of the Nobility tätig war. Später wirkte er in Neapel, Venedig, Dresden und von 1752 bis 1760 als Gesangslehrer in Wien, ehe er wieder nach Neapel zurückkehrte. Er schrieb insgesamt 50 Opern, wobei seine wichtigsten Werke zwischen 1718 und 1742 entstanden, in denen er oftmals die Virtuosität des Gesangs über den dramatischen Gehalt stellte. Auf jeden Fall zählt er zu den bedeutendsten neapolitanischen Barockkomponisten.

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Kerkerszene mit Rosmonda (Klara Ek), Arminio (David Hansen) und Segeste (Carlo Vincenzo Allemano) Foto: Innsbrucker
Festwochen / Rupert Larl

Die Handlung der Oper Il Germanico, deren Libretto Niccolò Coluzzi verfasste, spielt im Jahr 14 nach Christus. Der römische Feldherr Germanicus zieht mit einem großen Heer nach Germanien, um die Niederlage des Varus fünf Jahre zuvor zu rächen, und besiegt Arminio, den germanischen Heerführer.

 Regie führte Alexander Schulin, der bereits vor fünf Jahren für die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Pergolesis L’Olimpiade inszenierte. Durch seine exzellente Personenführung gelang es ihm, das Publikum trotz der fünfstündigen Dauer der Oper zu fesseln und zu begeistern, was sich auch durch den oftmaligen Szenenapplaus äußerte. Unterstützt wurde er von Alfred Peter, der für das stets stimmungsvolle Bühnenbild und für die prachtvollen barocken Kostüme verantwortlich zeichnete.

 Mit großartiger Virtuosität wartete das internationale Sängerensemble auf. In der Titelrolle als römischer Feldherr brillierte die irische Mezzosopranistin Patricia Bardon, die als eine der besten Händel-Sängerinnen gilt und nun in Innsbruck diese Hosenrolle sowohl stimmlich wie darstellerisch hervorragend meisterte. Einziger kleiner Einwand: in manchen Szenen agierte sie eher weiblich als männlich. Ihr ebenbürtig der australische Countertenor David Hansen als Arminio, der sich auch als geschlagener Germane unbeugsam gab und seine stärkste Szene im Kerker hatte, wo er seine Zerrissenheit eindrucksvoll spielte.

 Seine Ehefrau Rosmonda, die Tochter von Segeste, der sich in Roms Dienste gestellt hat, wurde von der schwedischen Sopranistin Klara Ek dargestellt, die ihre Rolle als liebende Ehefrau und Mutter mit Innigkeit und Leidenschaft – sowohl stimmlich wie schauspielerisch –  ausstattete. Eine ebenso großartige Leistung bot die britisch-französische Mezzosopranistin Emilie Renard als Ersinda, die – in den römischen Hauptmann Cecina verliebt – sich fortwährend gegen ihre Schwester Rosmonda zur Wehr setzen muss. Ihren stärksten Auftritt hatte sie im dritten Akt, als sie Cecina mit weiblicher List zu einem Liebesgeständnis verführt. Eine gesanglich und humorvoll köstlich gespielte Szene, in der auch der deutsche Countertenor Hagen Matzeit als Cecina blendend zur Geltung kam. Im ersten Akt spielte er den römischen Hauptmann  rollengerecht als Zauderer, wird er doch von Germanicus als Feigling bezeichnet.  Den germanischen Fürsten Segeste, Vater von Rosmonda und Ersinda, gab der italienische Tenor Carlo Vincenzo Allemano nicht minder ausdrucksvoll – sowohl stimmlich wie schauspielerisch.

 Die hohe musikalische Qualität des Opernabends rundete das von Alessandro De Marchi – seit 2010 Künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik – einfühlsam geführte Orchester Academia Montis Regalis ab, das die vielschichtige Partitur Porporas klangvoll und facettenreich wiedergab und das Publikum schon mit der Ouvertüre begeisterte.

 Am Schluss der fünfstündigen Premiere gab es nicht enden wollenden Beifall der Zuschauerinnen und Zuschauer, die jeden Solisten und auch das Regieteam mit frenetischem Jubel feierte, wie ich ihn in Innsbruck noch nie erlebt habe. Dieser wohl einzigartige Opernabend, der von den Organisatoren der Festwochen nur schwer zu übertreffen sein wird, endete schließlich mit Standing Ovations des begeisterten Publikums.

 Udo Pacolt

 

 

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