Der Neue Merker

IGNAZ KIRCHNER: Immer an der Grenze der Verrücktheit

BuchCover   Kirchner, Ignaz

IGNAZ KIRCHNER: 
Immer an der Grenze der Verrücktheit
Aufgezeichnet von Haide Tenner
208 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Heuer wurde er 70, was ihm „egal“ ist wie alle Geburtstage.  Nichtsdestoweniger hat man ihn auf der Bühne des Burgtheaters entsprechend geehrt: Ignaz Kirchner, geboren als „Peter“ Kirchner 1946 in Andernach, kam 1986 für George Tabori an das Burgtheater und ist seither geblieben. Meist in markanten Nebenrollen. Immer ein ganz scharfer, nicht zu übersehender Typ. „Immer an der Grenze der Verrücktheit“ nennt er seine von Haide Tenner aufgezeichneten Erinnerungen. Er hatte es nun auch wirklich nicht leicht im Leben.

Die  Eltern Juden, die darüber nicht reden wollten, der Vater schwul, die Mutter lesbisch, das war kein guter Platz für ein Kind, das in ein katholisches (!) Internat geschickt wird. In jungen Jahren zu dick – wir erfahren, dass Kollegin Kirsten Dene ihn nach dreijähriger Beziehung wegen eines „schöneren“ Mannes verließ.

Schauspieler wollte er immer werden, aber eine Lehre als Buchhändler schob er dazwischen. Dass er an seinem Berufswunsch festgehalten hat, macht ihn glücklich – „dass ich als jetzt siebzigjähriger Mensch im Grunde genommen das machen darf, was Kinder machen. Ich darf Kostüme anziehen, darf mich schminken und darf spielen. Und darf jemand anderer sein.“

Der Weg hierher, als unangefochtener, viel beschäftigter Burgschauspieler, war nicht immer einfach, und Kirchner ist keiner, der hier beschönigt: Wenn er mit jemandem nicht zurecht kam – wie mit dem legendär schwierigen Peter Zadek -, dann sagt er es. Wenn er es im Deutschen Theater Berlin bei Thomas Langhoff nicht aushielt („so verstaubt!“), dann sagt er es. In Stuttgart war er bei Peymann und lobt dessen Fähigkeit, ein Ensemble zusammen zu schmieden. („Peymann war immer besonders gut, wenn er gegen etwas war.“) Es waren Kirchners vazierende Jahre – von da nach Frankfurt, nach Bremen, nach München, nach Köln.

In Wien kam es dann zum legendären Duo Voss / Kirchner, das vor allem George Tabori gerne einsetzte. Gert Voss und Ignaz Kirchner, von denen Friedrich Gulda meinte, sie beiden seien gleich gut: „Nur Sie, Herr Kirchner, sind schiacher als der Voss.“ Damit kann man ihn allerdings nicht beleidigen.

Ignaz Kirchner wird nicht von dem Wunsch gequält, den viele Wiener Schauspieler in sich tragen, nämlich um jeden Preis geliebt zu werden (und deshalb keine „bösen“ Rollen zu spielen, denn man könnte sie ja identifizieren, wenn sie diese zu gut spielen): „Wenn man einen Bösen spielt, ist das Publikum abgestoßen, und so habe ich sie immer gespielt.“ Auch in der Musik, etwa bei den Salzburger Festspielen den Samiel im „Freischütz“.

Ignaz Kirchner ist oft angeeckt, und er sagt es auch. So ist man beinahe froh, dass das Buch versöhnlich ausklingt – seine Familie ist unkonventionell (die Gattin lebt in einer anderen Stadt), dennoch ein wichtiges Glückselement in seinem Leben. Und darauf kommt es auch an. Für das Wiener Publikum ist Ignaz Kirchner ein Fixpunkt – und sei es auch nur in seliger Erinnerung in der Kombination mit Gert Voss. Besonders muss man sein in dieser Stadt, dann räumt sie einem den gebührenden Rang ein.

Renate Wagner  

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