Der Neue Merker

HYPERSUITES RELOADED: ELEKTRONISCHE BAROCKMUSIK

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HYPERSUITES RELOADED: ELEKTRONISCHE BAROCKMUSIK – BERLIN CLASSICS LP/CD – Technobarock 4.0
Aneignungen, Verwandlungen und Recycling musikalischen Materials sind nicht nur ein Markenzeichen des Barock gewesen, wo sich jeder Tonsetzer bedient hat, wo und wie er konnte (auch bei eigenen frühen Werken), sondern auch der Jetztzeit. Alles was mehr oder weniger meisterlich ist und war, kommt in den großen 3D-Drucker der Musikindustrie. Da wird durcheinander gewirbelt, verdreht, geschleudert, durchweicht, ersäuft, bisweilen auch erhärtet und gestählt. Die Ergebnisse reichen von extra peinlich (z.B.: Sarah Brightman singt Nessun dorma) bis irgendwie geht schon und aufhorchen lassend. Die Musik muss aber auf jeden Fall schick und zeitgeistig sein.
Das Album Hypersuites Reloaded klingt in nuce so, als ob man Bach&Co den durchaus professionellen, bisweilen freilich psychedelischen Händen der DJs im Berliner Technotempel Berghain anvertraut hätte. Nicht zufällig kam die Pianistin und Komponistin Marina Baranova auf die nicht ganz originäre Idee zur CD während einer DJ-Session. Sie fand, dass die Scratches im Grunde der moderne Ausdruck barocker musikalischer Verzierungen sind. Deshalb läge nichts näher, als den Hypersuites eine weitere musikalische Farbe (zur bunten Klangtravestie) zu geben: Elektronische Klänge aller Art. Die mit Clubbingbeats so aufgemixten kurzen Kompositionen aus der Feder von Georg Friedrich Händel (Allemande und Sarabande aus der Suite in D-Moll), François Couperin (Muuséte de Taverni), Jean-Philipp Rameau (La Poule, Le Rappel des Oiseaux) und Johann Sebastian Bach (Siciliano aus der Flötensonate, Prelude in B-Moll) liefern durchaus neue und anregende Hörerfahrungen.
Keine Angst, das Anhören dürfte selbst für den hartgesottenen Klassikhardliner keine „Martern aller Arten“ bedeuten, sondern eher schmackhaft zubereiteten akustischen Pasticcios à la Orangenrisotto mit Wodka gleichen. Auch moussierender Champagner fehlt nicht, dafür sorgen schon Komponist und Pianist Hauschka, der sich Rameaus fantastischen Themen  in einem hochgelungenen Mix angenommen hat. Der Künstler kennt sein „Prepared Piano“ und hat auch schon Filmmusiken geschaffen. Zudem sind die Komponisten, Produzenten und Musiker John Kameel Farah, Damian Marhulets, Humboldt, Kostia Rapoport, Jannis Block, Anton Berman und Raz Ohara mit jeweils eigenen Remixen mit im Hypersuiten-Boot.
Allen ist es gelungen, höchstpersönliche Akzente in ihren Arbeiten zu setzen. Die Takes scheinen frei improvisiert, von forsch drängend bis frei schwebend, ad libitum werden die Themen und Klangimaginationen übereinandergeschichtet. Die Musik fließt und überrascht, hat Witz, manchmal bedient sie auch akustische Klischees frei nach dem Motto „Ein bisschen Kitsch in Ehren kann niemand verwehren.“ In Raz‘ Oharas Siciliano nach Bach findet auch die menschliche Stimme ihren kuscheligen Platz.
Die LP  besteht aus überwiegend flotten Nummern, die Musik schöpft aus multiplen Quellen und mündet in ein knackiges Klangexperiment von flirrender Schönheit und zauberischer Aneignung, mit einem sanft überdosierten Schuss geschmäcklerischen Gefallenwollens.
Dr. Ingobert Waltenberger
 

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