Der Neue Merker

HERBERT VON KARAJAN – Maestro for the Screen: Film von Georg Wübbolt

karajan HERBERT VON KARAJAN – Maestro for the Screen: Film von Georg Wübbolt – Cmajor Blu-ray – Geschichte vom Aufbau des Denkmals Karajan – VÖ: 10.6.

Die 2008 entstandene Dokumentation Maestro for the Screen ist erstmals auf Blu-ray erhältlich. Ergänzt wird der Film durch zwei Konzerte von Musik Johann Sebastian Bachs: Der Suite Nr. 2 in B-Moll und dem dritten Brandenburgischen Konzert – G-Dur, mit den Berliner Philharmonikern, Videodirector Francois Reichenbach.

Ästhet, Charisma, Aura versus unangenehm, eitel, machtgierig, umtriebig, egoman. Alles Urteile von Leuten aus dem engsten Umfeld Karajans, die man um zahlreiche Wortspenden zur Erklärung des Phänomens eines musikalischen und zugleich optischen Künstlers gebeten hatte. Die Initialzündung zu Karajans Interesse für TV erfolgte in den 50-er Jahren in Japan, als eine Konzertserie von zwölf Konzerten übertragen und von einem Millionenpublikum gesehen werden konnte. Filmisch wird man dazu Zeuge eines faszinierenden Ausschnitts aus der Meistersinger-Ouvertüre aus dem Jahr 1957. Noch stimmte das Verhältnis „Zuerst die Musik und dann das Bild.“

Später soll Karajan aber zumindest ebenso viel Aufmerksamkeit wie der musikalischen Realisierung Fragen wie „Wie wirke ich als Dirigent?“, „Welche sind die besten Aufnahmewinkel?“ und „Woher muss das Licht kommen?“ verwendet haben. Um schließlich in die allgemeine Parole „Alle Kameras auf mich“ zu münden. Damit war Karajan das europäische Pendant zu Leonard Bernstein in den USA geworden. Wichtig festzuhalten ist, dass Karajan den Zug der Zeit erkannte und dass im Business der klassischen Musik das filmische Element zunehmend an Bedeutung gewinnen würde. Wer sich heute ansieht, wie viele Opernneuerscheinungen noch als reine CD oder Audio Blu-ray bzw. als Video-Mitschnitte von Aufführungen woher auch immer veröffentlich werden, erkennt dies Faktum als evident.

Noch dazu war Karajan jemand, der nicht dilettierte, sondern das filmische Handwerk von der Pike auf bei den Besten erlernte, als da waren Henri-Georges Clouzotund Hugo Niebeling. Ich persönlich finde die gezeigten Ausschnitte der dritten und fünften Symphonie von Beethoven unter der Regie von Hugo Niebeling als die mit Abstand überzeugendsten filmischen Umsetzung von Konzerten, die ich kenne. Niebeling arbeitete teils mit unscharfen Bildern, zeigte, was man aus Instrumenten alles optisch herausholen kann und rhythmisierte den Schnitt je nach Dramatik der dargebotenen Musik. Der Sturm in der Pastorale wird von vielen Kennern überhaupt als der tollste Moment gefilmter Konzertmusik angesehen. Klar, dass eine so starke Persönlichkeit wie Niebeling (der als furchtbar schwierig galt) nicht lange neben dem Maestro geduldet wurde. Interessant und aufschlussreich ist ein Schnittvergleich der bereits erwähnten sechsten Symphonie von Beethoven. Bei Niebeling werden alle Teilnehmer gleichberechtigt in das visuelle Konzept einbezogen, bei Karajan der Fokus vielmehr auf den Dirigenten gerichtet und die anderen Mitwirkenden dadurch oftmals zur Staffage degradiert.

Der Filmemacher Karajan gleitete aber auch mit manch seiner Anordnungen ins vollkommen Abstruse ab: Bärte waren verboten, Männer mit Glatze mussten sich künstliche Haarteile aufsetzen. Ich selber habe als junger Chorist und Mitwirkender bei seinen Konzert- und Filmaufnahmen zu Mozarts Requiem im Musikverein erlebt, wie Mitsänger mit Brille eher hinten platziert wurden und die Sänger in der ersten und zweiten Reihe je nach ihrer Größe auch Holzbretter unter ihre Füsse verpasst bekamen, um die Größe anzugleichen

Für den Konzertbesucher das wichtigste war aber und wird immer die musikalische Qualität sein. Und da war Karajan eben mit das Beste, was man bekommen konnte. Zumindest für meine  Ohren. Das belegen auch die teils sehr interessanten Mitschnitte von Musik Beethovens, Brahms, Bruckners, Schumanns, Strauss, Verdis und Wagners. Vielleicht ist das filmische Interesse Karajans im Nachhinein eher eine Marginalie. Seine Interpretationen sind zum größten Teil auch für heutige Maßstäbe outstanding und was den jungen Karajan anlangt, auch unglaublich modern. Was tut es da zur Sache, ob dieser Dirigent ein „Kontrollfreak“ war oder einen „Willen hatte, der wie ein Laserstrahl jeden Widerstand zertrümmert hat.“ In dieser Hinsicht hat er sich wahrscheinlich auch in bester Gesellschaft mit Pultgrößen wie Toscanini, de Sabata oder Fritz Reiner befunden.

Die beiden erstmals veröffentlichten Konzertfilme der Bach‘schen Suite Nr. 2 und des dritten Brandenburgischen mit Karajan am Cembalo sind eher von historischem Interesse. Hier sind mit der entromantisierenden Aufführungspraxis der letzten Jahrzehnte doch andere Akzente gesetzt worden.

Ich meine, dass man dem wahren Phänomen dieses großen Dirigenten nicht mit seinen Interessen für Technik und Visuelles bedeutend näher kommt. Damit ist die Dokumentation ein interessantes Zeugnis eines Nebenschauplatzes von Karajans Wirken. Manchmal weiß man wirklich nicht, wer da im Film eitler rüberkommt: Karajan der doch immer zuletzt noch immer ein Quentchen Scheusein ausstrahlte oder seine „Ex-Entourage“, die ihre (teils aufgeblasenen) Urteile nicht immer in liebenswürdige oder respektvolle Worte gefasst hat. Um welche Wahrheit es da immer gehen mag, es gilt der Musik, die auch einen Herbert von Karajan zu Tränen rühren konnte. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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